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Aus: Ausgabe vom 25.06.2020, Seite 8 / Feuilleton
Künstlerin Zehra Dogan

»Mein Kampf begann schon in meiner Kindheit«

Auch durch jahrelange Haft in der Türkei lässt sich eine kurdische Künstlerin nicht unterkriegen. Ein Gespräch mit Zehra Dogan
Interview: Dilan Karacadag
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Eine Wandmalerei des Künstlers Banksy als Protest gegen die Inhaftierung von Zehra Dogan (New York, 16.3.2018)

Wegen eines Bildes, das die türkische Besatzung der nordkurdischen Stadt Nisebin (türkisch: Nusaybin, jW) zeigt, saßen Sie fast drei Jahre lang wegen angeblicher »Terrorpropaganda« im Gefängnis. Nach Ihrer Freilassung zogen Sie im vergangenen Jahr nach Großbritannien. Anfang 2020 waren Sie das erste Mal in der BRD. Wie kommt Ihre Kunst hier an?

Die erste Ausstellung meiner Werke sollte ursprünglich im Januar im Nassauischen Kunstverein stattfinden. Doch zur gleichen Zeit war in der »­Tate Modern« (»Tate Gallery of Modern Art« in London, jW) eine Ausstellung von der Zeitung Özgür Gündem Zindan, die ich 2016 mit meinen Mitgefangenen während meiner Haft erstellt hatte. So kam ich erst am 20. Februar nach Wiesbaden. Als ich den Raum betrat, war ich sehr erstaunt. Viele meiner Werke, die ich während meiner Haft heimlich gefertigt hatte, waren sehr gut präsentiert. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass meine Kunst hier so viel Aufmerksamkeit bekommen würde.

Vor der Ausstellung sind Sie mit einem weißen Kleid und einer weißen Fahne barfuß durch die Wiesbadener Innenstadt gelaufen. Welche Botschaft wollten Sie damit aussenden?

Es war eine grausame Situation. Einen Tag zuvor waren in Hanau neun junge Menschen bei einem rassistischen Anschlag ermordet worden. Zu meiner Aktion: Auf das von mir selbst genähte weiße Kleid habe ich die Namen der Frauen geschrieben, die in den Jahren 2015 und 2016 während der Belagerung von Nisebin von türkischen Militärs ermordet wurden. In der Hand hielt ich eine weiße Fahne als Symbol für den Widerstand.

Steht die weiße Fahne nicht für Frieden?

Ja, es geht um die Forderung nach einem Waffenstillstand. 2015 gewann dieses Symbol besondere Bedeutung: Unbewaffnete kurdische Frauen hatten aus ihren Kopftüchern weiße Fahnen gemacht und sind damit auf die Straßen, während Sicherheitskräfte die Städte bombardierten. Meine Fahne habe ich auch aus der traditionellen weißen Kopfbedeckung gefertigt.

Wie würden Sie Ihren Kampf und Ihre Kunst beschreiben?

Als eine kurdische Frau bin ich stolz, dass ich mit meiner Kunst auf die türkische Belagerung von Nisebin aufmerksam machen konnte – auch wenn mir das mehrere Jahre Haft eingebracht hat. Ich bin in einer Zeit der Unterdrückung und Morde geboren und in einer Gegend, in der es schon immer Konflikte gab. Meine Kunst ist geprägt von der Geschichte und von dem Widerstand des kurdischen Volkes, seiner politischen Vitalität und natürlich seiner Kultur. Mein Kampf begann schon in meiner Kindheit. Wie andere Kinder auch bewarf ich die türkischen Sicherheitskräfte mit Steinen. 2006 wurden 17 Kinder, darunter auch Babys, bei Einsätzen getötet.

Wie steht die westliche Welt zu Künstlerinnen wie Ihnen und zu Ihren klaren Botschaften?

Das kann ich nicht sagen. Mir geht es vor allem darum, dass meine Kunst nicht einseitig betrachtet wird und dass ich nicht zu einer Marionette des Marktes gemacht werde. Das ist meine Sorge. Deswegen überlege ich sehr genau, bevor ich für eine Ausstellung oder vergleichbare Termine eine Zusage gebe.

Wie sieht Ihr heutiges Leben nach den Jahren im Gefängnis aus?

Seit gut einem Jahr wohne ich in London. Doch bin seitdem für Ausstellungen, Workshops, Preisverleihungen, Seminare und ähnliche Termine in 15 Länder gereist. Im Juli werde ich in Italien, im August in Deutschland und danach in Südkurdistan sein.

Zehra Dogan ist 1989 in Amed (türkisch: Diyarbakir) geboren. Die kurdische Künstlerin und Journalistin saß wegen eines von ihr gemalten Bildes jahrelang in türkischer Haft. Nachdem ihr dort alle Materialien zum Malen weggenommen worden waren, benutzte sie unter anderem Zeitungspapier und Stoffetzen als Leinwand, bastelte Pinsel aus Haarsträhnen und machte Farbe aus Essensresten und Menstruationsblut. Während ihrer Haft malte sie mehr als 300 Bilder, die aus dem Gefängnis geschmuggelt werden konnten.

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (25. Juni 2020 um 08:25 Uhr)
    Es ist schon so: der Militarismus ist der Intimfeind der Intellektuellen – die Geldgierigen in Symbiose mit den Herrschsüchtigen – und daher ist die Solidarität mit der kurdischen Widerstandskämpferin natürliche Soldarität.

    Erdogan als sogar die Religion »einkassierender« Militär-Oberdespot, der leider, leider von der NATO zuviel gedeckt wird, ist ein immer todschwarzes, aktuelles Hauptproblem.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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