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Aus: Ausgabe vom 17.06.2020, Seite 8 / Ansichten

Herrische Dominanz

US-Truppenabzug aus der BRD
Von Jörg Kronauer
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Kommandoton vor aller Augen: Auf der US-Airbase in Wiesbaden-Erbenheim

Zuweilen kommt es weniger darauf an, was man tut, als darauf, wie man es tut. Das trifft auch auf die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump zu, eine größere Zahl US-Militärs aus Deutschland abzuziehen. Intern haben manche in Berlin schon länger spekuliert, Washington werde womöglich mittelfristig seine Truppen in der Bundesrepublik etwas reduzieren müssen; der militärische Druck auf China werde damit erhöht, ohne in Zeiten der Coronakrise den US-Haushalt übermäßig zu belasten. Nur: Der übliche Gang der Dinge wäre gewesen, dies mit der Bundesregierung zu besprechen und es erst dann öffentlich zu machen. Unter Trump ist die US-Administration nun aber dazu übergegangen, Verbündete im Kommandoton vor aller Augen zu brüskieren – und das ist es, was Berliner Politikern vielleicht am meisten aufstößt: Es ist nicht mehr Herrschaft durch Führung des Bündnisses, sondern durch offene Dominanz.

Hinzu kommt: Der Trump-Administration gelingt es immer wieder, die europäischen Verbündeten zu spalten. Polen wäre sofort bereit, möglichst viele US-Soldaten auf seinem Territorium zu stationieren. Nicht zum ersten Mal bringt es sich gegen die Bundesrepublik in Stellung; ein Paradebeispiel war die ominöse internationale Iran-Konferenz im Februar 2019, auf der die USA für ihre Sanktionspolitik trommelten: Als Austragungsort für die Veranstaltung, die zum Ziel hatte, den Widerstand Berlins und der EU gegen die Wiederaufnahme der Iran-Sanktionen zu brechen, stellte sich Warschau zur Verfügung. Verpassen die Vereinigten Staaten im machtpolitischen Gerangel Deutschland einen Dämpfer, dann ist Polen immer wieder dabei. Außenminister Heiko Maas hatte am Dienstag in Warschau alle Hände voll zu tun, um den Eindruck zu vermeiden, sobald Trump einen Paukenschlag setzt, gerieten sich die Staaten Europas in die Haare.

Wieso eskalieren die transatlantischen Konflikte immer mehr? Nun, für Washington wird es langsam eng beim Bemühen, seine globale Vorherrschaft zu sichern: China erstarkt allzu sehr. Die Vereinigten Staaten suchen mit aller Macht die eigenen Reihen zu schließen; für Rücksichtnahme auf die Verbündeten bleibt immer weniger Raum. Dies um so mehr, als deren Hauptmächte – vor allem Deutschland und Frankreich – mit der EU als eigenständiger Block im Kampf um die Weltmacht auftreten wollen; wie’s der Zufall so will: Gestern diskutierten die EU-Wehrminister über eine stärkere Militärunion. Die Differenzen nehmen zu. In den deutschen Eliten werden mittlerweile Stimmen laut, die offen fragen, ob Washington beim Bemühen, seine Dominanz knallhart festzuklopfen, den Bogen nicht überspanne, etwa mit seinem herrischen Auftreten in der Debatte um eine Truppenreduzierung in der Bundesrepublik. Klar ist im globalen Handgemenge bislang nur eins: Die Machtkämpfe werden weitergehen – mit allen Mitteln.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Ende der US-Hegemonie Damals, als die USA die Währungsreform nach Westdeutschland brachten, wurde ihre herrische Dominanz als willkommen begrüßt. Seither ist viel Wasser den Rhein hinabgeflossen. Die Zeiten haben sich wese...

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