Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Juli 2020, Nr. 154
Die junge Welt wird von 2327 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Verkommen« Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 16 / Sport
Tennis

Vorbilder des Feierns

»Adria Cup« abgebrochen, Davis-Cup-Finale abgesagt, aber die US Open sollen stattfinden – Stand der Dinge im Tenniszirkus
Von Peer Schmitt
Tennis_Djokovic_Even_65802017.jpg
Gruppenbild mit Staresoteriker: Serbischer Tennis-Virtuose Novak Djokovic (Bildmitte) posiert mit Freiwilligen und Spielern während der Showeinlage »Adria-Cup« in Belgrad (12.6.2020)

Den Profisport soll, muss und wird man geschehen lassen, auch wenn Zuschauer vor Ort, also an Stätten seiner Ausübung, vorerst meist nicht gestattet sind. Ganz vorne mit dabei ist das Profitennis, der aus aristokratischem Privileg und professioneller Korruption geborene Mustersport. So wurde in der vorvergangenen Woche entschieden, dass die US Open in New York vom 31. August bis zum 13. September stattfinden. Das Preisgeld wird leicht reduziert, das Teilnehmerfeld der Doppelkonkurrenzen abgespeckt. Das wichtigste aber für Spieler jenseits der Top 100 der (derzeit »eingefrorenen«) Weltranglisten: Es wird für diese Quarantäne-US-Open kein Qualifikationsturnier geben. Das Feld bei Damen und Herren wird sich jeweils aus 120 durch den Weltranglistenplatz Qualifizierten und acht »Wildcards« zusammensetzen. Die Spieler sollen in einem Hotelkomplex isoliert untergebracht, getestet und überwacht werden, folglich mit dem Sozialen der Stadt New York so gut wie nicht mehr in Kontakt geraten.

Auch Medienpersonal ist auf den Zuschauerrängen nicht zugelassen. Die Ausnahme sind selbstverständlich die Kamerateams der übertragenden TV-Sender und Internetplattformen. Digitale Kameras werden die Matches nicht nur aufzeichnen, sondern endgültig unverzichtbarer Bestandteil sein. Nur auf den beiden Hauptplätzen wird es noch menschliche Linienrichter geben. Auf allen anderen Plätzen wird sich der Stuhlschiedsrichter mit dem Urteil des digitalen »Hawkeye«-Systems begnügen müssen (mit dem »Videobeweis«, wie man in der anachronistischen Fußballprovinz sagt). Die US Open 2020 werden somit als eine der ersten weitgehend sterilisierten und virtualisierten Sportveranstaltungen in die Geschichte eingehen.

Einen Rückschlag hatte die Renormalisierung des Tenniszirkus zuletzt beim »Adria Cup« in Belgrad erlitten, der ersten Station einer Reihe von Showveranstaltungen unter der Schirmherrschaft des Impfskeptikers und von magischen Heilwassern unverwundbar gemachten Esoterikers Novak Djokovic. Der ­Adria Cup war offen als eine Art Strandparty konzipiert. Es gab jede Menge feiernde Zuschauer, keinerlei Physical Distancing, die Spieler sahen sich als Vorbilder des Feierns. Man muss die entsprechenden Bilder allerdings im Kontext der erheblichen Lockerungen des Quarantäneregimes in Serbien im Vorfeld der dortigen Wahlen am 21. dieses Monats sehen, die zu einem Erdrutschsieg der Fortschrittspartei (SNS) des amtierenden Präsidenten Aleksandar Vucic führten. Djokovic mag ein völlig verrückter König seines Sports sein, aber er unternahm nichts, was der aktuellen Politik seines Präsidenten widersprochen hätte.

Das Ergebnis war ernüchternd. Zunächst wurden teilnehmende Spieler wie (der ewige Pechvolgel) Grigor Dimitrow und Borna Coric sowie einige Betreuer positiv auf das Virus getestet. Einige Tage später dann die krönende Nachricht: Auch König Djokovic und seine Ehefrau Jelena sind mit dem Coronoavirus infiziert und befinden sich in Quarantäne. Der »Adria Cup« wurde abgebrochen.

Nicht stattfinden wird in diesem Jahr das Davis-Cup-Finalturnier in Madrid, so wurde am Freitag offiziell erklärt. Es soll im kommenden Jahr nachgeholt werden. Das letzte Sportjahr ohne Davis-Cup-Finale war 1974, als sich die Mannschaft Indiens weigerte, in Südafrika anzutreten. Begründet wurde die Absage diesmal mit Gesundheit, Hygie­ne und Sicherheit in der Quarantänewelt. Wie die französische Sportzeitung L'Equipe am Sonnabend berichtete, ist dies allerdings wohl nicht viel mehr als ein willkommener Vorwand. Der wahre Grund: Geld. Das für das neue Davis-Cup-Format verantwortliche Unternehmen Kosmos Tennis hatte im vergangenen Jahr mit der Veranstaltung einen Verlust von 50 Millionen Euro verbucht. Durch die Einsparung der geplanten Preisgelder, heißt es, spare die Firma in diesem Jahr gut 18 Millionen Euro.

Man verliert weniger Geld, wenn man etwas nicht stattfinden lässt. Das ist wohl so etwas wie die sportgeschäftliche Entsprechung des Negativzinses in der Geldpolitik. Sehr zeitgemäß. Das Nichts ist der große Gewinn.

Die junge Welt ist anders.

Marxistisch, überregional, genossenschaftlich. Und günstig: wochentags für 1,80 € und am Wochenende 2,20 € am Kiosk.

Mehr aus: Sport

Wo gibt es noch konsequent linken Journalismus? Na, am Kiosk! Am Wochenende für 2,20 €.