Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Aus: Ausgabe vom 20.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Ausstellung

Der sowjetische Anteil

Wahrer Humanismus: Eine Ausstellung in Berlin erinnert an Nikolai Bersarin, den ersten Kommandanten der deutschen Hauptstadt
Von Erik Zielke
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Ein pragmatischer Befehlshaber: Nikolai Bersarin 1945 verlässt sein Büro in Berlin

Erinnerungspolitik ist eine schwierige und zähe Angelegenheit. Ist vom mustergültigen Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte die Rede oder sogar davon, dass sie es damit übertreiben würden, muss man misstrauisch sein. Allzuschnell ist vergessen, dass es etwa ein jahrzehntelanger Prozess war, bis man auch in Westdeutschland die Selbstverständlichkeit anerkannte, dass der 8. Mai 1945 ein »Tag der Befreiung« war. Vergessen auch, dass sich eine solche Wahrnehmung auch wieder ändern kann, folgte doch gestern wie heute auf fast jede Erwähnung des sowjetischen Anteils an dieser Befreiung ein großes »Aber«.

Da ist es um so bedauerlicher, dass des 75. Jahrestags des Kriegsendes nur sehr eingeschränkt gedacht wurde. Während des Coronashutdowns schienen keine Ehrveranstaltungen möglich. Nun hat das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst die Initiative ergriffen: Am Dienstag wurde eine Ausstellung eröffnet, die dem sowjetischen Generaloberst Nikolai Bersarin anlässlich seines 75. Todestages gewidmet ist. Unter dem Titel »Der erste Stadtkommandant von Berlin« soll an einen der Befreier Deutschlands, an eine für die Hauptstadt so besonders wichtige Persönlichkeit erinnert werden.

Undenkbarer Aufstieg

Bersarin, 1904 in Sankt Petersburg geboren, kam aus einfachen Verhältnissen und absolvierte eine Ausbildung zum Buchbinder, bevor er sich 1918 der Roten Armee anschloss. Die Oktoberrevolution ermöglichte ihm einen vorher undenkbaren Aufstieg. Bald auch KP-Mitglied, nahm er am Bürgerkrieg teil und machte sich schnell um die junge Sowjetunion verdient. Seit 1941 befand er sich als Generalmajor, später als Generaloberst im Kampf gegen den Hitlerfaschismus: Er hatte Teil an der Verteidigung sowjetischen Territoriums, der Befreiung großer Teile des östlichen Europas, schließlich an der Zurückdrängung faschistischer Truppen und am Kampf um Berlin. In die Geschichte eingegangen ist Bersarin aber als Stadtkommandant. Er wurde am 28. April ernannt, also noch vor der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands. Erneut ein großer Schritt: Gerade noch wurden blutige Schlachten geschlagen, mit den Konzentrationslagern Stätten unmenschlichen Grauens befreit, da tritt ein ranghoher Militär an, um nicht nur eine Nachkriegsordnung, sondern eine Ordnung ohne Krieg zu gestalten. Nur wenige Wochen dauerte seine administrative Führung an, in der doch – wie in Umbruchszeiten üblich – alles Schlag auf Schlag ging. Durch einen Motorradunfall kam Bersarin am 16. Juni 1945 41jährig ums Leben.

Diesem Mann eine eigene Ausstellung zu widmen ist angemessen. Die widrigen Umstände, die die Coronamaßnahmen für Kulturinstitutionen nach sich ziehen, dürften dabei ein nicht zu unterschätzendes Erschwernis gewesen sein. Dennoch wird es für viele Besucher keine geringe Enttäuschung sein, dass die Ausstellung in wenigen Minuten durchschritten ist. Im sogenannten Turgenjew-Saal des Russischen Hauses, einem sehenswerten Prachtbau in der Berliner Friedrichstraße, sind die wenigen Exponate plaziert. Im Zentrum steht eine eindrucksvolle, facettenreiche Büste Bersarins, die der Bildhauer Iwan Perschudtschew (1915–1987) gefertigt hat, der auch für die imposanten Skulpturen des Sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Schönholz verantwortlich zeichnete. Videoimpressionen sowie Bekanntmachungen des Stadtkommandanten im Original und faksimiliert sollen Eindruck von seiner Tätigkeit in Berlin geben. Auf sechs leider nur wenig informativen Text- und Bildtafeln werden Fotos aus dem Privatarchiv der Familie und eine tabellarische Vita präsentiert, Angaben zum Hin und Her bezüglich der Ehrenbürgerschaft Bersarins finden sich ebenfalls. Der Skandal, dass der Befreier 1992 nicht als Ehrenbürger übernommen und erst seit 2003 wieder als solcher geführt wird, zeugt von der unsteten deutschen Erinnerungspolitik im Zeichen der jeweiligen Staatsräson.

Friedlicher Militär

Zur Eröffnung sprachen unter anderem der Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafter der Russischen Föderation, Sergej Netschajew, und Manuela Schmidt (Die Linke), Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses. Netschajew brachte es auf den Punkt: Bersarin steht für die Wiederherstellung des friedlichen Lebens. Schmidt ergänzte, dass der Kommandeur letztlich ein Humanist gewesen sei. Hierin liegt die Besonderheit dieses außergewöhnlichen Mannes: Ein Militär, der nicht als Zivilverwalter ausgebildet und der Zeuge der Nazigreueltaten geworden ist, beweist sich im Moment des Sieges als pragmatischer Befehlshaber, untersagt seiner Armee strikt Racheakte gegen die Bevölkerung und lässt in Kürze nicht nur die Infrastruktur wiederaufbauen, sondern sogar die Theater wieder spielen. Das ist wahrer Humanismus.

Bis 30. September im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur, Berlin

russisches-haus.de

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