Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 19.06.2020, Seite 12 / Thema
Fiktives Kapital

Kapitale Kommandokonzentration

Vorabdruck. Die Transformation der Eigentumsstrukturen von Unternehmen im Zuge der Finanzialisierung
Von Jenny Simon
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Institutionelle Investoren üben an den Börsen große Kontrollmacht über Unternehmen aus (New York Stock Exchange)

In diesen Tagen erscheint das neue Heft der Zeitschrift Prokla. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages Bertz und Fischer den redaktionell gekürzten Aufsatz von Jenny Simon. (jW)

Wie das Eigentum an großen Unternehmen organisiert ist, und welche Interessengruppen welchen Logiken folgend Einfluss auf Unternehmenspolitiken nehmen, ist von hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung. Der Übergang vom Fordismus zum Finanzkapitalismus warf die Frage nach einer grundlegenden Reorganisation der Eigentumsstrukturen und den damit verbundenen Konsequenzen auf.

Finanzialisierung

Die Finanzialisierung des Finanzsektors umfasst in quantitativer Hinsicht eine starke Ausweitung der Aktienmarktkapitalisierung, eine enorme Zunahme des von institutionellen Investoren – Versicherungen, Investment- und Pensionsfonds – verwalteten Vermögens, die erhebliche Beschleunigung von Finanztransaktionen und ein starkes Wachstum des Verschuldungsniveaus. In qualitativer Hinsicht beschreibt sie vor allem einen starken Bedeutungsgewinn des Wertpapiermarkts gegenüber dem Kreditmarkt sowie von Akteursgruppen, deren Handlungsrationalität stark durch die Funktionslogiken und Dynamiken der Wertpapiermärkte bestimmt ist.

Neben der Finanzialisierung des Finanzsektors zeigt sich der qualitative Bedeutungsgewinn der Kapitalmärkte in der Finanzmarktorientierung von Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Zum einen wird eine Transformation der Eigentumsstrukturen von Unternehmen hin zur Zunahme börsennotierter Unternehmen in (institutionellem) Streubesitz innerhalb der Ökonomien der Zentren konstatiert. Zum anderen sind produzierende Unternehmen selbst aktive Akteure auf den Finanzmärkten, etwa indem sie erwirtschaftete Überschüsse hier anlegen. Schließlich wird eine veränderte Handlungsorientierung von Unternehmen auf die Kapitalmärkte und die Steigerung des Shareholder-Values beschrieben. Realisiert wurde dies mit neuen Unternehmensstrategien: dem Abbau von Personal, Lohndruck und Rückgang der Investitionsquote bei gleichzeitiger Umverteilung der Gewinne zugunsten der Anteilseigner.

Mit Marx lassen sich diese deskriptiven Bestimmungen von Finanzialisierung analytisch vertiefen. Finanzialisierung stellt sich hier als Prozess einer doppelten Verschiebung dar: Das Finanzkapital gewinnt strukturell an Bedeutung, und innerhalb des Finanzkapitals nimmt die Bedeutung des fiktiven Kapitals gegenüber dem zinstragenden Kapital zu. Finanzkapital wird dabei verstanden als Akkumulation von Kapital auf Grundlage (primär) finanzbezogener Operationen. Es kann vom industriellen Kapital als zinstragendes und fiktives Kapital unterschieden werden. Während im Kreislauf des industriellen Kapitals Unternehmen Geld investieren, Arbeitskräfte und Produktionsmittel kaufen, Waren produzieren und möglichst mit Gewinn verkaufen, nimmt Geld beim zinstragenden Kapital die Form des Kredits an und soll sich durch künftige Zinszahlungen verwerten. Unter fiktivem Kapital werden hingegen handelbare Forderungen verstanden, Eigentumstitel in Form von Wertpapieren, die einen Anspruch auf künftige Zahlungen verbriefen. Grundlage für fiktives Kapital sind Verbriefungsprozesse, durch die Kredite – beispielsweise in Form von Unternehmensanleihen – oder Eigentumstitel – etwa in Form von Aktien – zu einer Ware werden. Während die Besitzer von Anleihen ihr Kapital zu einem vereinbarten Zeitpunkt zurückgezahlt und während der Laufzeit einen festen Zins ausbezahlt bekommen, kaufen Aktienbesitzende formal einen Anteil eines Unternehmens und erhalten damit verbundene Mitbestimmungsrechte sowie einen Anspruch auf Dividende, jedoch keinen Anspruch auf Rückzahlung des investierten Kapitals. Im Gegensatz zu einem Kredit ist ein Wertpapier, das künftige Zahlungen verbrieft, auf dem Kapitalmarkt handelbar, kann wiederholt gekauft und verkauft werden.

