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Aus: Ausgabe vom 15.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Sein eigener Champ

Zwei Schritte voraus. Zum Tod von Jörg Schröder
Von Peter Merg
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Selbst ihr Wikipedia-Artikel liest sich aufregender als jeder Abenteuerroman: Jörg Schröder und Barbara Kalender (1986)

Südhessen, Anfang der nuller Jahre. Es herrscht wieder Krieg, diesmal in Afghanistan. Die NATO marschiert, Gerhard Schröders BRD macht mit. Der Bertelsmann-Katalog preist den neuen Günter Grass, der davon handelt, dass beim letzten Weltkrieg auch Deutsche unter den Opfern waren. Doch mich interessiert etwas anderes. Im Regal meines Vaters, ganz oben links stehen die leuchtend gelben Bände. Auf den Buchrücken prangen in Schwarz und Rot die Titel. »Blumen für Hitler« heißt ein irritierend-schöner, »Acid« plakativ ein weiterer. Doch am meisten zieht mich ein anderer an, der dickste, sein Titel schlicht: »Mammut«. Darin stehen Gedichte, Storys, Montagen von Autoren dies- und jenseits des Atlantiks, wütend-wild und unversöhnlich gegenüber den Scheitelträgern mit den Ärmelschonern, den Nazis mit »demokratischem« Parteibuch, den Bombenwerfern mit dem guten Gewissen von gestern und heute und ihrer Literatur. Wow, denke ich. G. Schröder und G. Grass würden nie wieder eine Chance bei mir haben.

Auf den Buchrücken steht noch etwas. »MÄRZ«, in brutalistischen Majuskeln. Entworfen hatte das Design, wie alles in diesem, seinem Verlag, Jörg Schröder. Der 1938 geborene Berliner hatte seinen Sinn für die Leseransprache während der 60er Jahre als Werbemann für Kiepenheuer & Witsch geschärft, das ikonographische »März«-Raster wird 1969 sein Meisterstück. Wie man geschickt die Erzeugnisse der provokanten Literatur- und klassenbewussten Politavantgarde mit gut verkäuflichen Sexschriften quer­finanziert, hatte er da bereits als Verlagschef des Melzer-Verlags bewiesen. Kerouac, Castro und »Die Geschichte der O.« Genial. Dass letztere literaturgeschichtlich kaum weniger wichtig sein würde, konnte damals weder Schröder wissen, noch die Zensoren, gegen die er vor Gericht seine verlegerische Freiheit verteidigte. Selbst Walter Jens tat einmal etwas Nützliches und schrieb ein Unterstützungsgutachten. Kunst, Gespür, Chuzpe und gute Kontakte – die Schröder-Kombination. Mit ihr sollte März durch den miefigen BRD-Kultursumpf fegen und noch 30 Jahre später einen Teenager aus den Socken hauen.

Die Pornos der »Olympia Press« waren da schon längst vergessen, aber historisch nicht zu unterschätzen – als gesellschaftliche Lockerungsübung und als Geldquelle für das radikale März-Programm. Daran erinnerte sich der ehemalige SDS-Vorsitzende und kurzzeitige Verlagslektor KD Wolff nur ungern, als ich ihn während des Studiums bei einem Zeitzeugengespräch erlebte; an die sozialwissenschaftliche Sexualaufklärung von Günter Amendts »Sexfront« (1970) schon viel lieber. Mit dadaistischen Aktionen wie der Bismarc Media GmbH, gegründet um nichts zu produzieren, oder einer gefälschten BRD-Briefmarke anlässlich Lenins 100. Geburtstages drehte man auch dem politischen System eine lange Nase. Das brachte Spaß und Aufmerksamkeit, doch das Spiel war ernst. März war programmatisch politisch, brachte einen Tricont-Reader und Frantz Fanon, »Propaganda als Waffe« von Willi Münzenberg. Das gerät neben den literarischen Pionierarbeiten von Brinkmann, Vesper und Kesey oft in Vergessenheit. Egal, welcher Schriftsteller sich damals abseits der Formatverlage seine Sporen verdiente – Schröder hat sie alle gehabt; oder zumindest fast. Doch auch erzählerisch war er sein eigener Champ.

»Leben, um davon zu erzählen« heißt die halbfiktionale Autobiographie von Gabriel García Márquez, es hätte auch Schröders Motto sein können. Seit einem schweren Autounfall (unweit meines Heimatortes, wie ich später erfuhr) hatte er ein ramponiertes Bein, das ihm dauerhaft zusetzte. 1972 lag er deshalb wieder mal in der Klinik und diktierte Ernst Herhausen seine Erinnerungen. Ein unnachahmlich lakonisch-witziger Sound, ein ungeheurer Skandal: »Siegfried«. Noch so ein typischer März-Titel. Schröder ließ nichts aus, was er in 15 Jahren Literaturbetrieb und Medienzirkus erlebt hatte, nannte Namen, es hagelte Prozesse. Max Horkheimer ließ ihm ausrichten: »Ich begrüße dieses Buch ausdrücklich.« Der Band verkaufte sich glänzend. Kurz nach dem Abitur fand ich ein Exemplar einer frühen Auflage auf einer Darmstädter Parkbank, als hätte es auf mich gewartet.

Im Oktober 2018 wartete ich auf der Frankfurter Buchmesse, um Schröder endlich persönlich kennenzulernen. Er stellte gerade mit Dietmar Dath die letzte Neuauflage des »Siegfried« (bei Schöffling & Co.) vor, die junge Welt hatte einen Vorabdruck gemacht. Doch zuerst umarmte mich Barbara Kalender, wie stets seit frühen März-Tagen an seiner Seite. Sie und Schröder waren nicht erst seit der gesundheitsbedingten Schließung des Verlages 1987 zu einem symbiotischen Künstlerpaar geworden. Gemeinsam entwickelten sie 1990 die Reihe »Schröder erzählt«, ein literaturhistorisch einmaliges, autobiographisches Langzeitprojekt auf Subskriptionsbasis, mal wieder seiner Zeit zwei Schritte voraus. Die Welle der Autorenblogs folgte erst später, und so viel zu erzählen, wie die beiden, hatte auch seitdem niemand. Es reichte sogar noch für 100 Folgen der junge Welt-Kolumne »Schröder & Kalender« und einen Taz-Blog. Selbst ihr Wikipedia-Artikel liest sich aufregender als jeder Abenteuerroman.

Schröder begrüßte mich mit der Aufforderung: »Lass uns ein Bier trinken.« Während wir tranken, was man ihm weder nach dem zweiten noch nach dem dritten Glas anmerkte, ließ er immer wieder den hellwachen Blick über die Besucher und Aussteller schweifen. Der Blick eines Mannes, der alle Spiele gespielt hatte, dessen Freundschaft belebend und dessen Feindschaft vernichtend war. Ihm war noch immer nicht langweilig. Er hatte sie alle in der Tasche.

Am Samstag ist Jörg Schröder um zwei Uhr im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben.

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