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Aus: Ausgabe vom 20.06.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Undicht in Pödelwitz

Clemens Meyer sollte in diesem Jahr die Ruhrfestspiele eröffnen. Die fallen aus. Jetzt gibt es einen Film im Internet, in dem er seine Rede hält
Von Stefan Gärtner
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Ostzonen-Bukowski: der Schriftsteller Clemens Meyer

Üblicherweise liegen in Schreibtischschubladen Festplatten, Kuverts, Kalender, Notizbücher und DRK-Postkarten; manchmal (und freilich metaphorisch) liegen da aber auch unterhaltliche Romane, fix, fertig und unverkauft, weil mutmaßlich (oder angeblich) unverkäuflich: In einer Skihütte treffen zeitgenössische Schriftsteller verschiedener Nationalität und beiderlei Geschlechts zu einer Art Workshop zusammen, in dessen Verlauf sich eine nach dem anderen in Luft auflöst, vielleicht sogar einem Verbrechen zum Opfer fällt. Ein gewisser Sylvio Maybock ist der erste, der fehlt, taucht aber am Schluss bei einer Hauptfigur namens Christian Beerbaum (in einer frühen, radikaleren Version: »Daniel Kuhlmann«) wieder auf, die Kopien von Herta Müller, Stephenie Meyer, Juli Zeh und Ildikó von Kürthy bleiben verschwunden. Ein Meisterwerk, »kunstvoll, hart, einfühlsam, ehrlich, fesselnd und herzergreifend«, wie die Ruhrfestspiele über Clemens Meyer schreiben, den ich kunstvoll, hart, einfühlsam, ehrlich, fesselnd und herzergreifend als Ostzonen-Bukowski porträtiert hatte, halb Kind, halb Macho; eine Imago, die entweder völlig falsch war oder sich, Jahre später, gewandelt hat, ja sozusagen entscheidend gewandelt hat.

Maybock oder jedenfalls Meyer nämlich, »eine der prägenden Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur«, wie die Ruhrfestspiele finden, hatte zu diesen Festspielen die Eröffnungsrede halten sollen und sicher auch wollen. Jetzt finden die Ruhrfestspiele nicht statt, und Meyer läuft statt dessen durch einen knapp halbstündigen Film und liest ein Manuskript vor, in dem es u. a. um den »Verlust der Bilder« geht, den Peter Handke mal als Urverlust beklagt habe.

Ein heißes Thema oder sogar Eisen in unserer medialen Welt, keine Frage, nur macht Meyer den Fehler, einen eigenen Text vorzutragen und keinen von, sagen wir, Handke. Meyers Text will so etwas wie ein Bewusstseinsstrom sein, ein Fluss der Assoziation, und nach einer fein verreimten Coronaklage zum Auftakt: »Vor leeren Hallen stehen wir. Von leeren Bühnen schimpfen wir. Ins Nichts, in den Äther. Kunst mit Katheter? Unten nicht dicht, und oben kein Licht«, notieren wir u. a. die Stichworte Buchenwald, Lampenschirm, Goethe, NSU, Seuche, Empathie, Empathieverlust, Grauen, Alltag, Canetti, Drähte »von den Augen direkt ins Netz«, Fernsehen, falsche Realität, augenlose Krüppel, »es waren einmal Bilder«, Bomben, Großmutter, Hitler, Tito, und das ist erst der Anfang. »Eine Seuche geht um. Sie geht seit 10.000 Jahren«, erfahren wir und nicken wissend, und es ist so, wie es bei der versuchsweisen Lektüre Meyers immer gewesen ist: langweilig. Denn diese prägende Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur ist hauptsächlich Geräusch, Stimmung, Pose, wie es halt auch mutig ist, über so etwas Abgefrühstücktes wie den Bildverlust noch was zu sagen. Jedoch und wiederum: Der Meyer, dieser harte Hund, traut sich was. »Maybock«, heißt es im Schubladenroman, der die deutsche Gegenwartsliteratur zu prägen wohl nie Gelegenheit haben wird, »sah jetzt wieder wie der Halbstarke vor der Direktorin aus, der zwar von der Schule fliegt, aber für ein absolut cooles Ding.« Jetzt latscht er im großkarierten Sakko durch die »verlassene Geisterstadt Pödelwitz im Landkreis Leipzig (…), die für den Braunkohleabbau geräumt wurde« (Ruhrfestspiele) und erweitert die Bildverlustanzeige um »eine eindringliche und schmerzhafte Befragung deutscher Geschichte«, was so schmerzhaft ist, wie es klingt. Als hätte man’s geahnt: »Ich will doch nur wissen, wo hier die Geschichte ist« (Maybock, Manuskript, S. 180).

Sie ist jetzt wohl in Pödelwitz, und da gehört sie hin.

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