Durch die Handelbarkeit der Forderungen vollzieht das fiktive Kapital eine eigene Bewegung, bei der der Eigentumstitel einen eigenen Preis bekommt (Kurswert), der nicht mit der Höhe des vorgeschossenen Kapitals zusammenfällt (Nennwert). Der Preis der gehandelten Eigentumstitel orientiert sich an den Erwartungen der Investoren über künftige Entwicklungen, an den Erwartungen über die Erwartungen anderer. Dies macht ihren spekulativen Charakter aus. Durch die Preisbewegungen der Eigentumstitel können ihre Eigentümer neben den Zahlungen von Zinsen oder Dividenden zusätzlich einen Differenzgewinn erwirtschaften.

Das Finanzsystem fungiert als eine Art Sammelstelle von der aus Kapital nach Profitabilitätserwartungen verteilt wird. Anlagemöglichkeiten werden dabei in ihrer Profitabilität verglichen und zueinander in Konkurrenz um Kapital gesetzt. Das Finanzsystem trägt so wesentlich zur formalen Vergesellschaftung des Kapitals bei und bekommt eine gewisse »Steuerungsfunktion« für die kapitalistische Produktion insgesamt. Was dabei aber nicht vergesellschaftet wird, ist die konkrete Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und die Kontrolle über den Produktionsprozess. Vielmehr hat die spezifische Form der Organisation von Eigentum an Produktionsmitteln als fiktives Kapital eine widersprüchliche Auswirkung auf das Kommando über Kapital. Im Fall des zinstragenden Kapitals wird Kredit an fungierendes Kapital verliehen, das als individuelles Einzelkapital das Kommando über Produktionsprozess und Einsatz der Produktionsmittel hat. Im Fall des fiktiven Kapitals in Form des Aktienkapitals wird hingegen in der Regel Eigentum von der Kapitalfunktion getrennt: Das Kommando über den Produktionsprozess wird vom Management ausgeübt. Eigentum und Verfügungsgewalt fallen also auseinander. Außerdem geht mit dieser Organisationsform von Eigentum – hier wird die doppelte Bedeutung von Aktienkapital als Form des fiktiven Kapitals und Organisationsform von Unternehmen deutlich – eine Fragmentierung des Eigentums an Unternehmen einher. Anteile werden von einer Vielzahl von Eigentümern gehalten. Dieser Fragmentierung steht eine Konzentration in der Verfügungsgewalt gegenüber: »Das Kapital kann hier zu gewaltigen Massen in einer Hand anwachsen, weil es dort vielen einzelnen Händen entzogen wird« (MEW 23: 655).

