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Aus: Ausgabe vom 27.06.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Breites Bündnis

Zu jW vom 24.6.: »›Die linken Parteien in die richtige Richtung bringen‹«

Danke für das Interview mit dem neuen »Aufstehen«-Trägervereinsvorstand. »Aufstehen« könnte die vielen Ein-Punkt-Bewegungen auf einen Nenner bringen – auf dass wir in einem breiten Linksbündnis mit der Macht der Straße friedlich und mächtig die Richtung der Politik hin zu Gerechtigkeit und sozialer Gleichheit ändern. Die Friedensbewegung wird allein den Frieden nicht sichern, die Umweltbewegung wird allein die Umwelt nicht retten, die Bewegungen für soziale Gerechtigkeit werden diese alleine nicht durchsetzen, die Bewegung für die Rettung von Flüchtlingen wird allein die Flüchtlinge nicht retten. Wir brauchen die Einsicht für die Einheit der Bewegungen – dieser Gedanke bleibt aktuell, auch wenn »Aufstehen« »erst mal« gescheitert war – aber es war und ist der Versuch, nicht nur etwas zu wollen, sondern auch Gemeinsamkeit als Strategie zu haben. Auch wenn so eine starke Einheitsbewegung dereinst vielleicht einen anderen Namen trägt – der Aufruferkreis von »Aufstehen« hat es mit angestoßen.

Eckart Schmidt, Hannover

Ohne Basis, ohne Ziel

Zu jW vom 24.6.: »›Die linken Parteien in die richtige Richtung bringen‹«

Wer im Jahr 2020 denkt, eine »Sammlungsbewegung linker Kräfte« könne die »linken Parteien im Bundestag« zu einer grundsätzlich anderen, besseren Politik drängen, soll weiter an Weihnachtsmann, Osterhase und Klapperstorch glauben. »Linke Kräfte«, wer soll das alles sein? Eine grundsätzlich bessere und andere Politik setzte eine solche für die Klasse der abhängig Beschäftigten voraus, also für die Arbeiterklasse. Welche »linken Kräfte« gibt es, die nicht schon bei diesem Begriff zusammenzucken? »Linke Parteien« im Bundestag neben der Partei Die Linke? Wer ist denn dies nun wieder? Unterstellt, Die Linke ist, weil sie Antikriegspartei ist, eine »linke Partei« – man fragt sich hierbei, ob dieser Begriff noch Sinn macht. Andere Parteien, die ebenfalls keine Kriege befürworten, gibt’s im Bundestag und in den Landesparlamenten nicht – SPD und Grüne sind spätestens seit März 1999 (Jugoslawien-Krieg) Parteien, die deutsche Soldaten zum Zwecke des Tötens in andere Länder schicken, mithin niemals »links«. Für die, die mit diesem Begriff noch etwas anfangen wollen/können, unterstelle ich dabei, dass zumindest Gegnerschaft zu Aggressionskriegen ein Minimalkonsens bei Linken ist. Es fehlt, nimmt man die Aussagen des Interviews zur Kenntnis, also bereits am geeigneten Subjekt; wie eben bei Weihnachtsmann, Osterhase und Klapperstorch. Fazit: Untaugliche Versuche sollten nicht unternommen, zumindest aber nach Erkenntnis des Scheiterns abgebrochen werden. Man hat ja kein Ziel vor den Augen, dann kann es auch nicht besser werden.

Uwe Nebel, Mannheim

Vulgäre Tirade

Zu jW vom 24.6.: »Tötet Bismarck!«

»Wir hätten da eine Idee«, schlägt Peter Köhler im Plural vor, um mit einer vulgären Tirade gegen (…) Otto von Bismarck loszupöbeln. (…) Beinahe alle Übel der Gegenwart sind – so Köhler – auf den Reichskanzler zurückzuführen. Der feinfühlige französische Kaiser Napoleon III. – von Zeitgenossen als aufgeblasener Möchtegern­aristokrat mit blutigen Kriegen (Krimkrieg, Mexiko) wahrgenommen – und die ebenso feinfühlige französische Nation, deren erster Kaiser nur zwei Generationen früher ganz Europa kriegerisch umgepflügt hatte, konnten die »Demütigung« durch Bismarcks Redaktion der Emser Forderungen an Preußen nur durch eine Kriegserklärung tilgen. Klar, dass Bismarck daran schuld ist. Die fünf Milliarden Reparationen des Verlierers Frankreich waren so maßlos hoch, dass sie vorzeitig getilgt werden konnten. Das »rächte sich in Versailles«, denn die Tilgung der dort Deutschland auferlegten Reparationen sollte sich bis Ende des 20. Jahrhunderts erstrecken. Schließlich hat der »abgefeimte Herrenmensch« und Neukolonialherr die Schwarzen dem »Zwangsregime und der Terrorherrschaft« ausgeliefert. Da mussten die etablierten Kolonialstaaten mit ihrer jahrhundertelangen Erfahrung als Wohltäter sich mächtig umstellen. Der »den Reichstag hassende Schuft« hat – dumm war er offenbar auch – den Reichstag so eingerichtet, dass der das Budgetrecht erhielt und aus allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen hervorging. Eine Rarität damals. Dass ihm wie allen Regierenden die kritische Presse – die gab es zur Zeit Bismarcks noch – »zuwider war«, erstaunt nicht und ist als Phänomen der jungen Welt wohl nicht unbekannt. Aus welchen Motiven heraus Bismarck die Sozialgesetzgebung einführte, sei dahingestellt. Dass sie für ihre Zeit zu einem großen Fortschritt und Vorbild für andere Länder wurde, kann man dem »Betrüger« nicht absprechen. Schließlich zur »Blaupause … für seinen späteren Nachfolger ... Adolf Hitler«: der Unterdrückung der Sozialdemokraten. Sie führte dazu, dass die SPD stärkste Partei im Reichstag wurde. Da hat Hitler Bismarcks Blaupause wohl missverstanden. Der Respekt und die Anerkennung, die Bismarck auch heute noch entgegengebracht werden, sind wohl am ehesten auf seine Rolle bei der Einigung »Kleindeutschlands« zurückzuführen, die späte Verwirklichung eines wenn auch mit Mängeln behafteten Nationalstaats anstelle der biedermeierlichen Kleinstaaterei. (…)

Herbert Wolf, Speyer

Große Schande

Zu jW vom 24.6.: »Lockerungschampions des Tages: Coronaexperten«

Als von der Covid-19-Krankheit Betroffener und dazu auch noch Public-Health-Experte wundere ich mich über die Naivität und den Glauben an die deutsche Fleischindustrie (…). Dass solche Ausbrüche in Deutschland stattfinden, ist eine große Schande und zeigt, wie neoliberal zerrüttet selbst die deutsche Provinz (Region Gütersloh) schon geworden ist. Ein dauerhafter Boykott deutscher Wurst und der Konkurs von Tönnies wären nun angezeigt. Das ist die einzige Sprache, die neoliberale Konzernchefs verstehen.

Franz Pribauer, Österreich (Onlinekommentar)

Ein dauerhafter Boykott deutscher Wurst und der Konkurs von Tönnies wären nun angezeigt. Das ist die einzige Sprache, die neoliberale Konzernchefs verstehen.