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Aus: Ausgabe vom 24.06.2020, Seite 10 / Feuilleton

Wolff, Kramer, Gendries

Von Jegor Jublimov
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Walter Plathe als Professor Unrat und Eva-Maria Grein von Friedl als Lola in »Der blaue Engel« in der Regie von Klaus Gendries

Gab es einen fleißigeren Schauspieler in Berlin als Gerry Wolff? Gestern vor 100 Jahren wurde er in Bremen geboren und starb 2005 in Oranienburg. Hunderte Filme, Fernsehspiele und TV-Serien umfasst seine Filmographie, dazu kommen seine Theaterauftritte, Platten- und Rundfunkaufnahmen, Kleinkunstabende – und die Synchronstudios waren ohne ihn undenkbar. Als er 1966 in dem Defa-Spielfilm »Die gefrorenen Blitze« einen britischen Schauspieler synchronisieren sollte, erschrak er. Dieser Victor Beaumont war sein Halbbruder Peter, den er schon lange aus den Augen verloren hatte. Der aus jüdischer Familie stammende Gerry Wolff konnte 1935 mit einem Kindertransport aus Nazideutschland entkommen, hatte aber in der Emigration keine leichte Zeit. In London schloss er sich der in Großbritannien wirkenden FDJ an, meldete sich als Kriegsfreiwilliger. Nach seiner Rückkehr 1947 fasste er an Ostberliner Bühnen Fuß, ehe er 1961 zur Defa ging. Hier zeigte er sein Können in Haupt- und Nebenrollen, etwa in Frank Beyers »Nackt unter Wölfen« (1963) oder als Offenbach in dem opulenten 70-mm-Film »Orpheus in der Unterwelt« (1973). In der DFF-Serie »Kiezgeschichten« von 1987 stand Gerry Wolff als alter Schuster im Mittelpunkt. Für ihn ging es ab 1991 fast nahtlos weiter, mit Komödiantischem, wie »Jetzt oder nie« (2000), und mahnenden antifaschistischen Stoffen, wie »Wenn alle Deutschen schlafen« (1994) von Frank Beyer und Jurek Becker.

Unter Jurij Kramers Regie spielte Gerry Wolff u. a. in »Narrenweisheit« nach Lion Feuchtwanger (1989). Am Sonntag wird Kramer 80 Jahre alt. Geboren in Moskau als Sohn des deutschen Kommunisten Erwin Kramer, der später Verkehrsminister der DDR werden sollte, studierte er in Berlin-Schöneweide Schauspiel und kam nach Provinzverpflichtungen 1970 zum DFF, wo er bald als Regisseur arbeitete. Besonders gelangen ihm Adaptionen zu Werken großer Autoren der Vergangenheit, wie Friedrich Wolf und Leonhard Frank. Seine Filme von Vorlagen von Gegenwartsautoren wie Wolfgang Schreyer und Günter Görlich, dessen »Eine Anzeige in der Zeitung« er kritisch umsetzte, fanden viel Publikumsinteresse. Nach 1990 arbeitete Kramer noch eine Zeit lang als Schauspieler, ehe er sich ins Privatleben zurückzog.

Einmal spielte Gerry Wolff 1963 bei Klaus Gendries in Gorkis »Die Letzten«, dessen erster TV-Regie. Bei allem, was Gendries sonst noch auszeichnet, kann man feststellen, dass er vor allem Frauen exzellent besetzte und führte – seien es Agnes Kraus, Angelica Domröse, Nina Hagen oder Ursula Karusseit. Beginnend mit der Serie »Aus dem Tagebuch eines Minderjährigen« (1965) brachte Gendries bis 2001 viele Alltagsgeschichten heiter, aber nicht oberflächlich auf den Bildschirm. Bis vor einigen Monaten hat er noch Theaterinszenierungen besorgt – und das, obwohl er am Montag 90 wurde. Vielleicht kann er nach Corona noch ein bisschen weitermachen!

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