Contra Mietenwahnsinn, Protest-Abo!
Gegründet 1947 Sa. / So., 15. / 16. August 2020, Nr. 190
Die junge Welt wird von 2346 GenossInnen herausgegeben
Contra Mietenwahnsinn, Protest-Abo! Contra Mietenwahnsinn, Protest-Abo!
Contra Mietenwahnsinn, Protest-Abo!
Aus: Ausgabe vom 11.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Sachbuch

Psychose ist immer auch Protest

Ein neues Buch zur »Psychodynamik der Schizophrenie«
Von Antonio Almeida
Philippe_Pinel_à_la_Salpêtrière_.jpg
»Der Luft und der Freiheit beraubt«: Befreiung von Insassen der Salpêtrière-Anstalt in Paris durch den Arzt Philippe Pinel (Gemälde von Tony Robert-Fleury, 1795)

Wie die meisten Psychosen kommt auch die Schizophrenie in sehr verschiedenen Ausprägungen vor. In der gängigen Literatur wird – meist nach ICD, International Statistical Classification of Diseases – unterschieden zwischen paranoider, katatoner, hebephrener Schizophrenie usw. Symptome, Diagnose, Verlauf und Behandlung werden besprochen. Seltener werden die Inhalte von Wahnvorstellungen untersucht. Grundlegend anders geht Frank Matakas in seinem neu erschienenen Buch »Psychodynamik der Schizophrenie« vor. Für den Kölner Psychiater ist selbstverständlich, dass Psychosen ein kommunikativer Charakter anhaftet, den es zu entziffern gilt.

In seiner Einleitung begnügt sich Matakas mit der knappen Feststellung, dass bei der Schizophrenie »eine elementare psychische Funktion, nämlich die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit, gestört ist. Die Realitätskontrolle ist ausgehebelt.« Ihm sind die Implikationen dieser Störung wichtig. Ist etwa die Diagnose aufgrund von Halluzinationen und anderen Symptomen gestellt, so folgt entsprechend der üblichen Behandlungsstrategie der Versuch, »die Symptome zu beseitigen«. Matakas setzt dem entgegen: »Aber weder ist damit verstanden, wie eine Halluzination subjektiv vom Patienten erlebt wird, noch was sich im Seelenleben dieses Menschen abspielt, noch welche kommunikative Bedeutung die Halluzinationen möglicherweise haben (die doch sichtbar eine Form des Dialogs sind), noch was für das Entstehen dieser Symptome verantwortlich war, noch ob es vielleicht eine gesellschaftliche Dimension der Krankheit Schizophrenie gibt. Diese Fragen werden in diesem Buch gestellt.« Damit ist die Gliederung des Bandes dargelegt: Symptome und Erscheinungsweisen erkennen, Entstehung und Struktur der Psychose ergründen, geeignete Therapie finden.

Den Weg beschreitet der Autor mit Beispielen aus seiner langjährigen Praxis. Zunächst illustriert er die Komplexität der Aufgabe. »Frau G erzählt (…), dass sie von einer neurotischen Frau abgehört und gefilmt wird und diese es der ganzen Welt durch das Internet zugänglich macht.« Frau G wolle, dass man ihr glaubt, statt dessen werde ihre Erzählung für Unsinn gehalten. »Wir können aber auch versuchen, sie zu verstehen«, so Matakas. Er übersetzt ins Psychologische: Die ständige Beobachterin, die alles über Frau G weiß, sei Frau G selbst bzw. der psychotische Teil ihrer Persönlichkeit. Die Verbreitung des Wissens in alle Welt sei ein Hinweis auf die nicht funktionierenden Ich-Grenzen von Frau G. Ihr zu sagen, sie leide unter einer Psychose, würde sie allerdings nur wütend machen. Immerhin zeige sie Bereitschaft, den Kontakt mit der Welt aufrechtzuerhalten, denn ihren Ärger, dass alle über sie Bescheid wüssten, begründe sie im Rahmen unserer Weltzusammenhänge, nämlich mit Filmen und Internet. Matakas Ansatz besteht nun darin, »mit ihr nach dem Sinn ihrer Ängste und Überzeugungen zu suchen, ohne zunächst ihre Erklärungsversuche in Zweifel zu ziehen«.

Immer wieder zieht Matakas relevante Literatur heran, im Abschnitt über »Soziale Entwicklung, Familie und Gesellschaft« etwa Talcott Parsons’ »Social Structure and Personality« (1964). Während der Anteil derer, die von schizophrener Psychose betroffen sind, üblicherweise mit 0,5 bis 1,0 Prozent angegeben wird, und das quer durch alle Kulturen und Klassen, konstatiert Matakas: »Die Häufigkeit der Schizophrenie ist weltweit sehr unterschiedlich, und die Inzidenz ist auch abhängig von sozioökonomischen Faktoren.« Eine von ihm zitierte Studie stellt fest, dass bei ethnischen Minderheiten und weniger begüterten sozialen Schichten ein deutlich höherer Anteil betroffen ist.

