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Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 5 / Inland
Der schöne Schein

Weltweite Einkaufstour

Eine kurze Geschichte des Geldes. Teil 8: Währungskriege. Der Dollar sichert die Vorherrschaft der USA
Von Lucas Zeise
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Selbst an der Nordseeküste kann an der Supermarktkasse mit Dollarscheinen bezahlt werden (Bremerhaven, 29.10.2018)

Ob Rettungspakete der Bundesregierung oder Staatsanleihenkäufe der EZB: Geld ist in der Coronakrise das bestimmende Thema. In dieser zehnteiligen jW-Serie werden mit Hilfe marxistischer Erkenntnisse bürgerliche Mythen entlarvt – vom Tauschwert einer Kaurimuschel bis hin zum Handel mit Kryptowährungen. (jW)

Der US-Dollar ist seit dem Ende des Ersten Weltkriegs die führende Währung der Welt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde diese Führung sogar in offiziellen Verträgen zwischen den Staaten als Abkommen von Bretton Woods festgelegt. Die Kündigung dieser Verträge durch die USA 1971 und 1973 hat der Vorherrschaft des Dollars langfristig keinen Abbruch getan. Jedoch resultierte daraus eine Periode sehr starker Wechselkursschwankungen. Von einem Währungskrieg konnte allerdings keine Rede sein. Vielmehr manipulierte die US-Regierung den Dollarkurs gemäß ihren eigenen Bedürfnissen. Berühmt ist der Satz des Finanzministers John Connally in der Regierung Nixon, »der Dollar ist unsere Währung, aber Euer Problem«, der die Situation treffend beschrieb. Die Schwankungen des Dollar machten den Europäern großes Kopfzerbrechen. Vor allem in Phasen der Dollarschwäche wurde die D-Mark nicht nur gegenüber dem Dollar teurer, sondern auch gegenüber vielen anderen europäischen Währungen. Damit litt auch der innereuropäische Handel unter den erratischen Schwankungen des Dollar. Die Reaktion darauf war die Schaffung eines Systems fester Wechselkurse in Europa unter Führung der D-Mark und schließlich die einer gemeinsamen Währung. Der Euro löste zwar die innereuropäischen Handelshemmnisse, was vor allem den exportstarken deutschen Kapitalisten zugute kam, absichtsvoll jedoch nicht die schwache Position vieler an der Währungsunion beteiligten Länder auf den Währungs- und Finanzmärkten. Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass die führende Rolle des Dollar als Weltwährung auch durch die potentielle Konkurrenz des Euro seit 1999 keinerlei Abstriche erfuhr, obwohl die Euro-Zone als Wirtschaftsraum fast so groß ist wie die USA und im internationalen Warenhandel sie sogar übertrifft.

Die Vorteile, über eine Weltwährung zu verfügen, sind beachtlich. Der geringste davon ist die sogenannte Seigniorage, also das Einkommen, das die emittierende Zentralbank einer Währung durch die Ausgabe neuer Banknoten bezieht, für die praktisch keine Kosten entstehen. Der zweite Vorteil besteht in dem geringen Risiko für die Händler und Kapitalisten in den USA, weil nicht nur die Ein- und Ausfuhr, sondern auch andere Waren in der Welt in Dollar abgerechnet werden. Dass Rohstoffe wie Erdöl in der Regel in Dollar gehandelt werden, erzeugt zusätzlich Nachfrage nach Dollar als Zahlungsmittel. Der dritte Vorteil besteht darin, dass Schuldner in den USA, was ihre Währung betrifft, als allererste Klasse gelten.

Keinem anderen Land der Welt wird so bereitwillig Kredit gewährt werden wie gerade den USA. Bei einer ähnlichen Verschuldung, wie sie die USA aufweisen, wäre die Währung des Landes nach Panikverkäufen der großen Kapitalanleger ins Bodenlose gefallen. Der Dollar hatte zwar Schwächephasen, aber er stürzt nicht und von Panik ist keine Rede. Wer sein Kapital in Dollar angelegt hat, nimmt zusätzlich zu den ohnehin niedrigen Zinsen die Gefahr eines vom Niedergang des Dollar verursachten Wertverlustes in Kauf. Dieses geradezu stoische Verhalten widerspricht allem, was bürgerliche oder auch marxistische Ökonomen über die Bewegungen des Kapitals bisher angenommen haben.

In einer Schwachwährung Kredit zu geben, ist eine Dummheit oder, was dasselbe ist, ein Verlustgeschäft. Für US-Amerikaner, die ihre Ausgaben in Dollar tätigen, mag das Abrutschen der Währung egal sein. Für alle anderen aber frisst der Kursrutsch der Währung die Zinsen auf und noch mehr. Währungen, die sich wie der Dollar auf einem Abwärtspfad befinden, werden deshalb vom internationalen Kapital gemieden. Sie müssen sich, wollen sie Kredit, an den Internationalen Währungsfonds (IWF) wenden, der ihnen, wenn er gnädig ist, ein Restriktionsprogramm verpasst und ihnen einen Hundert-Millionen-Kredit in Festwährung (bisher fast immer Dollar) gewährt und so die Großbanken ermutigt, mit solchen unsicheren Kantonisten ins Geschäft zu kommen.

Zugleich sind die USA ihrerseits das Ursprungsland des größten Stromes an Kapitalexport weltweit. Der größte Vorteil, über die Weltwährung zu verfügen, besteht schließlich in der Summe darin, dank eines starken Dollar relativ billig auf den Kapitalmärkten der Welt auf Einkaufstour gehen zu können. Obwohl die USA unverändert größter Schuldner des Globus sind, ist ihr Finanzkapital unverändert in der Lage, den Cheffinancier der Welt zu spielen und laufend sogar auszubauen.

Lucas Zeise ist Buchautor, Finanzjournalist und jW-Kolumnist. Er arbeitete u. a. für die Börsen-Zeitung und war Mitbegründer der Financial Times Deutschland.

Lesen Sie morgen in junge Welt Teil 9: Abschaffung des Bargelds

Die Serie online: jungewelt.de/der-schoene-schein

In der Serie Der schöne Schein:

Ab dem 20. Juni erscheint in der jungen Welt eine zehnteilige Serie zum Thema »#Geld - Der schöne Schein« des renommierten Finanzjournalisten Lucas Zeise. Zeise arbeitete für die Börsen Zeitung, gehörte zur Gründungsredaktion der Financial Times Deutschland und publiziert heute regelmäßig in der Tageszeitung junge Welt.

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