Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 17.06.2020, Seite 12 / Thema
Rassismus

Vererbter Wahn

Im 19. Jahrhundert entstand ein »wissenschaftlich« begründeter Rassismus, mit dem Sklaverei und Kolonialismus legitimiert werden sollten. Er reichte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein
Von Ursula Trüper
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Verheerender Unfug. Mittels Schädelvermessungen sollten »Rassentypen« bestimmt und Rückschlüsse auf deren jeweilige Intelligenz und Kulturfähigkeit gezogen werden (Zeichnungen aus dem Jahr 1849)

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich in Europa eine neue »Wissenschaft« zu entwickeln, die sich ausschließlich damit beschäftigte, »menschliche Rassen« zu klassifizieren und eine Hierarchie unter ihnen festzulegen. Mit ihrer Hilfe konnten gesellschaftlich entstandene Machtverhältnisse und Privilegien von Weißen¹ zu natürlichen und unveränderlichen Gegebenheiten erklärt werden.

Zu jener Zeit war es noch nicht sehr lange her, dass sich alle Welt für die Idee begeistert hatte, alle Menschen sollten die gleichen Rechte haben. »Wir halten die nachfolgenden Wahrheiten für klar an sich und keines Beweises bedürfend, nämlich: dass alle Menschen gleich geboren; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt sind; dass zu diesem Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit gehöre«. (Aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776) Oder gut zehn Jahre später: »Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.« (Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der Französischen Nationalversammlung vom 26. August 1789).

Exklusiv universell

Gewiss – beide Proklamationen waren von Anfang an nicht so ganz ernst gemeint. Beispielsweise war klar, dass Frauen hierunter nicht fielen. Und auch andere Menschengruppen wurden von vornherein ausgeschlossen. So enthielt die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung zunächst einen Passus, der die Sklaverei ablehnte, der jedoch vor der Verabschiedung gestrichen wurde. Viele der Gründerväter der US-Verfassung waren Sklavenhalter.

Auch im revolutionären Frankreich beschloss die Nationalversammlung zunächst die rechtliche Gleichstellung der Juden (1791), der »Freien Farbigen« (1792) und sogar die Abschaffung der Sklaverei in den Französischen Kolonien (1793). Dieser Beschluss wurde allerdings nie umgesetzt. Da erhoben sich 1801 die Sklaven in der französischen Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti. Der Schwarze General Toussaint Louverture erließ eine Verfassung, die sich ausdrücklich auf die Französischen Menschen- und Bürgerrechte berief. Unter anderem war dort festgelegt: »Es gibt keine Sklaven mehr auf diesem Territorium. Die Sklaverei ist für immer abgeschafft. (…) Jedermann, gleich welcher Hautfarbe, hat Zugang zu allen Berufen und öffentlichen Ämtern. Das Gesetz ist für alle gleich«.² Mittlerweile hatte Napoleon das Erbe der Französischen Revolution angetreten. Er beeilte sich, diese Entwicklung rückgängig zu machen, indem er Soldaten nach Staint-Domingue schickte, Toussaint Louverture verhaften ließ und dort umgehend die Sklaverei wieder einführte. »Ich bin für die Weißen, weil ich ein Weißer bin«, stellte er klar. »Das ist mein einziger Grund, und es ist ein sehr guter Grund.«³

Natürlich war das kein guter Grund. Die Forderung nach Freiheit und Gleichheit für alle Menschen stand im Raum, und die faktische Ungleichheit der Menschen ließ sich nicht mehr begründen, weder moralisch noch logisch. Sie ließ sich nur noch mit offener Gewalt durchsetzen. Um so wichtiger wurde eine »wissenschaftliche« Rechtfertigung für Sklaverei und Kolonialismus.