Die durch den Konkurrenzkampf vorangetriebene Konzentration von Kapital in den Händen einzelner bezieht sich zum einen auf das fungierende Kapital. Das über das Kreditsystem ermöglichte Anwachsen des vorgeschossenen Geldkapitals verstärkt einen – wenn auch nicht immer gradlinig verlaufenden – Konzentrationsprozess des industriellen Kapitals: Kleine Kapitale werden von großen geschluckt oder gehen unter (ebd.). Zum anderen ermöglichen Kreditsystem und Finanzkapital, dass Eigentümer von Geldkapital das Kommando über dessen Einsatz an spezialisierte Institutionen der Vermögensverwaltung outsourcen, an Banken oder Kapitalanlagegesellschaften. In deren Händen konzentrieren sich dann wiederum die fragmentierten individuellen Geldkapitale. Das Auseinanderfallen von Eigentum und Verfügungsgewalt und die Fragmentierung von Eigentumsanteilen bringt also eine Schwächung des Kommandos über Kapital auf seiten der formalen Eigentümer mit sich, begünstigt aber eine Konzentration im Kommando über Kapital auf seiten von Management und Institutionen der Vermögensverwaltung.

Industrielles Kapital und Finanzkapital stehen dabei in einer widersprüchlichen Beziehung zueinander. Das Finanzkapital ermöglicht eine Flexibilität und eine erhebliche Ausweitung des Kreislaufs des industriellen Kapitals. Es trägt so zu seiner erweiterten Reproduktion bei. Demgegenüber beruht die Erwirtschaftung von Zinsen und Dividenden im Kreislauf des Finanzkapitals auf der Abschöpfung des im Kreislauf des industriellen Kapitals produzierten Mehrwerts, also einer Umverteilung der Profite von industriellem zu Finanzkapital und kann letztendlich nur realisiert werden, wenn industrielles Kapital erfolgreich akkumuliert.

Liberalisierung des Kapitalverkehrs

Um die Konzentration von Aktienkapital im Kontext der Finanzialisierung zu verstehen, ist es notwendig, diese in die Transformation hin zum Finanzkapitalismus im Zuge der strukturellen Krise kapitalistischer Gesellschaften am Ende der fordistischen Ära Anfang der 1970er Jahre einzubetten. Die Krise des Bretton-Woods-Systems und der Übergang zum Währungswettbewerb mündeten in stark schwankenden Wechselkursen. Auf diese reagierten international tätige Unternehmen, indem sie in großem Umfang Wechselkurssicherungsgeschäfte nutzten und so der explosionsartigen Entwicklung der Derivatemärkte Vorschub leisteten. Diese wurden zum Startpunkt der folgenden Transformation. Die Transformationsdynamik der Finanzmärkte war dabei Ausdruck wie Ventil für die tiefgreifende Akkumulationskrise am Ende des Fordismus. Die Erschöpfung von Produktivitätspotentialen, die sinkende Nachfrage aufgrund gesättigter Märkte und einer Stagnation des Lohnniveaus, verschärfte internationale Konkurrenz und steigende Rohstoffpreise führten für die Unternehmen der kapitalistischen Zentren zu einem deutlichen Rückgang der Kapitalrentabilität und einem gesamtwirtschaftlichen Rückgang der Produktion. Die Akkumulationskrise erhöhte den politischen Druck, den Kapitalverkehr für das nach profitablen Verwertungsmöglichkeiten suchende Kapital zu liberalisieren und die nationalen Finanzsysteme zu deregulieren. Parallel erfolgte eine schrittweise Ablösung des Keynesianismus durch den Neo- oder Marktliberalismus als organisierende Idee wirtschaftspolitischen Handelns.

