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Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Crash

Der Lack ist ab

Die Aufklärung des Finanzskandals um den deutschen Zahlungsabwickler Wirecard steht erst am Anfang
Von Jörg Kronauer
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Markus Braun, früherer Wirecard-Vorstandschef, konnte sich mit einer Millionenkaution erst einmal aus dem Knast freikaufen – ein Prozess dürfte dennoch auf ihn warten (München, 20.1.2020)

Das ging schnell. Berichte über Unregelmäßigkeiten, über mutmaßliche Bilanzfälschung im großen Stil hatten den deutschen Finanzkonzern Wirecard AG schon seit Jahren begleitet. In den vergangenen Monaten hatten sie sich verdichtet, zu heftigen Kursschwankungen geführt und die Konzernspitze ins Wanken gebracht. Seit nun aber am 18. Juni bekannt wurde, dass Wirecard seinen aktuellen Geschäftsbericht trotz mehrmaliger Terminverschiebung nicht vorlegen konnte, weil die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY ihm das Testat verweigerte, überschlagen sich die Ereignisse.

Am 19. Juni trat Konzernchef Markus Braun, der das Unternehmen in weniger als zwei Jahrzehnten aus einem in trüben Gewässern fischenden Mittelständler in einen Dax-Konzern verwandelt hatte, zurück: Als klar war, dass angebliche Wirecard-Bankguthaben im Wert von gut 1,9 Milliarden Euro offenkundig nicht existierten, konnte er sich nicht mehr halten. Am Abend des 22. Juni kam Braun in Haft, wurde freilich schon am folgenden Tag gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von fünf Millionen Euro freigelassen. Am 25. Juni beantragte der Konzern aus Aschheim bei München dann schließlich, nachdem es ihm nicht gelungen war, seine Gläubigerbanken zur Verlängerung von Krediten im Wert von 1,3 Milliarden Euro zu bewegen, Insolvenz. Seine Aktie, die im Herbst 2018, als er die Commerzbank aus dem Dax verdrängte, noch mit fast 200 Euro bewertet worden war und am 17. Juni immerhin noch bei 104 Euro lag, notierte Ende vergangener Woche bei 1,38 Euro.

Klar ist bislang vor allem eines: Die Aufklärung des »Kriminalfalls Wirecard« steht erst am Anfang. Zum einen gilt das für die Machenschaften des Konzerns selbst. Im Mittelpunkt steht aktuell die Frage, wie die gefälschten Bescheinigungen über angebliche Wire­card-Guthaben von 1,123 Milliarden Euro bei der »Banco de Oro-Unibank« (BDO) und von 813 Millionen Euro bei der Bank of the Philippine Islands (BPI) zustande kamen. Die BDO, die größte, und BPI, die viertgrößte Bank der Philippinen, bestätigten am Freitag einhellig, Wirecard habe keine Konten bei ihnen unterhalten. Dubios ist zudem die Rolle eines angeblichen Wirecard-Treuhänders in Singapur namens »Citadelle Corporate Services«, über den die Fälschungen womöglich angebahnt wurden.

Der mittlerweile gefeuerte Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, der für das operative Geschäft und für die Region Südostasien zuständig war, ist flüchtig; laut Aussage von Regierungsstellen in Manila hält er sich eventuell auf den Philippinen auf. Aber es könnten sich noch weitere Abgründe auftun. Die Londoner Financial Times etwa war bei ihren Recherchen auf die Firma »Al Alam Solutions« aus Dubai gestoßen, die zwar angeblich eine zentrale Rolle beim Wirecard-Geschäft mit den reichen Staaten der Arabischen Halbinsel spielte, aber nur sechs oder sieben Mitarbeiter sowie ungemein dünne Außenbeziehungen hatte. Die Frage drängt sich auf, ob die Fälschungen auf den Philippinen die einzigen waren, mit denen Wirecard seine Bilanzen aufblies.

Zum anderen besteht mindestens ebenso großer Aufklärungsbedarf bei EY und bei den deutschen Aufsichtsbehörden. EY hat laut Recherchen der Financial Times zumindest von 2016 bis 2018 angebliche umfangreiche Wire­card-Guthaben in Südostasien nicht ordnungsgemäß überprüft und sich für das Testat des Geschäftsberichts mit bloßen Kopien und Screenshots zufriedengegeben; ein Vorgehen, das jeder Wirtschaftsprüfung Hohn spricht.

Und da wäre noch die Aufsichtsbehörde Bafin, die dem Bundesfinanzministerium untersteht. Die Bafin hat inzwischen eingeräumt, dass sie schon im Januar 2019 von einem Insider über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard informiert worden war – genau zu der Zeit, zu der auch die Financial Times detailliert über die Geschäftspraktiken des Konzerns berichtete. Die Bafin schritt auch tatsächlich ein: Sie schützte Wirecard mit dem Verbot von sogenannten Leerverkäufen und erstattete Anzeige gegen einen Journalisten der Financial Times. Zu Schritten gegen die deutsche Firma sah sie sich nicht veranlasst.

Wirecard galt bis vor kurzem nicht nur als eine der erfolgreichsten hiesigen Unternehmensgründungen. Die Aktiengesellschaft war zudem neben der in die Jahre gekommenen SAP die einzige in Deutschland, die sich Hoffnungen machen konnte, in der immer wichtigeren Sparte der Internet- und IT-Konzerne in die Weltspitze vorzustoßen. Und: Sie gab dem Ansehen des Finanzplatzes Deutschland Auftrieb, dessen Traditionsfirmen – Deutsche Bank, Commerzbank – international nicht eben glänzen. Am Lack von Wirecard zu kratzen, das hätte dem Finanzplatzimage natürlich geschadet. Jetzt ist es ruiniert.

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