Zur stationären Behandlung schließlich vermerkt Matakas: »Die Symptomatik des psychotischen Menschen hat (…) auch eine gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist immer auch ein Protest, der sich gegen die Gesellschaft richtet. Die Gesellschaft findet eine Antwort: Sie installiert Einrichtungen, in die der psychotische Mensch geschafft wird.« In diesem Sinne wird kurz ein Blick in die Geschichte geworfen: »Ein wichtiger geschichtlicher Wendepunkt der Psychiatrie fällt mit der Französischen Revolution zusammen (…). Die Zucht- und Korrektionsanstalten, in denen die psychisch Kranken bis dahin oft in Ketten und Käfigen lebten, wurden durch Asyle, später dann durch Krankenhäuser ersetzt, in denen Behandlung Unterdrückung ersetzen sollte.« An eine zentrale Persönlichkeit dieses Umbruchs wird mit einer Anekdote erinnert: »In den Zeiten der Französischen Revolution übernahm der Arzt Pinel die Anstalt Bicêtre in Paris und hatte den unerhörten Plan, die dort in Ketten gehaltenen psychisch Kranken zu befreien. Der Jakobiner Couthon, der dazukam, um zu kontrollieren, ob sich nicht Adelige in der Anstalt verborgen hielten, konnte nicht verstehen, dass diese gewaltsamen und unverständlichen Menschen ohne Ketten gebändigt werden konnten. Pinel soll ihm gesagt haben: ›Bürger, ich bin der Überzeugung, dass diese Geisteskranken nur deshalb so unzugänglich sind, weil man sie der Luft und der Freiheit beraubt.‹ Pinel hatte recht. Pinels Tat war gewissermaßen das erste Experiment zur Milieutherapie. Aber es musste noch viel Zeit vergehen, bis sich die Wissenschaft dieses Themas annahm.«

Nach diesem Wendepunkt blieb die Behandlung psychischer Krankheiten mit Gewalt verbunden, »wenn auch unter dem Etikett ›Behandlung‹«, wie Matakas aus Michel Foucaults »Wahnsinn und Gesellschaft« (1961) zitiert: »Instrumente wie Drehstuhl, Packungen, Bäder, Schockbehandlung, stereotaktische Eingriffe, ›Fixierung‹, geschlossene Krankenstationen, bezeugen es. Auch die Geschichte der Behandlung mit Neuroleptika zeigt dieses Element der Gewalt.«

Der knappe historische Rekurs gibt Matakas Anlass zu weiteren Überlegungen: »Möglich, dass dieser Hang zur Gewalt in der Psychiatrie eine Folge der Tatsache ist, dass die Symptome der Psychose eben auch die Bedeutung eines Protestes gegen die Gesellschaft haben. Die Psychiatrie handelt insofern als Agent der Gesellschaft, und zwar so, dass sie nicht nur die Möglichkeit einer Behandlung bereitstellt, sondern auch den Anspruch verkörpert, dass psychotisches Verhalten beseitigt werden muss. So ist die Geschichte der institutionellen Psychiatrie in großen Teilen der Versuch, psychische Veränderungen zu erzwingen.«

Das Buch ist nicht nur für die Fachwelt geeignet, seine Sprache nicht mit komplexer Terminologie überfrachtet. Auch interessierte Laien, Betroffene oder deren Familien können aus der Lektüre lernen.

Frank Matakas: Psychodynamik der Schizophrenie. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2020, 158 Seiten, 36 Euro

Die junge Welt im Aktionsabo kennenlernen: Drei Monate lang für 62 Euro!

An guten Gründen für Protest mangelt es sicher nicht – ganz im Gegenteil. Diese Zeit hat Opposition bitter nötig! Doch ganz gleich wie der Protest aussieht, gilt: Nur was man versteht, kann man verändern.

Genau hier setzt die junge Welt an. Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspirationen, machen Hintergründe und Zusammenhänge verständlich. Knapp und bündig bietet die junge Welt konsequent linken Journalismus, an jedem Wochentag auf 16 und am Wochenende auf 24 Seiten.

Die beste inhaltliche Basis für Protest! Deshalb bieten wir unser Sommerabo an: Drei Monate die junge Welt mit ihrem unverwechselbarem Profil kennenlernen. Danach ist Schluss, es endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Josie M. aus J. (11. Juni 2020 um 15:28 Uhr)
    Vielen Dank an jw für die Rezension dieses Buches, von Frank Matakas: »Psychodynamik der Schizophrenie« (Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2020).

    Denn zur Zeit scheinen die das den Interessen des Marktes unterworfene System verunsichernden auffälligen Menschen jeglicher Couleur – wie eben auch die Patienten von Psychiatrien – wieder mehr denn je zu dessen Opfer zu werden. Als Beispiel nur ein Stichwort: Personalmangel wegen Einsparungen am Gesundheitssystem.

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

Mehr aus: Feuilleton

Die inhaltliche Basis für Protest: Konsequent linker Journalismus. Die junge Welt  3 Monate lang für 62 €!