Die kompetitive Liberalisierung des Kapitalverkehrs und die Reregulierung der nationalen Finanzmärkte ging Hand in Hand mit einer in den 1980er Jahren einsetzenden und sich wechselseitig verstärkenden Entwicklungsdynamik der Wertpapiermärkte, einer starken Ausdehnung von Verbriefungsprozessen sowie neuen Finanzinnovationen. Die Marktkapitalisierung der Aktienmärkte wuchs in den USA von 47,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 1980 auf 141 Prozent am Vorabend der damaligen Krise von 2007 ff. und in der BRD im gleichen Zeitraum von 7,6 Prozent auf 61,5 Prozent. Auch die globalen Anleihemärkte wuchsen in den 1980er und 1990er Jahren in ihrer Bedeutung, wobei zunächst Staatsanleihen das dominante Segment darstellten, während in den 1990er Jahren Unternehmensanleihen wichtiger wurden. Insgesamt erhöhte sich das Liquiditätsvolumen auf den globalen Finanzmärkten in starkem Maße – allein das von institutionellen Investoren verwaltete Vermögen vervielfachte sich in den OECD-Länder auf 40,3 Billionen US-Dollar im Jahr 2005, etwa 162,6 Prozent ihres addierten BIP. Gleichzeitig wuchs die (Brutto-)Verschuldung privater Haushalte, produzierender Unternehmen sowie des Finanzsektors deutlich, wobei der Kapitalmarkt gegenüber dem Kreditmarkt stark an Bedeutung gewann. Auch die Verteilung erwirtschafteter Profite verschob sich vom Produktions- und Dienstleistungssektor zugunsten des Finanzsektors – innerhalb US-amerikanischer Kapitalgesellschaften von elf Prozent 1950 auf mehr als 40 Prozent 2001.

Die produzierenden Unternehmen engagierten sich dabei mehr und mehr selbst auf den Finanzmärkten. Diese Tendenz setzte bereits während des Fordismus ein und wurde seit den 1980er Jahren durch die abnehmende Profitabilität im produzierenden Sektor und die damit verbundene Zunahme überschüssiger Liquidität verstärkt, was wesentlich zu einer Expansion der Finanzmärkte beitrug. Insbesondere transnational operierende Großunternehmen gründeten auf Finanzmarktgeschäfte konzentrierte Tochtergesellschaften und nutzten diese für Investmentstrategien oder boten selbst Finanzdienstleistungen an.

Eng verbunden mit einem sich Anfang der 1980er Jahren zuspitzenden Rationalisierungsdruck und einer neuen Welle von Fusionen und Übernahmen setzte sich in den USA und mit Verzögerung in den 1990er Jahren auch in Kontinentaleuropa zudem eine langfristige Reorganisation der Ausrichtung insbesondere börsennotierter Unternehmen durch, die durch Theorien der Corporate Governance und der sogenannten wertorientierten Unternehmensführung unterfüttert wurde. Das strategische Ziel der Unternehmensführung sollte demnach die Steigerung des Aktienwerts der Unternehmen sein. Eine überdurchschnittliche Renditeerwartung geriet zum Maßstab des Handelns. Die Renditesteigerung sollte über eine Strategie der Marktpreismaximierung des Aktienkapitals erfolgen, wie sie sich etwa im Trend des Rückkaufs von Aktien des eigenen Unternehmens zeigte. Zum anderen wurden Profitabilitätssteigerungen durch Druck auf die Arbeitskosten oder eine Desintegration von Unternehmen ermöglicht. Diese Entwicklung ging mit einer deutlichen Einschränkung von Möglichkeiten der Einflussnahme durch Beschäftigte und Regierungen einher, bei gleichzeitiger Konzentration von Kontrolle in den oberen Managementetagen. Damit verzahnten sich die Interessen des Managements stärker mit denen der Shareholder als Regulierungsmechanismus für Unternehmensführung, indem ein Teil ihrer Bezahlung in Unternehmensaktien oder erfolgsabhängig erfolgte.

Institutionelle Investoren

Die erfolgreiche Durchsetzung der Shareholder-Value-Orientierung spiegelte sich in steigenden Ausschüttungen produzierender Unternehmen an die Anleger wider. So lag die Höhe der Dividenden in den USA der 1990er Jahre bei 35 Prozent der Bruttogewinne US-amerikanischer Unternehmen. In der BRD setzte der Trend einer steigenden Dividendenausschüttung etwas verzögert ein. Die Transformation von Eigentumsstrukturen hatte damit die Umverteilung von Profiten an den Finanzsektor zur Folge, wobei in wachsendem Maße die institutionellen Investoren profitierten, auf die sich das Aktienkapital mehr und mehr konzentrierte.

