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Aus: Ausgabe vom 30.06.2020, Seite 1 / Titel
Gewerkschaftskampf in der BRD

Amazon muss liefern

Verdi ruft Beschäftigte zum 48-Stunden-Ausstand auf. Konzern ignoriert Forderung nach Tarifvertrag für Gesundheitsschutz und Beschäftigungsgarantie
Von Oliver Rast
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Pure Plackerei: Amazon-Beschäftigte mobilisieren bundesweit gegen gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen (Dortmund, 8.11.2018)

Mit Beginn der Nachtschicht zu Montag ging es los. Die Gewerkschaft Verdi rief Beschäftigte an sechs Standorten des Onlineversandriesen Amazon auf zu streiken. Auftakt war in Bad Hersfeld (mit zwei Standorten) und Koblenz, in Rheinberg und Werne sowie in Leipzig. Bundesweit hat Amazon 13 Logistikstandorte mit etwa 13.000 festangestellten Arbeitern. Bis zum frühen Mittwoch morgen wollen Belegschaften den Bändern fernbleiben.

Das Ziel: Die Gewerkschaft fordert den Abschluss eines Tarifvertrags unter dem Motto »Gute und gesunde Arbeit«. Die beiden Kernpunkte: Besserer Schutz der Amazon-Kollegen vor Coronavirusinfektionen und eine Beschäftigungsgarantie. Zudem verlangt Verdi die Anerkennung regionaler Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels durch Amazon.

Im Vorfeld zeigte sich Verdi kämpferisch: »Wir verschärfen die Gangart, denn Amazon zeigt bislang keine Einsicht und gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten zugunsten des Konzernprofits«, wurde Orhan Akman, Verdi-Verantwortlicher für den Einzel- und Versandhandel, in einer Mitteilung am Sonntag zitiert. Akman verwies auf die jüngsten Coronavirusausbrüche an Amazon-Standorten, unter anderem in Bad Hersfeld. Die Chefs der Niederlassungen scheint das wenig zu interessieren, was örtliche Verdi-Streikleiter am Montag gegenüber jW bestätigten. »Nein, von denen gibt es keine Reaktionen, mit uns als Gewerkschaft reden die ja nicht«, sagte Mechthild Middeke, Verdi-Streikleiterin an den Amazon-Standorten in Bad Hersfeld, am Montag im jW-Gespräch.

Die Stimmung unter den Beschäftigten trübt das nicht, sagte Middeke. Jede Schicht im Rund-um-die-Uhr-Betrieb ist aufgerufen, zweimal an den beiden Tagen in den Streik zu treten. Auf große Menschentrauben vor den Logistikzentren verzichtet Verdi coronabedingt. Aber bis zum Montag mittag konnte Middeke allein in Bad Hersfeld rund 500 Streikende registrieren. Beachtlich für zwei Schichten, zumal der Krankenstand aktuell relativ hoch ist und nicht wenige bereits im Urlaub sind. In den beiden Niederlassungen der Stadt arbeiten knapp 3.300 Menschen.

Wie streikbereit sind die Belegschaften andernorts? Im Logistikzentrum in Rheinberg haben zu Wochenbeginn bis zu 450 Beschäftigte ihre Arbeit niedergelegt. In Leipzig sollen es rund 500 Streikende gewesen sein, berichtete Jörg Lauenroth-Mago, Verdi-Fachbereichsleiter Handel, auf jW-Nachfrage am Montag.

Vom Amazon-Pressestab hieß es gleichentags nonchalant: »Was die Gewerkschaft als Ziel beschreibt, ist für die Mitarbeiter von Amazon längst Realität.« Dazu zählten Löhne am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten gezahlt würde und vor allem ein »sicheres Arbeitsumfeld.« Konzernreklame, mehr nicht – Lauenroth-Mago machte klar: »Es gibt weder tarifvertragliche noch betriebliche Vereinbarungen zum Gesundheitsschutz.« Unterstützung kommt aus der Politik. »Amazon muss endlich für Transparenz bei der Zahl der Coronainfektionen in seinen Logistikzentren sorgen«, forderte Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion am Montag.

Amazon ist Krisengewinnler, die Gewinne explodieren, ärgert sich Lauenroth-Mago. Zur Konzernstrategie passt, dass exakt heute der »Belastungsbonus« von zwei Euro pro Stunde für Amazon-Arbeiter ausläuft. »Die Beschäftigten«, so der Gewerkschafter, »wollen sich ihre Gesundheit nicht mehr für Almosen ruinieren.«

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