»Die Rassen sind nicht zu den gleichen Leistungen und Aufgaben in der Geschichte berufen, und die niederen Rassen haben den Zwecken der höheren zu dienen. Die Zwecke der höheren sind aber die ›Ziele der Menschheit‹, da in ihnen allein der höchste Gehalt der geistigen Menschenkraft zur Blüte gelangt«⁴, so der Anthropologe Ludwig Woltmann (1871–1907).⁵ Mit diesem Weltbild war es nur logisch, wenn man den »niederen Rassen« nicht die gleichen Rechte einräumte wie der »höheren«, sprich der Weißen Rasse. Die Vorurteile, die damals wieder und wieder ausgebreitet wurden, waren nicht eigentlich neu.⁶ Aber nun wurden sie durch exakte »wissenschaftliche« Methoden untermauert, beispielsweise durch Schädelvermessungen, aus denen man Rückschlüsse zog auf die Intelligenz und Kulturfähigkeit der jeweils Vermessenen.

Aristokratischer Rassismus

Einer der Vordenker der neuen Wissenschaft war der französische Diplomat Arthur de Gobineau. Im Mutterland von »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« veröffentlichte er zwischen 1853 und 1855 seinen »Versuch über die Ungleichheit der menschlichen Rassen«. Diese Schrift sollte in der Folgezeit einen großen Einfluss haben auf die rassistischen Diskurse in aller Welt. Damals kam der Begriff »Arier« in Gebrauch. Gobineau befasste sich ausführlich mit ihnen, dem Weißen »Urvolk«, das seiner Meinung nach sämtliche positiven Eigenschaften in sich vereinigte. Von Asien aus habe es sich über die Welt verbreitet. Aus der Vermischung mit den »Urnegern« seien die »Semiten« und »Hamiten« entstanden, außerdem durch Vermischung mit den »Gelben« finnischen Ureinwohnern Europas die modernen europäischen Völker.

Für Gobineau war der Feudalismus die ideale Gesellschaftsform. Dass in Frankreich anstelle des Adels nunmehr das Bürgertum an der Macht war, erklärte er damit, dass dort seiner Meinung nach durch Rassenmischung die reinen Arier allmählich ausstarben. Lediglich in der Aristokratie – mit ihren Eigenschaften Freiheitsliebe, Vergeistigung und Ehrgefühl – seien sie noch zu finden. Die Bürger hingegen hätten bereits die Eigenschaften der »Gelben Rasse« wie Materialismus und Engstirnigkeit übernommen. Besonders negativ fiel sein Urteil über die Arbeiter aus. Sie entsprächen mit ihrer Lenkbarkeit, Dummheit und Animalität der »Schwarzen Rasse«. Da nur Arier zu nennenswerten Kulturleistungen in der Lage seien, drohe durch die Vermischung des hochwertigen arischen Blutes mit dem minderwertigen anderer Rassen – er nennt diesen Vorgang »Entartung« – irgendwann der Untergang der Kulturwelt.

Gobineau ist für seine Theorien berühmt geworden. Doch bereits mehrere Jahre vor ihm, 1849, hatte in Deutschland der Arzt, Maler und Naturphilosoph Carl Gustav Carus ein Buch mit dem Titel »Über die ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschenstämme für höhere geistige Entwicklung« veröffentlicht, dessen Dreiteilung und hierarchische Gliederung in verschiedene Typen Gobineau direkt übernahm. Carus hatte die Menschheit in »Tagvölker« (Europäer und Araber), »Nachtvölker« (Afrikaner) und »Völker der Morgen- und Abenddämmerung« (Asiaten und Native Americans) eingeteilt. Allein die »Tagvölker« seien zur Kultur fähig.

