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Aus: Ausgabe vom 27.06.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kreuzzug gegen Arbeiter

Im November 1864 entwarf Karl Marx einen Glückwunsch des Zentralrats der I. Internationale zur Wiederwahl von US-Präsident Abraham Lincoln
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»Wenn Widerstand gegen die Macht der Sklavenhalter die maßvolle Losung Ihrer ersten Wahl war, so ist ›Tod der Sklaverei!‹ der triumphierende Schlachtruf Ihrer Wiederwahl«: Zeitgenössische rassistische Karikatur, betitelt mit »Der Vermischungsball«

Sir, wir wünschen dem amerikanischen Volk Glück zu Ihrer mit großer Majorität erfolgten Wiederwahl! (Am 8. November 1864 hatte Abraham Lincoln, hinter dem vor allem Arbeiter, Bauern und städtisches Bürgertum standen, die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen. jW)

Wenn Widerstand gegen die Macht der Sklavenhalter die maßvolle Losung Ihrer ersten Wahl war, so ist »Tod der Sklaverei!« der triumphierende Schlachtruf Ihrer Wiederwahl. (Lincoln trieb die Verabschiedung des 13. Zusatzes zur US-Verfassung, in dem die Sklaverei in den USA verboten wurde, seit 1864 energisch voran. Am 31. Januar 1865 wurde der Zusatz vom Repräsentantenhaus verabschiedet. jW)

Vom Anfang des amerikanischen Titanenkampfs an fühlten die Arbeiter Europas instinktmäßig, dass an dem Sternenbanner das Geschick ihrer Klasse hing. Der Kampf um die Territorien, welcher die furchtbar gewaltige Epopöe eröffnete, hatte er nicht zu entscheiden, ob der jungfräuliche Boden unermesslicher Landstrecken der Arbeit des Einwanderers vermählt oder durch den Fuß des Sklaventreibers befleckt werden sollte?

Als die Oligarchie der 300.000 Sklavenhalter zum ersten Mal in den Annalen der Welt das Wort Sklaverei auf das Banner der bewaffneten Rebellion zu schreiben wagte; als auf dem selbigen Boden, dem kaum ein Jahrhundert vorher zuerst der Gedanke einer großen demokratischen Republik entsprungen war, von dem die erste Erklärung der Menschenrechte (am 4. Juli 1776 in Philadelphia von den Delegierten der 13 englischen Kolonien in Nordamerika angenommen, jW) ausging und der erste Anstoß zu der europäischen Revolution des 18. Jahrhunderts gegeben wurde; als auf diesem selbigen Boden die Kontrerevolution mit systematischer Gründlichkeit sich rühmte, »die zur Zeit des Aufbaues der alten Verfassung herrschenden Ideen« umzustoßen, und »die Sklaverei als eine heilsame Einrichtung – ja als die einzige Lösung des großen Problems der Beziehungen der Arbeit zum Kapital hinstellte« und zynisch das Eigentumsrecht auf den Menschen als den »Eckstein des neuen Gebäudes« (Zitate aus einer Rede des englischen Politikers John Bright von 1862, jW) proklamierte; da begriffen die Arbeiter Europas sofort, selbst noch ehe sie durch die fanatische Parteinahme der oberen Klassen für den Konföderiertenadel gewarnt worden, dass die Rebellion der Sklavenhalter die Sturmglocke zu einem allgemeinen Kreuzzug des Eigentums gegen die Arbeit läuten würde und dass für die Männer der Arbeit außer ihren Hoffnungen auf die Zukunft auch ihre vergangnen Eroberungen in diesem Riesenkampfe jenseits des Ozeans auf dem Spiele standen. Überall trugen sie darum geduldig die Leiden, welche die Baumwollenkrisis (Englisch »Lancashire Cotton Famine« oder »Cotton Panic« von 1861 bis 1865: Überproduktionskrise der baumwollverarbeitenden Industrie Englands, die durch die Unterbrechung des Baumwollimports als Folge des US-Bürgerkriegs verschärft wurde. In vielen europäischen Regionen, besonders im englischen Lancashire, herrschte Hungersnot. jW) ihnen auferlegte, widersetzten sich voll Begeisterung der Intervention zugunsten der Sklaverei, welche die höheren und »gebildeten« Klassen mit solchem Eifer herbeizuführen suchten, und entrichteten aus den meisten Teilen Europas ihre Blutsteuer für die gute Sache.

Solange die Arbeiter, die wahren Träger der politischen Macht im Norden, es erlaubten, dass die Sklaverei ihre eigene Republik besudelte; solange sie es dem Neger gegenüber, der ohne seine Zustimmung einen Herrn hatte und verkauft wurde, als das höchste Vorrecht des weißen Arbeiters rühmten, dass er selbst sich verkaufen und seinen Herrn wählen könne – solange waren sie unfähig, die wahre Freiheit der Arbeit zu erringen oder ihre europäischen Brüder in ihrem Befreiungskampfe zu unterstützen. Dieses Hindernis des Fortschritts ist von dem roten Meere des Bürgerkrieges hinweggeschwemmt worden.

Die Arbeiter Europas sind von der Überzeugung durchdrungen, dass, wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775 bis 1783 kämpften die 13 nordamerikanischen Kolonien gegen die britische Kolonialmacht. jW) eine neue Epoche der Machtentfaltung für die Mittelklasse einweihte, so der amerikanische Krieg gegen die Sklaverei eine neue Epoche der Machtentfaltung für die Arbeiterklasse einweihen wird. Sie betrachten es als ein Wahrzeichen der kommenden Epoche, dass Abraham Lincoln, dem starksinnigen, eisernen Sohn der Arbeiterklasse, das Los zugefallen ist, sein Vaterland durch den beispiellosen Kampf für die Erlösung einer geknechteten Race und für die Umgestaltung der sozialen Welt hindurchzuführen.

Unterzeichnet im Namen der Internationalen Arbeiterassoziation vom Zentralrat.

Karl Marx: An Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Geschrieben zwischen dem 22. und dem 29. November 1864. Auf Deutsch veröffentlicht in: Der Social-Demokrat Nr. 3 vom 30. Dezember 1864. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke (MEW), Band 16. Dietz Verlag, Berlin 1975, Seiten 18–20

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