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Aus: Ausgabe vom 23.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Lernen vom Leibhaftigen

Gas, Wasser, Schaulesen: Das war der erste digitale Ingeborg-Bachmann-Preis
Von Michael Bittner
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14 Autoren und ein charmantes Hausgespenst: Das Studio des Ingeborg-Bachmann-Preises

Noch nie hatte ich bislang von einem Wettlesen um den ­Ingeborg-Bachmann-Preis mehr als Ausschnitte gesehen. Woher die Scheu? Mich überfiel stets Beklemmung angesichts der Inszenierung dieser Klagenfurter Castingshow: Mit sichtlichem Widerwillen unterwerfen sich da Autorinnen und Autoren einer öffentlichen Demütigung. Sie liefern vor einer Auswahlkommission des Literaturbetriebs eine mündliche Aufnahmeprüfung ab, in der vagen Hoffnung, so den Durchbruch zum Ruhm zu schaffen. Dieses Marketing funktioniert aber leider tatsächlich so gut, dass einst selbst ein geschmackvoller und prinzipienfester Künstler wie Wolfgang Herrndorf die Entwürdigung nicht scheute, in Klagenfurt gegen einen Uwe Tellkamp zu verlieren.

Ich versuche, mein altes Unbehagen abzuschütteln, bevor ich mich in diesem Jahr zum ersten Mal vor den Bildschirm setze, um den gesamten Wettbewerb zu verfolgen. Wegen der Coronaregeln ist der Saal in Klagenfurt leer und finster. Wie ein charmantes Hausgespenst treibt sich in ihm der Moderator Christian Ankowitsch herum, die anderen Beteiligten werden meist aus der Ferne übers Internet zugeschaltet. Zur Eröffnung am Mittwoch sprechen erst einmal Honoratioren und Sponsoren zur Begrüßung hehre Worte, es geht um das »diesjährige Experiment« und »Signale eines gemeinsamen Neubeginns«. Für einen kurzen Augenblick der Heiterkeit im ermüdenden Reigen sorgt ein Mann von der Kärntner Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, der stolz versichert, seine Firma kümmere sich auch um die »kulturelle Versorgungssicherheit«. Die Literatur ist damit trefflich unter Gas, Wasser, Scheiße eingereiht.

Der dröge Eröffnungsabend schließt immerhin mit der »Rede zur Literatur«, die in diesem Jahr Sharon Dodua Otoo halten darf, die Siegerin des Jahres 2016. Es ist nicht überraschend, dass sich Otoo dem Beitrag widmet, den Sprache und Literatur im Kampf gegen Rassismus leisten können. Mir gefällt, wie die Autorin auf jene Unduldsamkeit verzichtet, die literaturpolitischen Aktivismus sonst oft bestimmt. Sie will anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern nicht vorschreiben, ob und auf welche Weise der Rassismus zum Thema ihres Schreibens wird. So scheint am Ende der Titel ihrer Rede »Dürfen Schwarze Blumen malen?« eine Antwort zu finden: Lasst viele Blumen blühen!

Gleich am ersten Wettbewerbstag merke ich, dass mir die seuchenbedingte Fernschaltung fast besser gefällt als das altgewohnte Beisammenhocken. Die voraufgezeichneten Lesungen wirken entspannter, die Diskussionen weniger schulmeisterlich. Dem Silberrücken der Jury, Hubert Winkels vom Deutschlandfunk, entgleiten in seinem letzten Jahr als Vorsitzender merklich die Zügel. Die ergreift der Neuzugang Philipp Tingler aus der Schweiz, der sich überdies entschlossen zeigt, die Rolle des Unsympathen einzunehmen: Viel zu laut unterbricht er seine Kollegen, belehrt sie über die Prinzipien der Literaturkritik und liefert Verrisse am laufenden Band.

Schon die ersten Debatten zeigen, welch ein Unsinn die Übertragung des Wettbewerbsprinzips auf das Feld der Literatur letztlich doch ist. Die Kunstrichter können sich nicht einmal über die Maßstäbe und Regeln einigen, mit denen sie über die Texte urteilen wollen. Ja, schon am Leseverständnis scheitert’s: Ist die klischeebeladene Großstadtgeschichte der ersten Kandidatin Jasmin Ramadan erst gemeint oder eine Parodie? Man wird sich nicht einig. Immerhin, ganz unterhaltsam ist das Gerangel, ich kann es nicht leugnen.

Irgendwann folgt der Deutsche Leonhard Hieronymi, der fast als einziger Teilnehmer so etwas wie eine Provokation wagt. Seine Geschichte einer Reise zum vermeintlichen Grab Ovids in Rumänien verspottet den bildungsbürgerlichen Europakitsch und geht in reinstem Nihilismus auf. Ich erfahre, dass der Autor ein »Manifest der Ultraromantik« geschrieben haben soll und suche es neugierig im Internet, breche die Lektüre aber schon nach den ersten, leider bestürzend stumpfen Sätzen ab. Auch die Jury lässt die innerlich hohle Herausforderung unbeeindruckt abtropfen.

Der zweite Tag beginnt mit einem Höhepunkt. »Vom Aufstehen«, die Geschichte der 80jährigen ostdeutschen Schriftstellerin Helga Schubert, sticht ab von den kalkulierten Kunstprodukten der meisten jüngeren Konkurrenten. Schubert erzählt – offenkundig autobiographisch – von der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter, die, versehrt durch den Weltkrieg, ihre eigene Tochter nie lieben konnte, ja von ihr Dankbarkeit dafür verlangte, sie nicht auf der Flucht getötet zu haben. Text und Vortrag sind gleichermaßen unsentimental, lakonisch und gerade dadurch rührend.

Auch der zweite Teilnehmer fortgeschrittenen Alters bleibt mir im Gedächtnis: Egon Christian Leitner aus Österreich wirkt wie ein querulatorischer altlinker Zausel und ist das wohl auch. Die Ausschnitte aus seinem monumentalen »Sozialstaatsroman« veranschaulichen drastisch die Kalkulation mit menschlichem Leid, aber auch die Ambivalenz des Helfens.

Am Sonnabend, dem letzten Lesetag, zeigen sich Zeichen der Ermüdung. Oder bin nur ich ermattet? Immerhin entdecke ich noch Laura Freudenthaler. Sie konkretisiert die abstrakte Bedrohung des Klimawandels in einer atmosphärisch dichten, beklemmenden Kurzgeschichte, die erzählt, wie eine österreichische Provinz von der doppelten Apokalypse einer Mäuseplage und eines Flächenbrandes heimgesucht wird.

Als am Sonntag abgestimmt wird, bin ich erstaunt, mich mit der Jury einverstanden zu sehen: Leitner und Freudenthaler bekommen kleinere Preise, den Bachmannpreis selbst erhält Helga Schubert. Die Autorin berichtet erfreut, nun habe sie wieder eine Chance, nach langer Pause auf dem Literaturmarkt ein Buch veröffentlichen zu können. Der Kommentator Heinz Sichrovsky vergisst nicht, abschließend darauf hinzuweisen, dass Schubert ihr Talent dem »Teufelsregime« DDR abgetrotzt habe. Er muss ein guter literarischer Lehrer gewesen sein, dieser Leibhaftige.

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