Sozialdarwinismus

Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer »wissenschaftlich« begründeten Rechtfertigung des Rassismus war das Buch von Charles Darwin »Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein«. Es erschien im Jahr 1859 in London und wurde sofort ein Bestseller. In der Szene der Rassentheoretiker machte man sich bald auch Gedanken über die praktische Anwendung der neuen Theorien. Obwohl Darwin selbst seine Selektionstheorie nicht auf das Zusammenleben der Menschen übertragen hatte, wurde sie in den folgenden Jahrzehnten sowohl auf die Gesellschaft im eigenen Land (»Ausmerzung von ›Asozialen‹, Kriminellen, Kranken«) als auch auf die Völker außerhalb der eigenen Grenzen angewendet – zunächst noch in der Theorie. 1864 organisierte beispielsweise die international renommierte Anthropological Society in London eine Tagung zum Thema »Das Aussterben der minderwertigen Rassen«. Es ging um das Recht der »überlegenen Rassen«, die für ihre Interessen »lebenswichtigen« Gebiete zu kolonisieren. Offen wurde die Frage diskutiert, ob es grundsätzlich möglich sei, dass die »minderwertigen Rassen« friedlich mit der »überlegenen Rasse« koexistieren könnten – oder ob ihre Ausrottung unausweichlich sei.⁷

Wenige Jahre später, 1869, veröffentlichte der britische Forscher und Autor Francis Galton, ein Cousin von Charles Darwin und von diesem stark beeinflusst, ein weiteres einschlägiges Werk: »Hereditary Genius«. Dort erörterte auch er die Möglichkeit, die menschliche »Rasse zu verbessern«. Er hoffte auf eine Zivilisation, in welcher »der Stolz auf die Rasse ermutigt würde« und kritisierte »eine größtenteils völlig unvernünftige Sentimentalität gegenüber der schrittweisen Auslöschung einer niederen Rasse«.

Es war Galton, der den Begriff der »Eugenik« in die Diskussion einführte. Darunter verstand er das Bestreben, durch »gute Zucht« den Anteil positiv bewerteter menschlicher Erbanlagen zu vergrößern. »Das Wort Eugenik«, erläutert der deutsche Arzt Wilhelm Schallmayer, »das der griechischen Sprache entlehnt ist, enthält den Begriff des Glücklichgeborenseins, d. h. geboren mit günstigen Erbanlagen«.⁸ An die Stelle des Rechts jedes einzelnen, nach seinem persönlichen »Glück« zu streben, war die Idee getreten, dass es menschliche »Rassen« gab, die aufgrund ihrer »günstigen Erbanlagen« bereits »glücklich geboren« und infolgedessen zur Herrschaft über die weniger »Glücklichen« bestimmt waren. In Deutschland wurde dieser Begriff oft mit »Rassenhygiene« übersetzt.

Schädelmessungen

Eine Fülle von populären Schriften, Vorträgen und wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema »Rasse« entstand in jenen Jahren. Besondere Beachtung erregte die Vorlesungsreihe des französischen Zoologen George Vacher de Lapouge, gehalten in den Jahren 1886 bis 1892 in Montpellier. Lapouge machte detaillierte Schädelmessungen zur Grundlage seiner Rassenforschung. Bei ihm war es das Längen-Breiten-Verhältnis des Kopfes, das darüber entschied, ob jemand von der Natur zum Herren bestimmt war oder zum Sklaven. Der (»arische«) »Homo Europäus« beispielsweise zeichnete sich laut Lapouge durch einen langen Schädel aus, weshalb er diese Rasse auch Dolichocephalen nannte, Langköpfe. Der (minderwertige) »Mongole« hingegen durch seinen »Rundkopf«. Seiner Geschichtsphilosophie zufolge war die gesamte Menschheitsgeschichte ein Kampf der »Herrenvölker« gegen die »niederen Rassen«. Fortschritt, so Lapouge, entstehe nur durch die Unterjochung der letzteren durch die ersteren. Er forderte die Politik auf, einen »Re-Arisierungsprozess« einzuleiten, in dem die »Hochwertigen« gezielt gezüchtet und die »Minderwertigen« sterilisiert werden sollten. Die Verbindung von anthropologischen »wissenschaftlichen« Theorien mit gesellschaftspolitischen Maßnahmen wurde in der Folge unter dem Begriff der »Sozialanthropologie« zusammengefasst.

