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Aus: Ausgabe vom 13.06.2020, Seite 4 / Inland
Tag des Erinnerns in Sachsen-Anhalt

»Es gibt diese Bewegung«

Sachsen-Anhalt: Antifaschisten erinnern an Alberto Adriano und weitere Opfer rechter Gewalt. Kritik an bürgerlicher »Show des Antirassismus«
Von Susan Bonath, Dessau
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Ein Teilnehmer der Gedenkveranstaltung kniet am Donnerstag vor der Gedenkstele für Alberto Adriano im Stadtpark von Dessau

Vertreter der Black Community sprachen bei der Gedenkfeier am Donnerstag in Dessau als erste. Doch vorher legten die Anwesenden eine Schweigeminute für den in Mosambik geborenen Alberto Adriano ein. Ihn hatten an diesem Ort vor 20 Jahren drei Neonazis so brutal geschlagen und getreten, dass Adriano wenig später an den Verletzungen starb. Nach der Schweigeminute stellte ein Mitglied der Community in seinem Redebeitrag klar: »Wir schwarzen Menschen wollen nicht mehr weinen, wir wollen hinsehen und nie vergessen, was unseren Schwestern und Brüdern Tag für Tag überall in der Welt seit langem angetan wird«. Rassistische Unterdrückung sei seit Jahrhunderten fester Bestandteil des globalen Systems, mahnte er. »Da ist immer diese Angst in uns, es gibt keine Ruhe, keine Sicherheit, nicht in meiner Heimat, nicht hier – nirgendwo.«

Der 39jährige Adriano, Vater von drei Kindern, war am 14. Juni 2000 im Krankenhaus, drei Tage nach dem brutalen Übergriff, an seinen schweren Verletzungen verstorben. Rund 150 Menschen folgten am Donnerstag abend dem Aufruf des Bündnisses »Dessau nazifrei« und der »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh«. Sie legten Blumen an der Gedenkstele am einstigen Tatort nieder und zogen später vor das Dessauer Polizeirevier.

Im Fall Adriano habe die Bundesanwaltschaft ermittelt, weil es viele Fälle wie diesen gab, bei denen die Täter selbst einer unteren Schicht angehört hätten, erinnerte sich Thomas Ndindah von der Initiative. Dass ermittelt wurde, dürfe aber nicht vom institutionellen Rassismus durch die Politik, den Staat und seine Behörden ablenken, mahnte er und kritisierte »die bürgerliche Show des Antirassismus« als »Teil des Problems«. Dessau sei ein »Hotspot für Morde an Menschen, die institutionell für minderwertig erachtet werden«, erläuterte Ndindah. Dazu gehörten die an Oury Jalloh im Polizeirevier 2005 und an Yangie Li durch einen Polizistensohn 2016. Aber auch die im Polizeirevier mutmaßlich zu Tode geprügelten Opfer Hans-Jürgen Rose (1997) und Mario Bichtemann (2002) sowie der 2008 auf einer Dessauer Parkbank erschlagene Hans-Joachim Sbrzesny müssten dazugezählt werden. In Dessau zeige sich, »wie sie sich hinter einem sogenannten Aufstand der Anständigen verstecken«, so der Aktivist. Tatsächlich aber würden Umstände schöngeredet und Taten verdeckt. Das Elend in Massenunterkünften, die repressive Politik gegen Geflüchtete, die Tode im Mittelmeer, die Folter in Lagern würden verleugnet. »Wenn sie sich als Anständige darstellen: Machen wir dann etwa einen Aufstand der Unanständigen?« fragte Ndindah.

Ihm pflichtete Mouctar Bah, Mitbegründer der Oury-Jalloh-Initiative, bei. Noch schlimmer als herumlungernde Neonazis sei ein Staat mit einer Polizei, »der das rassistische System schützt und Rassismus in die Köpfe sät«, machte er deutlich. Bah sagte: »Für uns schwarze Menschen ist es schon eine Beleidigung, wenn wir besonders hier in Dessau überhaupt einen Polizeibeamten treffen.« Von dieser Seite erwarte er keine Unterstützung mehr.

Das Bündnis »Dessau nazifrei« hatte ein großes Transparent mit den Namen von mehr als 180 Opfern rechter Gewalt alleine zwischen 1990 und 2011 in Deutschland aufgespannt. Ein Bündnissprecher erinnerte sich an die Zeit, als Adriano ermordet wurde: »Es gab damals fast niemanden – keine Polizei, keine Stadtverwaltung, keine Gewerkschaft –, der mit Antifaschisten was zu tun haben wollte, der auf unserer Seite stand.« Die vom Staat betriebene Politik gegen Migranten, Geflüchtete und Unterprivilegierte sei »ein Katalysator für Rassismus und Sozialdarwinismus und entspricht der kapitalistischen Verwertungslogik«. Doch er habe auch Hoffnung. Immer mehr junge Menschen würden die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ausbeutung von Mensch und Umwelt, reflektieren. »Trotz allem: Es gibt diese Bewegung«, machte er Mut.

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