Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 23.06.2020, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Corona-Hotspot Fleischindustrie

»Ein Desaster für Beschäftigte und Bevölkerung«

Ausbruch des Coronavirus bei Tönnies wirft Schlaglicht auf Probleme in der hiesigen Fleischproduktion. Ein Gespräch mit Inge Höger
Interview: Markus Bernhardt
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Protest in Rheda-Wiedenbrück vor einer Tönnies-Fabrik (19.6.2020)

Der Fleischkonzern Tönnies sorgt derzeit bundesweit für Empörung. Mehr als 1.300 Beschäftigte wurden im Kreis Gütersloh positiv auf das Coronavirus getestet. Wie bewerten Sie diese Vorgänge?

Die Masseninfektionen mit dem Coronavirus bei Tönnies waren seit den Infektionen bei Westfleisch in Coesfeld und Oer-Erkenschwick sowie bei Müller-Fleisch in Birkenfeld bei Pforzheim voraussehbar. Sie sind ein Desaster vor allem für die Beschäftigten, aber auch die Bevölkerung im Kreis Gütersloh. Wir haben schon lange auf die Praktiken der fleischverarbeitenden Konzerne im Allgemeinen und auf das System Tönnies im Besonderen hingewiesen. Eine Reihe von Medien berichten nun, dass Schutzmaßnahmen wie etwa das Distanzgebot in der Kantine von Tönnies nicht eingehalten worden seien. Auch das notwendige Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wurde laut Fernsehberichten von Montag bei den Busfahrten von den Wohnungen in die Fabrik offensichtlich ignoriert. Dass nun ausgerechnet die Menschen aus Bulgarien und Rumänien, die für Hungerlöhne Billigfleisch produzieren, unter dem Virus und auch gesellschaftlicher Stimmungsmache leiden müssen, ist unerträglich.

Die Zustände in der Fleischproduktion wurden in der Vergangenheit schon öfter als »moderne Sklaverei« kritisiert. Zu Recht?

Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind nicht bei dem Schlachtbetrieb angestellt, sondern werden von Subunternehmern über Werkverträge vermittelt. Sie bekommen häufig nicht annähernd den Lohn, der die schwere und äußerst belastende Tätigkeit ordentlich vergüten würde. In der Regel bekommen sie nur acht Stunden bezahlt, machen aber Schichten von bis zu zwölf Stunden. Von den Unternehmen wird dann noch Geld für Miete und Arbeitsschutzkleidung abgezogen. Die Menschen leiden oftmals unter beengten Wohnverhältnissen, für die sie horrend hohe Mieten zahlen müssen. Im Alltag leben sie nicht nur aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse isoliert und unter sich. Das ist moderne Sklavenarbeit. Von dem unwürdigen Umgang mit den Tieren will ich gar nicht erst sprechen. Es kommt jetzt darauf an, dass endlich radikale Konsequenzen gezogen werden.

Die da wären?

Wir fordern ein sofortiges Verbot von Werkverträgen und Zeitarbeit. Wir wollen, dass die Angestellten nicht nur in der Fleischbranche endliche ordentliche Arbeitsverträge erhalten und mit Tariflohn bezahlt werden. Aber auch das ganze System der Massentierhaltung und der Großschlachtereien gehört auf den Prüfstand.

Politiker von SPD und Bündnis 90/Die Grünen fordern nun, dass Tönnies für alle entstandenen Schäden aufkommen soll.

Das fällt den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Parteien ja reichlich früh ein. Wir haben derlei schon immer gefordert und gemeinsam mit lokalen Umwelt- und Tierschutzinitiativen gegen Tönnies protestiert, als das für die anderen Parteien noch kein Thema war. Ich nehme zur Kenntnis, dass es erste zaghafte Anzeichen für einen politischen Veränderungswillen gibt. Glauben tue ich das alles aber erst, wenn auch Taten gefolgt sind.

Vor allem in der Bevölkerung im Kreis Gütersloh ist der Unmut groß, da nun wieder Schulen geschlossen werden mussten und auch ein neuerlicher Shutdown droht. Können Sie diesen Ärger nachvollziehen?

Natürlich kann ich das. Und zu Recht fordern die Eltern Bildung für ihre Kinder statt der Produktion von Billigfleisch, die ohne Rücksicht auf die Beschäftigten und die Bevölkerung geschieht. Nicht die zugereisten Arbeiter sind verantwortlich für diese Zustände, unter denen nun alle zu leiden haben. Die Coronapandemie zeigt wie in einem Brennglas die Fehler im System.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der NRW-Landesregierung unter Ministerpräsident Armin Laschet?

Laschet interessiert sich maßgeblich für seine Kandidatur als CDU-Vorsitzender und möglicher Kanzlerkandidat. Die Bevölkerung spürt das und rückt daher in den Umfragen inzwischen stark von ihm ab. Wenn Herr Laschet nicht in der Lage ist, endlich Verantwortung zu übernehmen, sollte er schnell die Konsequenzen ziehen und Neuwahlen einleiten. Das ganze Land in Sippenhaft für seine Karriere zu nehmen, ist ein Unding!

Inge Höger ist Landessprecherin der Partei Die Linke in Nordrhein-Westfalen

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