Während Lapouges Ansichten in Frankreich auf keine allzu große Resonanz stießen, war ihr Einfluss in den anglophonen Ländern erheblich – und außerdem in Deutschland. Denn auch dort interessierte man sich für eine wissenschaftliche Begründung des Rassismus, insbesondere, da Deutschland seit 1884 ebenfalls über Kolonien herrschte, die man damals gern »Schutzgebiete« nannte. Der Ingenieur und Gobineau-Anhänger Otto Ammon gründete damals in Karlsruhe eine »Anthropologische Kommission«. Er forschte zeitgleich mit Lapouge und kam zu ähnlichen Ergebnissen: Nach systematischen Untersuchungen an 28.000 badischen Rekruten stellte auch er eine bedenkliche Abnahme der »rassisch wertvollen« Elemente fest. Eine künstliche »Züchtung« wie Lapouge hielt er jedoch für aussichtslos. Statt dessen befürwortete er politische Maßnahmen zur Reduzierung der »Minderwertigen«, die auch er vor allem unter den Arbeitern ausmachte. Um deren Einfluss einzudämmen, forderte Ammon ein Dreiklassenwahlrecht, das den politischen Einfluss des Wählers von seinem Vermögen abhängig machte, die Verlängerung des Sozialistengesetzes sowie eugenische Fortpflanzungsbeschränkungen.

Derartige Maßnahmen waren in Deutschland mit seiner starken Arbeiterbewegung und einer Sozialdemokratischen Partei, die trotz der Schikanen des Sozialistengesetzes immer stärker wurde, nicht durchzusetzen. Doch in den Kolonien war das möglich. 1886 wurde in Berlin das »Gesetz, betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete« verabschiedet. Danach wurde für sämtliche deutschen Kolonien ein duales Rechtssystem eingeführt: eines für »Eingeborene« und ein anderes für »Nichteingeborene«. Für »Eingeborene« galt das Gewohnheitsrecht ihres »Stammes« – auch wenn sie mit diesem niemals Kontakt gehabt hatten. Für die »Nichteingeborenen«, also die Weißen Kolonialherren und -herrinnen, galt weiterhin das reichsdeutsche Recht. Im Deutschen Reich selbst galt bis zur Nazizeit ein unterschiedsloses Rechtssystem für Schwarze und für Weiße.⁹

Eine Autorität der Völkischen

1899, kurz vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, das so verheißungsvoll mit der Forderung nach Freiheit und Gleichheit für alle Menschen begonnen hatte, erschien eine weitere Schrift in England, die ihr Verfasser schlicht »Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts« betitelte. Der britische Richard-Wagner-Fan Houston Stewart Chamberlain legte damit das Standardwerk des rassistischen und ideologischen Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert vor. Das zweibändige Werk beschreibt die abendländische Geschichte ebenfalls als einen Kampf der Rassen. Chamberlain charakterisiert die Germanen als die kulturschöpferische Rasse, die für die Aufrechterhaltung der christlichen Kultur gegenüber den Einflüssen des Judentums verantwortlich sei. Die germanische Kultur müsse vor »fremden« Einflüssen und den Folgen »rassischer Durchmischung« geschützt werden. Chamberlains Werk wurde intensiv von der damals entstehenden deutschen völkischen Bewegung rezipiert. Zu seinen Bewunderern zählte neben Kaiser Wilhelm II., der Chamberlain wiederholt an den kaiserlichen Hof einlud, auch der junge Adolf Hitler.

