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Aus: Ausgabe vom 23.06.2020, Seite 1 / Titel
Coronapandemie

Tod im Göttinger Ghetto

700 Menschen in marodem Wohnkomplex unter Quarantäne. Polizei riegelt Hochhaus ab, währenddessen stirbt ein Bewohner
Von Sebastian Carlens
Videodokumentation zur aktuellen Lage in der Groner Landstraße 9
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Der Hochhauskomplex Groner Landstraße gilt als »sozialer Brennpunkt« Göttingens. Die Quarantänepolitik der Stadt trifft die Bewohner existentiell

Im südniedersächsischen Göttingen stehen kaum Hochhäuser. Doch die Universitätsstadt mit ihren 120.000 Einwohnern hält eine Art Rekord: Gleich zwei derartige Wohnkomplexe wurden innerhalb eines Monats wegen Ausbrüchen des SARS-CoV-2-Virus unter Quarantäne gestellt. Im Mai hatte es das »Iduna-Zentrum« getroffen, jetzt ist es ein Gebäude auf der Groner Landstraße: Seit Donnerstag dürfen die rund 700 Bewohner die marode Anlage nicht mehr verlassen. Am Sonnabend kam es überdies zu einem Todesfall im Haus, wie die Basisdemokratische Linke Göttingen am Sonntag abend mitteilte. Laut Auskunft von Bewohnern habe eine Frau hinter dem um das Gebäude herum installierten Absperrzaun um Hilfe für ihren Lebensgefährten gerufen, da dieser unter Atemnot gelitten habe. Rettungskräfte seien erst eine Stunde später eingetroffen, zu diesem Zeitpunkt habe der Mann keine Lebenszeichen mehr gezeigt. Am selben Tag kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Hausbewohnern und der Polizei sowie Demonstranten, die sich mit den Anwohnern solidarisierten.

Am Montag räumte die Stadt Göttingen gegenüber junge Welt ein, dass »in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag« ein Mann des Geburtsjahrgangs 1977 im Gebäude verstorben sei. »Der Tod der vorerkrankten Person steht in keinerlei Zusammenhang zum örtlichen Infektionsgeschehen«, so ein Sprecher. Der Rettungsdienst sei »unverzüglich nach Alarmierung« vor Ort gewesen, »Wiederbelebungsversuche waren jedoch vergeblich«.

Die Situation der im Gebäude lebenden Menschen ist prekär, viele sind Migranten, des Deutschen oft nicht mächtig. Die Wohnungen sind nur 19 bis 39 Quadratmeter groß – hier leben Familien mit bis zu vier Kindern. Lediglich zwei Waschmaschinen sollen zur allgemeinen Verfügung stehen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln wird von den »Tafeln« organisiert, zu Beginn der Quarantäne mangelte es an vielem, darunter auch Babynahrung. Erkrankte wohnen mit negativ Getesteten auf engstem Raum, einzelne kampieren in den Fluren. Die Medizinstudentin Setare Torkieh, die bei den Massentests im Haus mitarbeitet, berichtete am Montag gegenüber jW von schwierigen Bedingungen: Viele Menschen hätten einen schlechten allgemeinen Gesundheitszustand, unabhängig von Corona würden Infektionskrankheiten grassieren.

Der Zaun, der von der Polizei um den Komplex errichtet worden war, wurde inzwischen wieder demontiert. Aktuell werden die bereits negativ auf SARS-CoV-2 untersuchten Personen einem zweiten Test unterzogen. Wenn dieser ebenfalls negativ ausfällt, können sie das Gebäude einzeln für Besorgungen verlassen, jedoch nicht vor Dienstag. Bewohner beklagen, durch die Quarantäne ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen zu können, von Kündigungen ist die Rede. »Eine frühzeitige Trennung der positiv und negativ auf das Virus Getesteten wäre besser als eine gemeinsame Quarantäne auf engstem Raum unter diesen Bedingungen gewesen«, kritisiert Medizinstudentin Torkieh. Dabei sei das Verständnis der Hausbewohner hoch, die allermeisten hätten sich bereitwillig testen lassen, dies sei – entgegen den Behauptungen von Polizei und Presse – sehr ruhig abgelaufen.

So richtet sich die Kritik von Demonstranten und Bewohnern auch nicht gegen die Coronamaßnahmen als solche, sondern gegen die städtische Informationspolitik und die Bedingungen, unter denen die Menschen leben müssten – im reichen Göttinger Ostviertel mit seiner Villenbebauung wäre so etwas nie passiert. »Be poor – it’s cheaper«, wurde am Sonnabend vor dem Haus auf die Straße geschrieben: Sei arm – es ist billiger.

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