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Aus: Ausgabe vom 13.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Bukowski am Fenster

Was macht einen Autor zum Klassiker? Ein guter Übersetzer hilft. Carl Weissners »Aufzeichnungen über Außenseiter«
Von Michael Schweßinger
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Wider die Kulturverweser: Carl Weissner (2006)

Ein kurzer Blick auf meine Bücherwand genügt, um mich daran zu erinnern, dass ich Carl Weissner eine Menge großartige Leseerlebnisse verdanke. Kein Schriftsteller, der mächtig Buchrücken ziert, aber mein Blick schweift von der altrosa Burroughs-Ausgabe von 1978 über die Kiffergeschichten in »M’hashish« von Mohammed Mrabet und Paul Bowles zu den kultigen Ausgaben von Gasolin 23, weiter zu Robert Lowry und verweilt auf den schwarzweißen Buchrücken eines Charles Bukowski. Die meisten der Bücher begleiten mich seit einer Zeit, in der ich, ob der puren Sprachgewalt dieser Autoren, keinen Gedanken an den Übersetzer verschwendete. Heute weiß ich, dass ohne Carl Weissner und seine »Dirty young tongue«, wie Wolf Wondratschek seine Übersetzungen mal beschrieb, die deutsche Literaturlandschaft auf jeden Fall biederer und weniger straßenpflastertauglich geblieben wäre. Zu einer Zeit, als sich in der fränkischen Provinz die Gruppe 47 zum letzten Mal als das Nonplusultra der deutschen Literatur feiern ließ und die vorherrschenden Kategorien von Literatur definierte, war er 1967 mit einem Fulbright-Stipendium in den USA und dort mit einem tragbaren Tonbandgerät in den Klubs und Underground-Kaschemmen von New York, Los Angeles und San Francisco unterwegs. Mit seinen kompromisslosen Übersetzungen brachte er einen erfrischend neuen Sound in die deutsche Miefigkeit.

Dass der 2012 gestorbene Carl Weissner nicht nur ein hervorragender Übersetzer war, sondern auch ein breites journalistisches Werk an Essays und Reportagen hinterlassen hat, zeigt nun der von Matthias Penzel im Andreas-Reiffer-Verlag herausgegebene Sammelband »Aufzeichnungen über Außenseiter«. Knapp zwei Dutzend Texte, teilweise unveröffentlicht oder lange vergriffen, zeigen Weissner als einen exzellenten Netzwerker, der auch hier seiner Zeit weit voraus war. Während der Lektüre erahnt man, welches gewaltige Referenzsystem an Brieffreundschaften und Kontakten er sich da über die Jahre aufgebaut haben musste. Die ausführliche Bibliographie im Anhang und die zahlreichen Querverweise in den Texten machen es leicht, sich über diese Sammlung hinaus mit dem ein oder anderen Text zu beschäftigen.

»Aufzeichnungen über Außenseiter« – der Titel verrät es schon – ist auch eine Hommage an Weissners bestes Pferd im Stall, an Charles Bukowski. Dem Dirty Old Man, dessen 100. Geburtstag dieses Jahr ansteht, sind drei Texte Weissners gewidmet. Darin finden sich neben humorvollen Anekdoten über Saufpartys bei Henry Miller oder Bukowskis irrsinniges Lampenfieber während der Deutschlandtour 1978 auch starke persönliche Erinnerungen: In »Das Ende des Suicide-Kid« zeichnet Weissner das mächtige Bild des schon todkranken Autors, der nachmittags um fünf auf einer Sitzbank im San Pedro Peninsula Hospital steht, obwohl er sich kaum noch auf den Beinen halten kann, und durch das einzige schmale Fenster des Ganges hinausspäht in die Freiheit.

In einem der besten Essays des Sammelbandes, »Clint Eastwood ist Hamlet«, schreibt Weissner über seinen 1987 früh verstorbenen Freund und Weggefährten Jörg Fauser und über ihre Verbundenheit im Kampf gegen die »Kulturverweser und Schleimer und Verhunzer auf beiden Seiten des Atlantiks«. Man kann das getrost als Wahlspruch nehmen. Es klingt an manchen Stellen mächtig hardboiled und very cool, als wäre man in einem Monolog von Philip Marlowe gelandet: Die Forderung nach hochtouriger Prosa. Entzugstips von Burroughs aus London. Fausers Lamento über den deutschen Literaturbetrieb. Klagen über »Feminismus und ähnliche Gesinnungsdiktaturen«, die »längst alles plattgemacht haben, was Männern einmal Spaß gemacht hat«, lassen die Frage aufkommen, wie sich ein Fauser im heutigen Literaturbetrieb wohl verorten würde. Man muss darauf, ob ein alternder Fauser zum Matussek geworden wäre, zum Glück keine Antwort finden, statt dessen mit Schmunzeln feststellen, dass die gegenwärtigen Diskurse, Schlagworte und Beißreflexe so neu nicht sind.

Es ist ein großes Vergnügen, sich durch dieses mit schönem Bildmaterial versehene Buch einfach assoziativ treiben zu lassen und dem ein oder anderen Querverweis und Gedanken nachzuspüren. Durch Weissners Weigerung, die vorherrschenden Kategorien von Trival- und Hochliteratur zu akzeptieren, wirken die Texte nie gewollt oder künstlich überladen. Von den Reiseeindrücken einer Hammett-Tour in San Francisco geht es über Gedanken zu Alphawellen zu Hunter S. Thompson, dem »Kamikaze von Woody Creek«, weiter zu Rimbaud und über die »Desolation Row« zu Bob Dylan. Lange bevor Dylan vom Establishment auch nur in die Nähe eines Nobelpreises gedacht wurde, hörte Weissner in seinen Texten Steinbeck, Guthrie und Kerouac anklingen. Der Unterschied zwischen »Highway 61« und »Fahrn Fahrn auf der Autobahn« war für ihn in erster Linie einer der literarischen Qualität.

Manchmal erinnern Weissners Texte in ihrem analytischen Duktus an Aufzeichnungen eines Feldforschers. Als wäre er der distanzierte und doch teilnehmende Beobachter dieser Psychedelika, Rauschmitteln und Alkoholexzessen zugetanen Gegenkultur und ihres brodelnden Beats, dem es gelingt, einen Schritt zurückzutreten, um die Perspektive zu weiten. Dass die meisten dieser damaligen Outsider heute längst zu Klassikern geworden sind, ist nicht zuletzt der Unvoreingenommenheit und Weitsicht eines Carl Weissner zu verdanken.

Carl Weissner: Aufzeichnungen über Außenseiter. Essays und Reportagen. Herausgegeben von Matthias Penzel. Mit einem Vorwort von Anthony Waine. Andreas-Reiffer-Verlag, Meine 2020, 246 Seiten, 15 Euro

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