Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 20.06.2020, Seite 5 / Inland
Der schöne Schein

Schöpfungsakt des Kapitals

Eine kurze Geschichte des Geldes. Teil 1: Fehler und Rätsel. Zentralbanken stellen dem Markt Billionen zur Verfügung. Mythen ranken sich um deren Entstehung
Von Lucas Zeise
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Die Finanzkrise und ihre Verrücktheiten haben erst Erstaunen, dann Empörung, schließlich sogar Interesse am Rätsel Geld geweckt

Ob Rettungspakete der Bundesregierung oder Staatsanleihenkäufe der EZB: Geld ist in der Coronakrise das bestimmende Thema. In dieser zehnteiligen jW-Serie werden mit Hilfe marxistischer Erkenntnisse bürgerliche Mythen entlarvt – vom Tauschwert einer Kaurimuschel bis hin zum Handel mit Kryptowährungen. (jW)

»Schön, die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?« Das Zitat wird Johann Nestroy zugeschrieben. In Wirklichkeit stammt es wohl von einem polnischen Dramatiker namens Marian Zalucki aus dem Jahr 1970. Besonders absurd kommt es uns heute vor, da Geld zwar immer noch für uns normale Sterbliche knapp ist, zugleich aber in der Zeitung von der enormen Geldvermehrung durch die Zentralbanken die Rede ist. Diese mit dem Auftrag der Emission (Herausgabe) von Geld beauftragten Institutionen sind in der sich entfaltenden Wirtschaftskrise dabei, frisches Geld in bisher nicht gekannter Menge in die Welt zu setzen. Die Europäische Zentralbank (EZB) zum Beispiel hat von 2007 bis heute ihre Bilanzsumme von anderthalb auf über sechs Billionen Euro ausgeweitet, was über die Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung der Länder der Euro-Zone ausmacht. Die (rechte Seite der) Bilanz einer Zen­tralbank besteht zum weit überwiegenden Teil aus Geld, das die Bank selbst geschöpft und damit Wertpapiere in heimischer oder auch ausländischer Währung bezahlt hat. Man kann also nüchtern konstatieren, dass die Zentralbanken der kapitalistischen Welt dabei sind, den eingangs beklagten Fehler der Phönizier zu korrigieren.

Man sollte aber auch immer das Positive sehen. Das besteht in diesem Fall darin, dass die Finanzkrise und ihre Verrücktheiten erst Erstaunen, dann Empörung, schließlich sogar Interesse am Rätsel Geld geweckt haben. Für Erstaunen sorgte, dass die zuweilen gehörte These, modernes Geld werde aus dem Nichts produziert, bei Geschäftsbankern, Notenbankern, manchmal sogar Finanzministern nicht auf Widerspruch stieß, sondern mit lässigem Achselzucken quittiert wurde. Anflüge von Empörung entstanden bei manchen, als sie begriffen, dass – im regulären Nichtkrisenfall – nicht die Zentralbank darüber entscheidet, ob und wieviel frisches Geld entsteht, sondern die (privaten) Geschäftsbanken. Empörend ist in der Tat, dass über viele Jahrzehnte lang behauptet wurde, dass es sich anders verhält. In den Textbüchern über Geld und Kredit erscheinen die Banken in erster Linie als Vermittler. Sie sammeln nach diesem Mythos das überschüssige Geld der Bürger und der Kapitalisten und geben es sodann als Kredit weiter.

Die falschen Theorien über die Geldentstehung sind einerseits einfach fehlerhafte ökonomische Wissenschaft, wie sie in diesem Fach typisch ist. Sie sind aber auch eine Art Rechtfertigungsmythos der Banken, der von deren Managern selbst, aber auch von den Zentralbankern gepflegt und in Festreden verbreitet wurde. Die Zentralbanker waren daran interessiert, die Charakterisierung der Geldschöpfung als eine per Federstrich und gewissermaßen aus dem Nichts abzuwehren. Erst nach der jüngsten Finanzkrise 2007/08 haben, sicher auch unter dem leicht steigenden Druck der an diesen Dingen interessierten Öffentlichkeit, die Zentralbanken sich bequemt, die Geldentstehung aus dem Kredit korrekt darzustellen. Wegweisend war dabei die Bank von England, die in ihrem Quartalsbulletin 1/2014 einen Aufsatz unter dem Titel »Money Creation in the Modern Economy« (Geldschöpfung in der modernen Volkswirtschaft) veröffentlichte. Die Deutsche Bundesbank folgte im Monatsbericht vom April 2017 mit dem Beitrag »Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess«.

Ernsthaft leugnet niemand, der die unglaublich rasante Geldvermehrung betrachtet, dass es sich hier um ein Krisenzeichen des Finanzsystems und des real existierenden weltweiten Kapitalismus handelt. Wie und warum es zu diesen sonderbaren Ereignissen kommt, wird hoffentlich im Lauf der hier präsentierten Artikelserie deutlich werden.

Dass Geld Menschenwerk ist und dennoch ein Geheimnis, ist eine jener philosophischen Erkenntnisse, die Marx – etwa im Kapitel über den Fetischcharakter der Ware – seinen Lesern nahegebracht hat. Diese Erkenntnis ist die Voraussetzung dafür, um dieses Menschenwerk politökonomisch zu analysieren.

Lucas Zeise ist Buchautor, Finanzjournalist und jW-Kolumnist. Er arbeitete u. a. für die Börsen-Zeitung und war Mitbegründer der Financial Times Deutschland.

Lesen Sie am Montag in junge Welt Teil 2: Ausdruck abstrakter Arbeit

Die Serie online: jungewelt.de/der-schoene-schein

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In der Serie Der schöne Schein:

Ab dem 20. Juni erscheint in der jungen Welt eine zehnteilige Serie zum Thema »#Geld - Der schöne Schein« des renommierten Finanzjournalisten Lucas Zeise. Zeise arbeitete für die Börsen Zeitung, gehörte zur Gründungsredaktion der Financial Times Deutschland und publiziert heute regelmäßig in der Tageszeitung junge Welt.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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