Der Anteil des von institutionellen Investoren gehaltenen Aktienbesitzes stieg in den USA bis 1985 bereits auf mehr als 40 Prozent und wuchs bis zum Ausbruch der Krise 2007 bis auf etwa 60 Prozent. In der BRD waren 2007 16,3 Prozent im Besitz von Banken, und 23,4 Prozent entfielen auf andere Finanzinstitute. Zudem spielten Produktions- und Dienstleistungsunternehmen mit einem Aktienbesitz von 34,1 Prozent sowie vermögensbesitzende Individuen mit 13,1 Prozent eine wichtige Rolle. Dies verweist zwar auf eine im Vergleich zum angelsächsischen Kontext geringe, aber doch deutlich wachsende Konzentration von Aktienkapital in den Händen institutioneller Investoren. Noch bis in die 1990er Jahre hinein lag das Eigentum an Unternehmen stärker in den Händen großer Banken, Versicherungsunternehmen und vermögensbesitzenden Individuen und Familien. Im Zuge einer Veränderung der Steuergesetzgebung sowie einer Orientierung auf Investmentbanking verkauften aber in den späten 1990er Jahren insbesondere Banken und Versicherungen Eigentumsanteile im großen Stil. An ihre Stelle traten neben privaten Investoren mehr und mehr institutionelle Investoren, deren wachsende Rolle zudem durch große Privatisierungen und institutionelle Reformen begünstigt wurde. Dieser Prozess, insbesondere eine tendenziell schwächere Rolle der Banken und Versicherungen, sowie eine Abnahme von Kapitalverflechtungen führte zu einer Debatte um die Auflösung der »Deutschland AG«.

Neben der erheblichen Konzentration von Aktienkapital bei institutionellen Investoren ließ sich seit den 1980er Jahren auch innerhalb dieser Akteursgruppe ein fortschreitender Konzentrationsprozess beobachten. Danach werden inzwischen 41 Prozent des Aktienbesitzes der umsatzstärksten Unternehmen in den USA von lediglich fünf Unternehmen gehalten – von Black Rock, der Capital Group, der State Street Corporation, der Vanguard Group und Fidelity. Dabei investierten vor allem Black Rock und die Capital Group in eine Vielzahl der größten börsennotierten Unternehmen der USA und kamen dabei allein auf einen Eigentumsanteil von je knapp zehn Prozent. Ein Großteil der institutionellen Vermögensverwalter diversifizierte seine Anlagen allerdings stärker und verfügte eher über geringere Anteile an einer Vielzahl an Unternehmen. In der BRD zeigt sich ein anderes Bild: Während einzelne Unternehmen wie VW oder einige wenige Familien große Anteile einzelner börsennotierter Unternehmen besitzen, verfügt nur eine kleine Anzahl an Investoren über einen breiter gestreuten Aktienbesitz mit gleichzeitig relativ hohen Eigentumsanteilen. Dies waren am Vorabend der Krise neben VW die Capital Group, Porsche, die Deutsche Bank sowie die Bundesanstalt für Post und Telekommunikation. Gemeinsam hielten sie insgesamt 19,3 Prozent der Anteile an den größten Unternehmen.

Passives Investment

Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 setzte eine Trendwende in der Nutzung bestimmter Anlagestrategien ein: die erdrutschartige Verschiebung von Kapital aus aktiv gemanagten Equity Mutual Funds in Indexfonds. Die bislang am stärksten verbreiteten aktiv gemanagten Mutual Funds stellen ein Portfolio aus unterschiedlichen Vermögenswerten zusammen (Aktien, Anleihen, Derivate) und versuchen hiermit eine möglichst hohe Gesamtrendite zu erzielen. Aktiv gemanagt bedeutet dabei, dass Manager aktiv Anlageformen und Objekte auswählen und versuchen, mit unterschiedlichen Strategien den Markt zu schlagen, also überdurchschnittliche Renditeergebnisse zu erzielen.

