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Aus: Ausgabe vom 15.06.2020, Seite 8 / Inland
Nazidenkmal in Kalkar

»Da könnte die Stadt auch Hakenkreuze flaggen«

Aktionskünstler protestiert gegen Nazidenkmal in Kalkar – und wird mit Strafanzeigen bedroht. Ein Gespräch mit Wilfried Porwol
Interview: Gitta Düperthal
Kriegerdenkmal 9.5.2020 Vorderseite Kopie.jpg
Vorübergehend umgestaltet: Nach den Aktionen am Nazidenkmal in Kalkar wurde von den Behörden alles »bereinigt« (9.5.2020)

Im nordrhein-westfälischen Kalkar steht ein Nazidenkmal mit grauem Steinadler, gewidmet »unseren Helden« in den zwei Weltkriegen. Zum wiederholten Mal haben Sie dieses zum Friedensmahnmal umgestaltet. Wie haben Sie es mit einer politischen Kunstaktion verändert?

Angefangen hatte alles im Sommer 2019. Ich wollte das Martialische des dort aufgestellten grauen Adlers ins Gegenteil verkehren und färbte ihn am 27. Juli letzten Jahres in Regenbogenfarben ein. Das auf der Rückseite des Denkmals eingemeißelte Hitler-Zitat »Mögen Jahrtausende vergehen, man wird nie von Heldentum reden können, ohne des deutschen Soldaten im Weltkrieg zu gedenken« ist aus »Mein Kampf«. Das Zitat hatte ich mit »Nie wieder Faschismus« und »Nie wieder Krieg« überschrieben; dazu das abgebildete Schwert, naheliegend, mit den Worten »Schwerter zu Pflugscharen« verschönert sowie darunter »Abrüsten statt Aufrüsten« ergänzt. Den Korpus, einen Quader, gewidmet »Unseren Helden – 1914–1918/1939–1945«, wollte ich mit einem Peace-Zeichen und dem Motto der Friedensbewegung der 60er Jahre »Make Love not war« verändern, als mich die Polizei unterbrach. Die wollte, dass ich damit aufhöre, meine Spraydosen beschlagnahmen und so weiter.

Als ich mein Werk tags darauf zu Ende führen wollte, war ich entsetzt. Auf Anweisung der Bürgermeisterin Britta Schulz war alles »bereinigt« worden. Später, noch am selben Tag, hatten aber von meiner künstlerischen Umgestaltung inspirierte Leute, die nicht erwischt wurden, es erfreulicherweise erneut farblich gestaltet. Diese Verschönerung überdauerte bis September.

Die Stadt Kalkar beschäftigt sich seit 2019 mit dem Thema – mit welchem Resultat?

Auf einer Ratssitzung wurde der gleiche Beschluss gefasst, wie schon 2016: Eine Infotafel solle sich vom Gehalt des Denkmals distanzieren und den historischen Kontext erklären. Umgesetzt wurde das bislang nicht. Jahrelang war so die kriegsverbrecherische Nazipropaganda präsent. Da könnte die Stadt auch Hakenkreuze flaggen.

Auch in diesem Jahr waren Sie mit Blick auf den 8. Mai nicht untätig.

Ich schaute wieder beim Denkmal vorbei: Hätte ja sein können, dass die Stadt Kalkar den historischen 75. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus zum Anlass genommen hätte, aktiv zu werden. Aber nein: Immer noch keine Distanzierung! Deshalb gestaltete ich das Denkmal in den Morgenstunden des 9. Mai wieder um, nur anders: den Korpus des Adlers in Pink, um die martialische Wirkung zu zerstören; auf dem linken Flügel als Symbol des Pazifismus, ein Stahlhelm, in dem eine Blume wächst; rechts das Stadtwappen der Stadt Kalkar mit einem Hitler-Kopf, der durchgestrichen war. Hinten Hitlers Totenschädel, ebenso durchgestrichen; mit der Aufforderung »Weg damit«; ansonsten traditionell: Peace-Zeichen und »Make love, not war«. Aber auch in diesem Jahr wurde das Denkmal wieder »bereinigt«.

Bereits 2019 wurde gegen Sie eine Strafanzeige wegen der Kunstaktion gestellt. Drohen Ihnen auch in diesem Jahr juristische Folgen?

Erstaunlicherweise bin ich jetzt sogar wegen »gemeinschädlicher Sachbeschädigung« angezeigt. Nazipropaganda zu entfernen ist also »gemeinschädlich« – sie wiederherzustellen soll danach offenbar eine gute Tat sein. Ich gehe davon aus, dass mein Handeln vielmehr die Pflicht eines jeden Bürgers unseres Landes sein sollte, der das Grundgesetz und den antifaschistischen Auftrag ernst nimmt.

Setzen Sie Ihr politisches Engagement fort?

Die Aktionskunst wird durch die Presse durchaus gewürdigt. Wir werden einen Appell von Kulturschaffenden formulieren, um gegenüber der Stadt Kalkar Druck zu machen. Wenn an anderen Stellen der Republik, wo solche Denkmäler stehen, weitere Menschen im antifaschistischen Konsens kreativ werden, freue ich mich.

Wilfried Porwol ist Aktionskünstler und aktiv bei der »Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen« (DFG-VK)