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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 6 / Ausland
Italien

Mit zweierlei Maß

Abschuss italienischer »DC-9« vor 40 Jahren durch NATO-Jäger noch immer nicht restlos aufgeklärt
Von Gerhard Feldbauer
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Eindeutig: Vom Raketeneinschlag gezeichnetes Wrack der »DC-9« nach seiner Bergung (19.6.2006)

Während in Amsterdam im Prozess um den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine des Flugs »MH17« über dem Donbass der Schuldige, angeblich Russland, von Beginn an feststeht, erinnerte Italien am Wochenende an den Abschuss einer »DC-9« der Fluglinie Itavia vor 40 Jahren durch NATO-Jäger. Alle 81 Insassen kamen ums Leben – die Drahtzieher, CIA, Militärischer Abschirmdienst der BRD, andere westliche Geheimdienste sowie die NATO, entziehen sich der Verantwortung bis heute.

In Bologna, wo die Passagiermaschine am 27. Juni 1980 gestartet war, fand mit führenden Politikern der Regionalregierung der Emilia-Romagna eine Gedenkveranstaltung statt. Staatspräsident Sergio Mattarella und Premier Giuseppe Conte mahnten laut ANSA an, den Vorfall endlich restlos aufzuklären – ein hoffnungsloser Appell.

Die »DC-9«, die an jenem Abend um 20.59 Uhr nördlich der vor Sizilien liegenden Insel Ustica ins Tyrrhenische Meer stürzte, war in einen Einsatz von zirka 30 Jägern, Radarflugzeugen, Flugzeugträgern und U-Booten der NATO geraten. Ziel war der libysche Staatschef Muammar Al-Ghaddafi an Bord einer sowjetischen Tupolew, dessen Tod in Tripolis einen Putsch auslösen sollte. Der die Rakete abschießende Pilot hatte die »DC-9« für die Tupolew gehalten.

Die NATO wiegelte erwartungsgemäß ab: Sämtliche Maschinen seien am Boden, alle Raketen in den Hangars gewesen. Erst 1987, als das Wrack der »­DC- 9« auf Betreiben der Itavia geborgen wurde, ließ sich ein Raketeneinschlag nicht mehr leugnen. Im folgenden Jahr stießen am 28. August während einer Flugschau über der US-Luftwaffenbasis Ramstein in Rheinland-Pfalz zwei Piloten der italienischen Kunstflugstaffel »Frecce Tricolori« zusammen und stürzten in die Menge. Es gab 70 Tote und 450 Verletzte, viele davon schwer. Zumindest eine der italienischen Maschinen war manipuliert worden. Die beiden Piloten waren als Jagdflieger über Ustica im Einsatz und nach der Flugschau zur Vernehmung vorgeladen gewesen.

Nun kam ans Licht, dass bis dahin bereits über ein Dutzend Zeugen, alle Mitwisser der Umstände des »DC-9«-Absturzes, auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen waren. Bekannt wurde, dass die Suche nach der Maschine zehn Stunden lang verschleppt und, obwohl die Absturzstelle genau bekannt war, die Suchtrupps in ein weit abseits liegendes Gebiet geschickt wurden. Laut dem Mailänder Nachrichtenmagazin Panorama von 1989 hielt sich die »DC- 9« noch einige Stunden über Wasser und sank erst, nachdem ihr Rumpf im Morgengrauen von Soldaten eines britischen U-Bootes gesprengt worden war. Bis dahin habe es noch Überlebende gegeben.

Auch die 1997 von dem in Terrorfragen erfahrenen Staatsanwalt Rosario Priore begonnenen Ermittlungen bestätigten den Abschuss durch einen NATO-Jäger. Priore klagte neun italienische Generäle und Offiziere wegen Hochverrats, Irreführung der Behörden, Beweisunterdrückung und Zeugenbeeinflussung an. Eine Anklage wegen Mittäterschaft bei der Ermordung oder zumindest des Totschlags der 81 Insassen der »DC-9« wurde nicht zugelassen, auch nicht eine wegen Zeugenbeseitigung. Die Richtersprüche fielen milde aus, die Verurteilten kamen bald wieder auf freien Fuß, ihre Karrieren litten nicht. Der verurteilte General Lamberto Bartolucci stieg später zum Generalstabschef des Verteidigungsministers auf. 2013 wurde jedoch der italienische Staat durch das Oberste Kassationsgericht dazu verurteilt, 100 Millionen Euro an die Familien der Opfer zu zahlen – mit der Begründung, Italien habe seinen Luftraum nicht verteidigt.

Wie Il Manifesto am Sonntag schrieb, hätte die Kommission für Terrorismus das Parlament einstimmig auf die Verantwortung militärischer Institutionen hingewiesen. Auch 40 Jahre später könne man anfangen, »Rechenschaft für jene Verhaltensweisen zu fordern, die die Suche nach der Wahrheit innerhalb der öffentlichen Verwaltung so lange behindert haben«.

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