Im Nachgang der Krise veränderten Investoren jedoch ihre Anlagestrategien und verschoben Kapital in großem Umfang in Indexfonds. Indexfonds wird hier als Überbegriff von Index Mutual Funds und Exchange Traded Funds (ETFs, börsengehandelter Indexfonds) genutzt. Beide Fondstypen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Wertpapiere von in spezifischen Indizes – etwa dem S&P 500 oder den FTSE 100 – abgebildeten Unternehmen erwerben und diese Indizes replizieren.¹

Aktiv gemanagte Fonds hatten zwischen 2007 und 2016 Abflüsse von etwa 1,2 Billionen US-Dollar, Indexfonds im gleichen Zeitraum einen Zufluss von über 1,4 Billionen US-Dollar zu verzeichnen. 2019 überholte das in Indexfonds angelegte Kapitalvolumen zum ersten Mal das der aktiven Fonds.

Begleitet vom rasanten Aufstieg des passiven Investments ist eine starke Konzentration in der Verwaltung von Aktienkapital auf Indexfonds zu verzeichnen, deren Markt ebenfalls hochkonzentriert ist. Der Indexfondssektor wird dabei deutlich von drei Unternehmen dominiert: Black Rock, Vanguard und State Street. Zusammen verwalteten sie 2019 ein Vermögen von etwa 15,5 Billionen US-Dollar – mehr als das Dreifache des global in Hedge Funds angelegten Kapitals. Zusammengenommen konzentrierten diese drei 2008 rund 13,5 Prozent des Aktienvermögens der im S&P 500 gelisteten Unternehmen auf sich und steigerten ihren Anteil auf rund 22 Prozent im Jahr 2018. Sie stellen die größten Halter von Aktienanteilen in 90 Prozent aller Unternehmen dar, darunter Microsoft, General Electric und Apple. Zudem hielten sie etwa 20 Prozent der Anteile großer US-amerikanischer Banken, wie der Citigroup oder JPMorgan Chase.

In Europa ist das Investment in Indexfonds bislang weniger verbreitet als in den USA. Aber auch hier zeigt sich eine starke Expansion des Marktes und – wenn auch schwächer ausgeprägt – eine mit dem Aufstieg der Indexfonds verbundene Konzentration des Aktienvermögens. Black Rock, Vanguard und State Street stellen dabei gemeinsam den mindestens zweitgrößten Anteil in knapp 70 Prozent der 50 größten in Europa ansässigen Unternehmen. In Großbritannien verwalteten die drei im Jahr 2018 zusammen etwa zehn Prozent der Aktien von im FTSE gelisteten Unternehmen, stellten dabei aber den größten Anteil in etwa 60 Prozent der Fälle, in weiteren 25 Prozent den mindestens drittgrößten Anteilseigner. In der BRD konzentrierten Black Rock, Vanguard und State Street im Jahr 2018 zusammengenommen das höchste Aktienvermögen in 40 Prozent der 30 größten börsennotierten Unternehmen.

Als Folge des Aufstiegs des passiven Investments hat so insgesamt die Konzentration von Aktienkapital in den Portfolios einer sehr kleinen Gruppe von Indexfondsanbietern stark zugenommen. Allerdings muss auch die besondere Funktionsweise der Indexfonds betont werden: Zentrales Moment ihrer Strategie ist, Aktien in der Breite der in den Indizes abgebildeten Unternehmen beziehungsweise bestimmter Teilbereiche zu halten. Interessanterweise ist mit dieser Anlagestrategie auch die Steuerungsfunktion der Finanzmärkte in der Verteilung von Kapital auf das fungierende Kapital und der Verteilung desjenigen Profitteils der Einzelkapitale, der an das Finanzkapital geht, auf die Spitze getrieben.

