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Aus: Ausgabe vom 24.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Geschichtspolitik

Tötet Bismarck!

Denkmalstürmer aufgepasst! Wir hätten da eine Idee
Von Peter Köhler
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Bismarck bizarr: Macht Schluss mit dem Kanzlerkult! (Beschmierte Bismarck-Statue in Hamburg, 18.6.2020)

Bismarck starb 1898 und ist bis heute tot. Aber er lebt fort in den Köpfen der Deutschen und in Gestalt der Bismarck-Denkmäler, von denen es noch immer ca. 700 gibt: Ziemlich viel für einen Typen, der für die Welt zum Verhängnis wurde. Mit Otto von Bismarck begann jene Abwärtsentwicklung, die Wilhelm II. beschleunigte und die mit Adolf Hitler in der Katastrophe endete. »Der Kurs bleibt der alte, und nun voll Dampf voraus!« befahl der ebenso eitle wie blinde Kaiser am 22. März 1890, kurz nach Bismarcks Rücktritt als Reichskanzler, und so kam es dann auch: Zwei Weltkriege und ein Terrorregime zeugen von dem, wofür Bismarck die Grundlage schuf.

Es musste die Welt sein

Drei Kriege hat Bismarck angezettelt: 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870 gegen Frankreich. Das Ergebnis, für das er über Leichen ging, war wie gewünscht die Gründung des Deutschen Reichs 1871, das die Voraussetzung war, um im 20. Jahrhundert Europa und die Welt in den Abgrund führen zu können. Der teuflische Kerl wusste, was er tat: Mit der völkerrechtswidrigen Annexion Elsass-Lothringens sabotierte er wohlkalkuliert die schon damals nach dem Krieg mögliche deutsch-französische Aussöhnung und das Ende der sowieso dämlichen Erbfeindschaft.

Wie jeder nationalistisch denkende Halunke brauchte Bismarck, um von den sozialen Spannungen infolge von Industrialisierung und wachsender Ausbeutung der Arbeiterklasse abzulenken, einen äußeren Feind. Frankreich war ihm gerade recht: Mit der von ihm heimtückisch redigierten Emser Depesche von 1870 hatte er überhaupt erst Frankreich in den Krieg gegen Deutschland getrieben. Hätte es damals schon den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gegeben, hätte Bismarck nach 1864, 1866 und erst recht 1870 als Kriegsverbrecher ausgeliefert werden müssen; hätte es damals ein Tribunal wie in Nürnberg gegeben, wäre sein Schicksal noch besser besiegelt gewesen.

Indes, Bismarck war nicht nur kriegslüstern. Er war auch raffgierig. Frankreich plünderte der Spitzbube aus und ließ das Land nach dem verlorenen Krieg fünf Milliarden Francs Reparationen zahlen, ein Heidenspaß, der sich in Versailles bitter rächen sollte. Aber Frankreich war dem Schurken noch nicht genug, es musste die Welt sein. Mit der Berliner Afrikakonferenz 1884 sorgte der abgefeimte Herrenmensch dafür, dass Afrika unter den Europäern aufgeteilt und die Schwarzen der Vormundschaft, dem Zwangsregime und der Terrorherrschaft der Kolonialmächte ausgeliefert wurden, zu denen nun auch das durch Bismarck auf Machtpolitik getrimmte, also dumm, brutal und stolz gemachte Deutschland zählte. Bismarcks Vorarbeit bereitete dem Völkermord an den Nama und Herero in Deutsch-Südwestafrika, Lumpen wie Carl Peters und Verbrechern wie Paul von Lettow-Vorbeck den Weg, und Bismarck konnte es ahnen, ja wissen.

Für einen adligen Sausack wie Bismarck, Graf und später Fürst, begann der Mensch erst mit einem »von«. Die Demokratie war ihm ein Greuel. »Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut«, hatte der Kriegstreiber 1862 schwadroniert und sich die Hände gerieben in Vorfreude auf die große Majorität der Toten aus den niederen Klassen in den geplanten drei Kriegen.

Der Schuft hasste den Reichstag, wo sich zu viel Plebs herumtrieb und das Maul aufriss, und ließ die Verfassung des Deutschen Reiches so einrichten, dass er ohne parlamentarische Kontrolle regieren konnte. Die öffentliche Kontrolle durch die Zeitungen war dem autoritären Arsch ebenso zuwider, die Presse bloße »Druckerschwärze auf Papier«, also unwichtig, bedeutungslos, und den »Luxus der eigenen Meinung« verachtete er bei anderen, schließlich konnte man doch seine haben.

Mit allen Wassern gewaschen

»Eine Majorität hat viele Herzen, aber ein Herz hat sie nicht«, blödelte Bismarck 1882 im Reichstag. Er selbst tat so, als hätte er eines, und erfand als mit allen Wassern gewaschener Betrüger die Sozialgesetzgebung – eben nicht aus Herzensgüte, sondern um die Arbeiterklasse einzulullen und der seinerzeit revolutionär gestimmten Socialdemokratie abspenstig zu machen durch Stempelgeld und Renten, die gerade mal zum Verhungern reichten. Dass er 1878 alle socialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Vereine, Versammlungen und Druckschriften verbot und die Verfolgung zwölf Jahre lang aufrechterhielt, war im übrigen die Blaupause für seinen späteren Nachfolger im Amt des Reichskanzlers, Adolf Hitler.

»Die Politik ist keine Wissenschaft, wie viele der berühmten Herren Professoren sich einbilden, sie ist eben eine Kunst«, gab der Gauner 1884 im Reichstag zum besten. Zu viele nahmen ihm das ab. Aber er selbst war kein Künstler, der Kunst schuf, sondern ein Blender, der alle Welt hinters Licht führte und die Deutschen noch heute führt; ein Schreibtischtäter, den man rechtzeitig aus dem Verkehr hätte ziehen müssen. Die Welt ohne ihn wäre eine bessere gewesen und geworden.

1898 starb er. Er wurde in Friedrichsruh nahe Hamburg beigesetzt und lebt bis heute fort. Tötet ihn endlich!

Debatte

  • Beitrag von daniel horneber aus berlin (23. Juni 2020 um 23:45 Uhr)
    Warum wird die Blindheit des Kaisers negativ hervorgehoben?

    Sonst ein sehr guter Artikel.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Stephan Reinhardt: »Kriegsidioten« Ich las gerade den Leserbrief, in dem Herbert Wolf dem Autor Peter Köhler eine »vulgäre Tirade« über Bismarck vorwirft. Dieser Vorwurf trifft nicht zu. Nun hat Herr Köhler gewiss etwas heftig seinem b...
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