1904 erhoben sich in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika die dort lebenden Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialmacht. Ein vier Jahre währender blutiger Kolonialkrieg war die Folge, der im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts endete. Dieser Krieg beeinflusste auch die innerdeutschen Debatten. Wenig überraschend herrschte im konservativen Parteienspektrum des Kaiserreiches von Anfang an die Auffassung, Deutschland brauche Kolonien und habe das Recht, minderwertige Rassen zu unterjochen und gegebenenfalls auch auszurotten. Die SPD jedoch hatte zunächst eine klare antikolonialistische und antirassistische Position vertreten. Doch nun wurden Kolonialismus und Rassismus auch in dieser Partei salonfähig. Die Zweite Sozialistische Internationale sprach sich auf ihrem Kongress in Amsterdam 1904 zwar gegen den Imperialismus und das »kapitalistische Kolonialsystem« aus, verabschiedete aber gleichzeitig Sätze wie den folgenden: »Der Kongress anerkennt das Recht der Einwohner zivilisierter Länder, sich in Ländern niederzulassen, deren Bevölkerung sich in niederen Stadien der Entwicklung befindet.«¹⁰

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1905 erließ der stellvertretenden Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, Hans Tecklenburg, eine Anweisung an alle Standesbeamten in der Kolonie, keine standesamtlichen Trauungen zwischen »Weißen und Eingeborenen« mehr vorzunehmen. Gegenüber der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes begründete er diese Maßnahme damit, dass durch eine Eheschließung die »eingeborene Frau, die von beiden erzeugten Mischlinge und deren Abkömmlinge« deutsche Staatsangehörige würden. »Die männlichen Mischlinge« könnten auf diese Weise »fähig zur Erlangung öffentlicher Ämter und des künftig einmal einzuführenden Wahlrechts« in Südwestafrika werden. »Die eingeborene Frau und die Abkömmlinge« würden der »für die Eingeborenen notwendigen Sondergesetzgebung entzogen. Diese Konsequenzen sind in hohem Grade bedenklich und bergen eine große Gefahr in sich: Durch sie wird nicht nur die Reinerhaltung deutscher Rasse und deutscher Gesittung hier, sondern auch die Machtstellung des weißen Mannes überhaupt gefährdet.«¹¹

»Praktische Eugenik«

1908 begann der Freiburger Arzt und Anthropologe Eugen Fischer in der südwestafrikanischen Kleinstadt Rehoboth, eine systematische Untersuchung der »Rassenmerkmale« von 2.567 »Rehobother Bastards« durchzuführen. Bei dieser Untersuchung wandte er erstmalig die damals gerade wiederentdeckten Mendelschen Erbgesetze auf die Anthropologie an, wodurch der »wissenschaftliche Charakter« seiner Forschungen besonders unterstrichen werden sollte. Fischers aufwendige Untersuchung wurde finanziert durch ein Stipendium der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Ihr Ziel war, eine Grundlage zur »Praktischen Eugenik« zu legen. Die Ergebnisse dieser Forschung erschienen 1913 unter dem Titel »Die Rehobother Bastards und das Bastardisierungsproblem beim Menschen« und brachten Fischer große internationale Anerkennung ein.

1914 brach Deutschland den Ersten Weltkrieg vom Zaun und verlor in seiner Folge sämtliche Kolonien. Dies beendete die rassistische Debatte keineswegs. 1927, also während der Zeit der Weimarer Republik, erschien ein weiteres Grundlagenwerk Eugen Fischers: »Rasse und Rassenentstehung beim Menschen«. Dort schrieb er: »Ausnahmslos jedes europäische Volk (einschließlich der Tochtervölker Europas), das das Blut minderwertiger Rassen aufgenommen hat – und dass Neger, Hottentotten und viele andere minderwertig sind, können nur Schwärmer leugnen –, hat diese Aufnahme minderwertiger Elemente durch geistigen, kulturellen Niedergang gebüßt.« Daher sei unter allen Umständen eine »Rassenmischung« zu vermeiden. »Hier handelt es sich geradezu um den Bestand – ich sage das in vollem Bewusstsein – unserer Rasse, das muss in jeder Beziehung der oberste Gesichtspunkt sein, da haben sich eben ethische und rechtliche Normen darnach zu richten.«¹²

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, brauchten sie keine neuen Rassentheorien mehr zu erfinden. Alles, was sie später in die Tat umsetzten, war bereits seit Jahrzehnten vorgedacht.

