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Aus: Ausgabe vom 24.06.2020, Seite 8 / Ansichten

Lockerungschampions des Tages: Coronaexperten

Von Dusan Deak
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Sich widersprechende Stellungnahmen auf Lager: Eingangsschild des RKI

Es scheint, als würde der Bürger das zeitweise geschwächte Vertrauen in Corona allmählich wiederfinden. Dank der lokalen Ausbreitungen in Tönnies Fleischbetrieben in Gütersloh und in einem Wohnkomplex in Göttingen gewinnt die erlahmte Neuansteckungsdynamik endlich wieder an Fahrt. Bei mir im Schanzenviertel beispielsweise tut der mündige Besuchertourist an Wochenenden mittlerweile ja so, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Corona? Mundschutz? Abstand? Kenne ich den auch? Nie gehört!

Zum Teil ist der Vertrauensverlust bezüglich der Pandemie dem erbitterten Streit zwischen Hygienikern und Virologen geschuldet, die sich gegenseitig Ahnungslosigkeit und Inkompetenz vorwarfen. So sah der Viro­loge Hendrick Streeck die Maskenpflicht generell kritisch und vermutete mehr Schaden als Nutzen durch Masken: »Das ist ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze.« Für den Virologen Christian Drosten spielt bei der Wiederbelebung der Coronapandemie die Nase eine zentrale Rolle. Es könnte sein, dass die wichtigsten Neuansteckungswege eher über die Nase verlaufen als über den Mund. Man könnte fast behaupten, im Wettrennen um den Platz des besten Superspreaders haben Menschen mit großem Zinken und einem ausgeprägten Riecher die Nase vorn. Der »Hygienepapst« Klaus-Dieter Zastrow nennt den anfänglichen Widerstand des Robert-Koch-Instituts gegen die einzig vernünftige und wirkungsvolle Maßnahme des Maskentragens ein »schädliches Gesabbel« und kritisiert scharf die täglich wechselnden und sich widersprechenden Stellungnahmen des RKI.

Auffällig: Man hat lange nichts von Leopoldina gehört. Die hatte sich zu Beginn der Pandemie ein einziges Mal zu Wort gemeldet und schweigt seitdem. Ein Krankheitsfall? Ganz ehrlich, ohne Corona hätten viele im Lande nichts von Leopoldina gewusst. Wer ist das überhaupt, und für wen arbeitet sie?

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas Scharmann aus Berlin (24. Juni 2020 um 01:55 Uhr)
    Hält irgendwer diesen Beitrag für sinnvoll oder geistreich? Kaum zu glauben, dass die realen Notlagen der vielen Leute, die besser daheim bleiben, zum Scherz werden. In unserem Fall betrifft es meine Frau, unsere Tochter und mich. Was wir früher als handelbare Einschlänkungen unserer Daseinsweise hinnehmen konnten, entwickelt sich nun zu einer bedrohlichen Lage: Asthma, Herzfehler, Allergie. Wer gibt dieser Person, die sich auf ungebildete Weise zu einer gefährlichen Situation äußert, das Recht und den Platz, solchen Unfug zu verbreiten?
  • Beitrag von Klaus Bickel aus Berlin (24. Juni 2020 um 03:01 Uhr)
    Zu so einem Thema so einen schlappen Artikel verfassen, alle Achtung. Soll das Satire sein, ein bisschen verborgen als Kritik an der ja hier schon öfter gehörten »Lockerungsdiskussionsorgie«? Fehlt nur noch die wiederholte Bemühung des alles niederschmetternden Verschwörungsarguments, aber dafür war der Artikel wohl zu kurz.

    Die Kollateralschäden durch diese überzogenen Maßnahmen, die dann durch solche »Fleischerbetriebsverallgemeinerungen« noch mal befeuert werden sollen offenbar, werden hier (und an anderer Stelle) gerne übergangen. Aber danke für den Hinweis auf »Leopoldina«, wo ich einige gute Leute aus meiner Uniausbildung wiedergefunden habe.
    • Beitrag von Franz Piribauer aus Wien (24. Juni 2020 um 10:52 Uhr)
      Als von der Covid-19-Krankheit Betroffener und dazu auch noch Public-Health-Experte wundere ich mich über die Naivität und den Glauben an die deutsche Fleischindustrie des Kommentierenden. Dass solche Ausbrüche in Deutschland stattfinden, ist eine große Schande und zeigt, wie neoliberal zerrüttet selbst die deutsche Provinz (Region Gütersloh) schon geworden ist.

      Ein jahrelanger Fleischboykott deutscher Wurst und der Konkurs von Tönnies wären nun angezeigt. Das ist die einzige Sprache, die neoliberale-Konzernchefs verstehen.

      Franz aus Österreich.
  • Beitrag von Günter Buntemann aus Berlin (24. Juni 2020 um 10:48 Uhr)
    Angezeigt war ein Artikel über das rechtschaffene Bildungsbürgertum der Virologen, Epidemiologen und Mediziner, die sich selbst als Experten adelten. Diese waren nicht in der Lage, klarzustellen, dass im Hinblick auf Erfahrungen das Virus gefährlich sein muss, sie jedoch wenig bis gar keine Erkenntnisse über dieses haben. Letzteres wurde zwar angedeutet, jedoch nicht mit Deutlichkeit formuliert. Statt dessen verhaspelten sich Wissenschaftler wiederholt methodisch zweifelhaft in Zahlenspielen und Vermutungen, gingen zugleich eine Symbiose mit der Politik ein. Selbst Frau Merkel gerierte sich nochmals unqualifiziert mit Weihrauch als Wissenschaftlerin. Widerspüchliche Erscheinungsformen musste der Disput in diesem Milieu annehmen.

    Hingegen glaubt das noch verbleibende Politpublikum nicht mehr den Debattenherrschern. Sie kann es nur als obrigkeitsstaatlichen, wissenschaftlichen Politkitsch verstehen.

    GB
    • Beitrag von Hagen Radtke aus Rostock (24. Juni 2020 um 13:33 Uhr)
      Was hätten Sie denn als Wissenschaftler getan? Es mussten Entscheidungen her, man konnte nicht auf die Fertigstellung von Studien warten, um gesicherte Erkenntnisse zu haben. Da werden Sie als Wissenschaftler natürlich nach »ihrer persönlichen Vermutung« gefragt. Und die kann richtig oder falsch sein.

      Wegen der unsicheren Sachlage musste die Politik einen vorsichtigen Weg wählen, der funktioniert, egal, wer mit seinen Vermutungen Recht behält. Das wurde gemacht, und es hat gut geklappt, zumindest im internationalen Vergleich. Wo ist das Problem?

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