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Aus: Ausgabe vom 20.06.2020, Seite 7 / Ausland
Kolumbien

Kopfgeld auf Guerilleros

Kolumbien: US-Regierung lässt frühere Kämpfer der linken FARC-EP suchen. Soziale Proteste im Land nehmen wieder Fahrt auf
Von Julieta Daza, Caracas
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Werden von US-Behörden gesucht: Die Comandantes der FARC-EP Iván Márquez (l) und Jesus Santrich (Havanna, 1.9.2014)

Das Außenministerium der Vereinigten Staaten und die US-Drogenbehörde DEA haben ein Kopfgeld auf Iván Márquez und Jesús Santrich, zwei Comandantes der linken kolumbianischen Guerillaorganisation FARC-EP, ausgesetzt. In einer am Donnerstag (Ortszeit) auf der DEA-Webseite erschienenen Mitteilung heißt es, das State Department zahle bis zu zehn Millionen US-Dollar für Hinweise, die zu der Verhaftung der FARC-Mitglieder führen. Das US-Justizministerium beschuldigt Márquez und Santrich, in ein »Komplott für Drogenhandel und terroristische Handlungen mit hochrangigen venezolanischen Beamten« verwickelt zu sein.

Erst Ende März dieses Jahres hatte die US-Regierung ein Kopfgeld in Höhe von 15 Millionen US-Dollar auf den Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro, ausgesetzt. Neben Maduro waren weitere venezolanische Regierungsvertreter von der US-Justiz des Drogenhandels, Waffenschmuggels und der Geldwäsche beschuldigt und angeklagt worden. Das venezolanische Außenministerium beschrieb daraufhin in einem Kommuniqué das Aussetzen von Kopfgeld als typisch für »rassistische Cowboys des wilden Westens« und beschuldigte die DEA, selbst für die Herstellung von Drogen in Kolumbien und deren Transport in die USA verantwortlich zu sein.

Márquez und Santrich hatten bei dem Friedensdialog zwischen den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens – Armee des Volkes (FARC-EP) und der damaligen Regierung Kolumbiens unter Präsident Juan Manuel Santos von 2012 bis 2016 eine bedeutende Rolle gespielt. Márquez war der Sprecher der Friedensdelegation der Guerilla, und Santrich galt als einer der wichtigsten Akteure.

Ende August 2019 verkündeten sie jedoch via Videobotschaft, der Friedensprozess sei wegen der Nichteinhaltung der Vereinbarung von seiten des kolumbianischen Staates gescheitert. Aufgrund dessen würden sie zurück in den Untergrund gehen und den bewaffneten Kampf als FARC-EP wiederaufnehmen.

Fast ein Jahr nach dieser Ankündigung scheint der Frieden in dem südamerikanischen Land immer noch sehr fern. Die Partei FARC, in die sich die Guerilla im Rahmen des Friedensdialogs umgewandelt hatte, teilte am 15. Juni mit, dass am Vortag Mario Téllez, ein Parteimitglied und früherer Guerillero, getötet worden sei. Der Mord geschah in einer ländlichen Gegend des Departamentos Norte de Santander. Laut Emiro Ropero, ebenfalls Mitglied der FARC-Partei, sind nicht weit von dem Tatort entfernt Truppen der nationalen Armee stationiert, wie die kolumbianische Tageszeitung El Tiempo am Montag schrieb. FARC erklärte am Montag in den sogenannten sozialen Medien: »Präsident Iván Duque zerfetzt den Frieden«. Téllez ist der 200. frühere FARC-Kämpfer, der seit dem Abschluss der Friedensverhandlungen ermordet wurde.

Unterdessen lässt die dramatische soziale Situation auch den kolumbianischen Arbeiterinnen und Arbeitern keinen Frieden. Am 11. Juni nahmen mehrere Gewerkschaften, medizinisches Personal, Lehrer sowie weitere Organisationen die Proteste in der Hauptstadt Bogotá und in anderen Städten wieder auf. Sie verlangten mehr Geld für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und die Einführung einer Grundrente. Die Demonstranten kritisierten die vom rechten Staatschef Duque seit vergangenem Jahr geplante »Reform« des Arbeitsrechts und des Rentensystems. Zudem prangerten sie Massenentlassungen unter dem Vorwand des Pandemienotstands an. Das medizinische Personal forderte gerechtere Gehälter, und die Lehrergewerkschaft ­Fecode lehnte es ab, den Schulunterricht ohne die nötigen Hygienemaßnahmen wiederaufzunehmen. Gemeinsam riefen die Demonstranten zu einem Ende der systematischen Ermordung sozialer Aktivisten und Aktivistinnen und der staatlichen Repression auf.

Die Proteste gegen die Regierung Duque hatten Ende vergangenen Jahres einen Höhepunkt erlebt. Durch die Einschränkungen und die Militarisierung des öffentlichen Lebens im Rahmen der Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie konnten diese jedoch nicht fortgesetzt werden.

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