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Aus: Ausgabe vom 29.06.2020, Seite 2 / Inland
Angriffe auf Kulturladen

»Veddel ist einer der ärmsten Stadtteile«

Ärger mit Anhängern der »Grauen Wölfe«: Linker Kulturladen in Hamburg setzt wegen »Klassenstandpunkt« nicht auf Polizei. Ein Gespräch mit Sina Diercks
Interview: Interview: Kristian Stemmler
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Hinterlassenschaft der »Grauen Wölfe« (Hamburg, Mai 2020)

Auf den Info- und Kulturladen »Lüttje Lüüd« im Hamburger Stadtteil Veddel hat es in den vergangenen Wochen mehrere Angriffe gegeben. Was ist passiert?

Der erste Angriff ereignete sich bereits Anfang März. Am Nachmittag stürmte ein Mann herein, pöbelte lautstark und bedrohte die Anwesenden verbal. Aus dem Büroraum entwendete er eine Fahne der Gruppe Young Struggle, die er dann draußen vor der Tür zerriss. Zwei Monate später mussten wir feststellen, dass unsere Frontfensterscheibe mit Steinen eingeworfen worden war. Eine Woche darauf befanden sich zwei Genossen im Laden, als der Angreifer nachts mit einem Zimmermannshammer bewaffnet aufkreuzte. Einer der Genossen redete türkisch mit dem Mann und machte ihm klar, dass sein Verhalten nicht klarginge. Er hingegen stürmte wieder zum Büro, schlug mit dem Hammer auf die Bürotür ein. Am folgenden Sonntag morgen waren alle Fensterscheiben mit faschistischen Parolen und Symbolen beschmiert.

Wie gefährlich waren die Angriffe für Anwesende?

Der Angreifer macht auf uns einen ziemlich unberechenbaren Eindruck, weshalb wir bei der ersten Begegnung darauf achteten, die Situation nicht eskalieren zu lassen, da auch Kinder anwesend waren. Wären beim Einschmeißen der Frontscheibe Personen im Laden gewesen, hätten sie durchaus verletzt werden können. Am bedrohlichsten war wohl das Szenario mit dem Hammer.

Haben Sie die Polizei eingeschaltet?

Die Polizei haben wir nur bei der eingeworfenen Scheibe gerufen. Dies mussten wir wegen der Versicherung tun. Das »Lüttje Lüüd« versteht sich als Stadtteilladen mit Klassenstandpunkt. Die Polizei als ein Repressionsorgan des bürgerlichen Staates sehen wir nicht als Freund und Helfer. Deshalb sind wir auf antifaschistischen Selbstschutz angewiesen und haben uns entschlossen, die Vorfälle öffentlich zu machen. Wir erwarten von den Hamburger Antifagruppen konkrete Solidarität. Seit Jahren ist es die erste Offensive von rechts gegen ein linkes Projekt in Hamburg – das sollte alle antifaschistisch denkenden Menschen alarmieren.

Ihr Kollektiv konnte den persönlichen Hintergrund des Angreifers recherchieren und hat seinen Vater angesprochen.

Durch solidarische Nachbarn haben wir den Vater des Angreifers kennengelernt. In einem Gespräch mit ihm wurde deutlich, dass er selbst und seine Frau demokratisch eingestellt sind. Er zeigte sich wütend und enttäuscht über die Angriffe seines Sohnes auf unser Projekt, rief ihn umgehend an, stellte ihn zur Rede und entschuldigte sich für sein Verhalten bei uns. Viele Menschen aus der Nachbarschaft kamen danach mit uns ins Gespräch und versicherten, dass sie unsere Arbeit sehr schätzten.

Gibt es gefestigte Strukturen türkischer Faschisten auf der Veddel?

Faschistische Strukturen gibt es hier definitiv. Es gibt einige Vereine im näheren Umkreis, ebenso einen Fußballverein, dem man nachsagt, dass die Bozkurts (Bezeichnung für die faschistischen Grauen Wölfe, jW) dort rekrutieren, und einen Festsaal, in dem 2017 der türkische Außenminister zu Wahlkampfzwecken sprechen sollte, was aber aus Brandschutzgründen untersagt wurde. Nachdem unsere Frontscheibe beschädigt worden war, kam ein Mann aus einem der Vereinsräume zu uns und versicherte uns seinen Unmut über den Vorfall. Das wirkte insofern glaubwürdig, als dass er klar machte, dass man politische Differenzen habe, aber so eine Art der Auseinandersetzung von ihm und seinen Leuten hier definitiv nicht gewollt sei.

Wie sieht das Angebot Ihres Stadtteilladens aus, und was ist die Veddel
für ein Stadtteil?

Unser Angebot ist vielfältig und offen gestaltet. So gibt es etwa eine Vokü (»Volxküche«, jW), offene Ladentreffen, Spieleabende, Kulturabende, Stadtteilkneipe, Sonntagsbrunch. Veddel ist einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs, die Infrastruktur ist miserabel. Viele Menschen werden hier in prekären Verhältnissen groß beziehungsweise alt. Mit unserem Angebot möchten wir den hier lebenden Menschen eine Bereicherung ihres Alltags bieten, sei es eine warme Mahlzeit für wenig Geld, Hilfe im Alltag, Freizeitaktivitäten für Kinder oder auch einfach mal ein offenes Ohr. Auch ein Frauencafé befindet sich in Planung.

Sina Diercks (Name geändert) ist Aktivistin in Hamburg.

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