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Aus: Ausgabe vom 24.06.2020, Seite 2 / Inland
Bildungspolitik in der BRD

Durchs Raster gefallen

Geldbeutel der Eltern entscheidet über Bildungsgrad. Konkurrenz wächst
Von Susan Bonath
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Bildung ist eine Klassenfrage – ein Schluss, der sich aus dem am Dienstag vorgestellten Nationalen Bildungsbericht 2020 zwingend ergibt (Übach-Palenberg, 23.4.2020)

Die soziale Herkunft bestimmt die Bildungs- und Berufswege der jungen Generation. Mehr noch: Ein bisher beobachteter Anstieg des Bildungsniveaus in Deutschland verkehrt sich wohl ins Gegenteil. Weniger Schüler wechseln aufs Gymnasium oder eine Hochschule, mehr Jugendliche fallen durchs Raster. Die Pandemie verschärft zudem die soziale Kluft zwischen arm und reich. Zu diesem Ergebnis kommt der Nationale Bildungsbericht 2020, den Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Dienstag vorgestellt hat.

Demnach stieg der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss von 2013 bis 2018 von 5,7 auf fast sieben Prozent, die Hochschulreife erlangten zuletzt noch 50 statt vormals 53 Prozent. Die Autoren vom Leibniz-Institut sprachen von einem »anhaltenden Trend«. Sie konstatierten ferner, dass die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zunehme. Gerangelt werde vor allem um Jobs, die höhere Abschlüsse erfordern. Durch Armut, Flucht oder Migration Chancenlose, aber auch Jugendliche mit mittleren Abschlüssen könnten die Anforderungen, die moderne Technologie mit sich bringe, nicht erfüllen. Betroffene bräuchten Hilfe und Zugang zur Digitalisierung, das diesbezügliche Defizit an Schulen müsse behoben werden, so die Autoren.

Die Bundesregierung befürchtet eine Ausbildungskrise, da finanziell angeschlagene Unternehmen zuerst am Nachwuchs sparten. Am Dienstag appellierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) nach einem Gespräch mit den Spitzen von Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden an die Unternehmen, trotz Krise Lehrstellen anzubieten. In diesem Mai gab es bereits acht Prozent weniger Angebote als vor einem Jahr. Er warb mit einer geplanten Ausbildungsprämie für Betriebe. Christian Hoßbach, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Berlin-Brandenburg, riet am Dienstag Schulabgängern, sich bereits jetzt intensiv um eine Ausbildungsstelle zu bemühen. Von der Landespolitik forderte er Ersatzangebote.

Laut dem ebenfalls am Dienstag vorgestellten UNESCO-Weltbildungsbericht hat global jedes sechste Kind gar keinen Zugang zu Bildung. 90 Prozent der Schüler seien aktuell von Schulschließungen betroffen. »Die Erfahrung zeigt, dass Gesundheitskrisen viele zurücklassen können«, warnte UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay. Zu leiden hätten vor allem Mädchen.

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