Anmerkungen

1 Die Hautfarbenbezeichnungen »Schwarz« und »Weiß« werden im Folgenden groß geschrieben, um anzudeuten, dass es sich hier nicht um biologische Tatsachen, sondern um politisch-soziale Zuschreibungen handelt.

2 Zit. nach Hans Christoph Buch: Die Scheidung von San Domingo. Berlin 1976, S. 124

3 Zit. nach Rosa Amelia Plumelle-Uribe: Weisse Barbarei. Vom Kolonialrassismus zur Rassenpolitik der Nazis. Zürich 2004, S. 89

4 Zit. nach Fatima El-Tayeb: Schwarze Deutsche. Der Diskurs um »Rasse« und nationale Identität 1890–1933. Frankfurt/New York 2001, S. 18–59

5 Woltmann war ein untypischer Vertreter der deutschen Anthopologenzunft. Während die meisten seiner Kollegen dem konservativen bis reaktionären politischen Spektrum angehörten, war er Sozialdemokrat und versuchte zeitlebens, Marxismus und Sozialdarwinismus miteinander zu verbinden.

6 Beispielsweise hatte auch der Philosoph Immanuel Kant das seine zum Rassismus seiner Zeit beigetragen. In »Von den verschiedenen Racen der Menschen« schreibt er 1775: »Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. (…) Die Neger sind weit tiefer. (…) Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.«

7 Rosa Amelia Pumelle-Uribe: Von der kolonialen Barbarei zur Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus. 2006, in: www.africavenir.com/fileadmin/downloads/e.../AFA_ejournal_0107.pdf

8 Wilhelm Schallmayer: Auslese als Faktoren zu Tüchtigkeit und Entartung der Völker. Brackwede 1907

9 Harald Sippel: Rechtspolitische Ansätze zur Vermeidung einer Mischlingsbevölkerung in Deutsch-Südwestafrika (1907–1914), In: Frank Becker (Hg.): Rassenmischehen – Mischlinge – Rassentrennung. Stuttgart 2004, S. 138–164

10 Congrès Socialiste International. Amsterdam 1904. Genf 1978 (= Histoire de la Iie Internationale Bd. 14), S. 511

11 Zit. nach El-Tayeb, S. 143

12 Zit. nach ebd., S. 90–92. Fischer machte in Deutschland Karriere – in drei politischen Systemen. Zwischen 1927 und 1942 war er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin. Von 1933 bis 1934 Rektor der Berliner Universität. In dieser Eigenschaft befürwortete er gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern die Zwangssterilisierung der sogenannten Rheinlandbastarde, also der Nachkommen von Schwarzen Besatzungssoldaten, die nach dem Ersten Weltkrieg im Rheinland eingesetzt waren. Noch 1952 wurde Fischer zum Ehrenmitglied der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft ernannt.

Ursula Trüper ist Erzieherin, freie Journalistin und Autorin. Zur Zeit schreibt sie an einem Buch über die 200jährige Geschichte einer afrikanisch-deutschen Familie. Titel: »Zara oder das Streben nach Glück«.

Siehe auch Seite 14

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus Hagen (18. Juni 2020 um 10:37 Uhr)
    Es ist natürlich schon so, dass die Nazis die bestehende Rassetheorien ganz massiv noch politisch zugespitzt und geändert haben.

    Die Gleichheit in den USA war vor allem der revolutionäre radikale Abbau von Adelspriviliegien, an denen sich die europäischen Völker in ihren Revolutionsversuchen vergeblich die Zähne ausgebissen hatten – das Thema der Zeit schlechthin!

    Die biblische Ernährerehe gebot die Unterordnung der Frau, in der ausgerechnet Jesus selbst keine Handhabe für Adelsprivilegien liefete. Übrigens auch keine für Rasse

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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