Ein auf Marx aufbauendes Verständnis von Finanzialisierung verweist jedoch darauf, dass diese Konzentrationsdynamik keineswegs als »feindliche Übernahme« durch Akteure des Finanzsektors verstanden werden sollte. Vielmehr zeigt sich, dass die Transformation von Eigentumsstrukturen von Unternehmen und die Eroberung von Kommandohöhen über Aktienkapital durch institutionelle Investoren ihre Grundlage in der strukturellen Reorganisation der Ökonomien der Zentren haben. Im Zuge der Finanzialisierung erfolgte eine Bedeutungszunahme fiktiven Kapitals nicht nur im Finanzsektor, sondern auch innerhalb der Kreisläufe des industriellen Kapitals selbst. Dessen Repräsentanten haben diesen Prozess sowohl quantitativ als auch im Hinblick auf ihren Einfluss auf die Unternehmensführung, deren Kontrollsysteme sowie die Akkumulationsstrategien aktiv vorangetrieben und erheblich davon profitiert. Insofern sind Unternehmen keinesfalls passive Opfer eines »von außen« kommenden Finanzialisierungsprozesses.

Finanziers des fungierenden Kapitals

Die in der Form des fiktiven Kapitals angelegte Trennung von formalem Eigentum und der Verwertungsfunktion von Kapital einerseits und die Fragmentierung des Eigentums an Aktienkapital bei gleichzeitiger Konzentration des Kommandos über dieses Eigentum auf institutionelle Vermögensverwalter andererseits überführt die formale Vergesellschaftung der Einzelkapitale über die Finanzmärkte in eine »Privatproduction ohne Controlle des Privateigenthums« (MEGA 2 II.4.2: 503). Kleinaktionäre oder Beschäftigte mit kapitalmarktbasierter Altersvorsorge werden somit zu Finanziers des fungierenden Kapitals und institutioneller Investoren, ihr Interesse an der Verhinderung eines Wertverlusts ihrer Ersparnisse verknüpft sich folglich mit einer erfolgreichen Kapitalverwertung und stabilen Finanzmärkten.

Die durch die Form des fiktiven Kapitals ermöglichten und begünstigten Konzentrationsprozesse in der Verwaltung von Aktienkapital positionieren die institutionellen Investoren – derzeit konkret eine kleine Gruppe von Indexfondsanbietern – auf den Kommandohöhen der Kontrolle über das Aktienkapital. Dabei scheint es irreführend, ihren Einfluss an einem bestimmten Prozentsatz von Aktienanteilen einzelner Investoren in einzelnen Unternehmen zu bewerten. Die großen Anbieter von Indexfonds – Black Rock, Vanguard und State Street – koordinieren ihr Stimmverhalten auf den Aktionärsversammlungen und stimmen dabei überwiegend mit dem Management. Sie machen ihren Einfluss also als Akteursgruppe und vorwiegend in Allianz mit dem fungierenden Kapital auch gegen andere Investorengruppen geltend.

Anmerkung

1 Mit einem Aktienindex wird über Kennziffern die Kurs- oder Wertentwicklung von den im Index gefassten Aktien dargestellt. Die Entwicklung der Aktienkursindizes wird vor allem durch die Kurse der im Index enthaltenen Aktien, aber auch durch die Gewichtung der Einzelwerte, beeinflusst. Verschiedene Aktienindizes unterscheiden sich durch ihre Gestaltung (Kurs- oder Performanceindex), die Gewichtung oder Anzahl der enthaltenen Aktien. Der S&P 500 stellt beispielsweise einen der international wichtigsten Indizes dar und umfasst die Aktien der 500 größten US-amerikanischen Unternehmen, die nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet werden. Der FTSE 100 bildet hingegen die Kursentwicklung der 100 umsatzstärksten an der London Stock Exchange gelisteten Unternehmen ab.

Jenny Simon ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Kassel, Prokla-Redaktionsmitglied und forscht zur politischen Ökonomie der globalen Finanzbeziehungen.

Prokla 199: Politische Ökonomie des Eigentums, 50. Jahrgang, Heft 2, Juni 2020, 204 Seiten, 15 Euro (zu bestellen unter bertzfischer.de)

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