Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Bankensubvention

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Es war angekündigt worden. Aber dennoch überraschte es, welche Menge an Geld das Europäische System der Zentralbanken (Euro-System) unter Führung der EZB am vergangenen Donnerstag ins Bankensystem schleuste. Es waren 1,3 Billionen Euro. Die Konditionen waren extrem günstig. Es waren Dreijahreskredite zu einem Zinssatz von minus einem Prozent. Das ist ein halber Prozentpunkt unter dem, zu dem Banken ihrerseits jederzeit überschüssiges Geld zum Einlagesatz im Euro-System parken können. Der Vorzugszins wird unter der Bedingung gewährt, dass die Bank ihre Kredite an Unternehmen und Private auf dem Niveau des Vorjahres hält. Das Geld stellt also eine risikofreie Subvention für die Banken dar. Für jede Milliarde, die sie vom Euro-System zur freien Verwendung erhalten, bekommen sie zehn Millionen Euro jährlich dazu. Im schlimmsten Fall, wenn sie keine Kreditnehmer finden, die ihnen einen positiven Zins bieten, können sie das Geld tageweise für eine kleine Gebühr von einem halben Prozent pro Jahr (pro Tag also ein 1/365 davon) zwischenlagern.

Weil die Banken gleichzeitig frühere Kredite im Volumen von rund 700 Milliarden Euro zurückzahlen, erhöht sich das Volumen des insgesamt vom Euro-System ausgegeben Zentralbankgeldes netto um etwa 550 Milliarden Euro auf den neuen Rekordwert von sechs Billionen Euro. Das entspricht etwa der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Euro-Zone. Dazu kommt der ebenfalls angekündigte Kauf von Staatsanleihen der Euro-Länder im Wert von gut 1,3 Billionen Euro im Lauf der nächsten zwölf Monate.

Die satte neuerliche Geldausschüttung an die Banken vom Donnerstag war den Zeitungen kaum eine Zeile wert, denn sie war angekündigt. Auch ermüden Leser und Journalisten bei der Wiederkehr der immer größer werdenden Summen. An der Entschlossenheit der Zentralbanker, keine Bank und keinen Staat in Euro-Land über die Wupper gehen zu lassen, besteht jedenfalls kein Zweifel. Die Methode, die Banken zu päppeln, ist dieselbe wie vor der Krise. Mit immerwährender Liquidität, die sich nicht erschöpft, wird der anscheinend immer noch größer werdende Bedarf des Bankensystems gestillt. Nun sind die Konditionen der Liquidität für die Banken noch besser geworden. Das nehmen sie gern mit. Von Unternehmen in Not wird Kredit derzeit auch nachgefragt, aber nur gewährt, wenn das Risiko (von der anderen Abteilung des Staates, dem Finanzministerium) übernommen wird.

Wie die Banker gern zugeben, bestand das Risiko eines Bankenkrachs schon, bevor das Virus zuschlug. Dieses Risiko resultierte aus locker gewährten, oft profitablen Krediten der Banken innerhalb des Finanzsektors selber. Der Aktiencrash im März hat dieses Risiko akut gemacht, und – wie der Wiederanstieg der Börsenkurse andeutet – es wurde durch die Geldspenden der Zentralbanker und Regierungen vorläufig entschärft. Jetzt spätestens wäre es endlich geboten, die Geschäftsbanken kurzzuhalten. Man kann sie noch so stark mästen, das bringt – wie die vergangenen zwölf Jahre gezeigt haben – keinen wirtschaftlichen Aufschwung. Besser wäre es, Geschäftsbanken, die auf der anderen Seite der Wupper landen, in den liquiditätsgepolsterten Sarg der Zentralbank oder KfW zu betten und – schonend für den Rest der Wirtschaft – abzuwickeln.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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