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Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Pub Crawl mit Marx

Ein Reiseführer geleitet zu Orten, an denen die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus gelebt, gekämpft und gefeiert haben
Von Nick Brauns
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Wenn das Reisebudget nicht bis London reicht: Die Marx-Engels-Doppelstatue in Berlin

London im April 1854: Auf der Tottenham Court Road randaliert eine Gruppe betrunkener Ausländer. Es sind Flüchtlinge und politische Extremisten, die hier das Gastrecht des britischen Königreichs missbrauchen. Ein vollbärtiger Mann, der aufgrund seiner schwarzen Lockenmähne »Mohr« gerufen wird, beleidigt eine Gruppe Engländer. »Die Köpfe erhitzten sich. Fäuste fuchtelten in der Luft«, schildert einer der Beteiligten später die Ereignisse. Einer ergreift einen Stein. »Eine Gaslaterne flog klirrend in Scherben.« Weitere Lampen werden zerstört, bis die Polizei auftaucht. »Wir stürmten voran, drei oder vier Policemen in einiger Entfernung hinter uns.« Nach einer »wilden Jagd« gelingt es den Chaoten, die Polizei in einer Seitengasse abzuschütteln.

Diese Schilderung einer Sauftour mit Karl Marx und weiteren im Londoner Exil lebenden deutschen Sozialisten stammt vom Mitbegründer der Sozialdemokratie und späteren Reichstagsabgeordneten Wilhelm Liebknecht. Ehrgeiziges Ziel war es gewesen, sich ein Bier in jedem Wirtshaus zwischen Oxford Street und Hampstead Road zu genehmigen. Sechs der damaligen Pubs gibt es dort heute noch. Wer sich auf Marx’ Spuren durch London saufen will, dem sei der neu beim Reise-Know-How-Verlag erschienene Reiseführer »Auf den Spuren von Karl Marx und Friedrich Engels« von Michael Driever empfohlen, in dem sich diese Kneipentour findet.

Der Reiseführer durch acht Städte in vier Ländern begleitet zu allen wichtigen Lebensstationen der beiden Revolutionäre in Deutschland, Frankreich, Belgien und England. Die Reise beginnt an den Geburtsorten von Engels und Marx in Wuppertal und Trier. Sie führt weiter nach Berlin. Hier studierte Marx Philosophie bildete in durchzechten Nächten mit anderen Studenten erste Grundlagen seiner späteren Weltanschauung heraus, während Engels als Freiwilliger bei der Artillerie militärisches Wissen erlangte, das ihm bei den Barrikadenkämpfen im Revolutionsjahr 1848 von Nutzen war und den Spitznamen »General« eintrug.

Es geht weiter nach Köln, wo Marx Anfang der 1840er Jahre als Journalist für die Rheinische Zeitung tätig war und nach Paris, wo sich Marx und Engels anfreundeten und ihre lebenslange Zusammenarbeit begann, sowie nach Brüssel, wo sie 1848 das »Kommunistische Manifest« verfassten. Ein Rundgang führt durch Manchester, wo der Fabrikantensohn Engels »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« recherchierte, dabei zum überzeugten Sozialisten wurde und in der irischen Arbeiterin Mary Burns seine große Liebe fand. Schließlich geht es nach London, wo Marx »Das Kapital« verfasste und gemeinsam mit Engels an der Organisation der internationalen Arbeiterbewegung mitwirkte. In der Metropole, in der Marx und Engels bis zu ihrem Tod blieben, befindet sich das eindrucksvolle Grabmal von Marx auf dem Highgate-Friedhof.

Die Rundgänge führen zu Orten wie dem Karl-Marx-Haus in Trier und dem Engels-Haus in Wuppertal, zu Lesesälen in der Humboldt-Universität, dem Britischen Museum und der Chetham’s Library in Manchester, zu Adressen längst vergessener Redaktionsstuben und ehemaliger Arbeiterklubs, in heute dort noch bestehende Restaurants, deren Preise kein Proletarier mehr bezahlen kann. Erfreulicherweise finden auch Orte Erwähnung, die an die Lebens- und Kampfgefährtinnen der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus erinnern, an Jenny von Westphalen und die Burns-Schwestern Mary und Lydia, genannt Lizzy, sowie an die Marx-Kinder.

Eine bebilderte Liste bietet einen Überblick über 55 weitere Marx- und Engels-Denkmäler und Erinnerungstafeln, mehrheitlich in Ostdeutschland – vom gigantischen »Nischel« im ehemaligen Karl-Marx-Stadt bis zu einem früheren Bismarck-Stein in Fürstenwalde (Spree), der in den 1950er umgewidmet wurde, um statt dessen Marx zu ehren. Eine Kletterwand in Form von Engels’ Bart an der Universität von Salford bei Manchester, wo Familie Engels eine Baumwollspinnerei betrieb, ist das wohl bizarrste Denkmal. In Berlin erinnert neben der bekannten Doppelstatue im Marx-Engels-Forum, einer Büste in der Ostberliner Prachtstraße Karl-Marx-Allee sowie einem Denkmal auf der Halbinsel Stralau auch die Karl-Marx-Straße im Westberliner Bezirk Neukölln an den Sozialisten. Dass sich in dieser heute von migrantischen Läden und Shisha-Bars geprägten Straße außer einem Karl-Marx-Grill an versteckter Stelle auch ein plastisches Porträt des bärtigen Philosophen befindet, ist indessen kaum bekannt. Das kleine in eine Stuckleiste eingearbeitete Bildnis findet sich gleich nach dem Hermannplatz auf der linken Seite über einem Ein-Euro-Laden.

Michael Driever: Auf den Spuren von Karl Marx und Friedrich Engels. Reise-Know-How-Verlag, Bielefeld 2020, 252 Seiten, 14,90 Euro

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