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Aus: Ausgabe vom 10.06.2020, Seite 15 / Antifa
rechte in den USA

Militante Provokateure

USA: Schwer bewaffnete »Boogaloo Bois« in Hawaiihemden sehen in landesweiten Protesten Chance für rassistischen Bürgerkrieg
Von Veronika Kracher
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Gruppe bewaffneter »Boogaloo«-Anhänger während einer Pro-Waffen-Kundgebung in Richmond, Virginia (20.1.2020)

In den USA sind im Rahmen der zurückliegenden Proteste gegen pandemiebedingte Einschränkungen unter anderem auch bis an die Zähne bewaffnete Militante in Hawaiihemden in Erscheinung getreten. Sie nennen sich »Boogaloo Bois«, erhoffen einen neuen Bürgerkrieg und sind momentan damit beschäftigt, ihre privaten Waffenarsenale öffentlich zur Schau zu stellen. Sie wünschen sich Verhältnisse herbei, in denen sie diese dann einsetzen können. Aber auch am Rande der anhaltenden Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt finden sich »Boogaloo«-Anhänger. So wurden drei von ihnen in Las Vegas festgenommen, weil sie Protestierende »zu Gewalt angestachelt« haben sollen, wie die Nachrichtenagentur AFP am 4. Juni berichtete.

Die Selbstbezeichnung ist eine verkürzte Form des Begriffs »Electric Boogaloo«. Dieser ist weit verbreitet im Internetjargon, den Anhänger zahlreicher faschistischer und anderer militanter Gruppierungen nutzen. Bezugspunkt ist der 1984 erschienene Breakdance-Film »Breakin’ 2: Electric Boogaloo«. Dabei handelt es sich um einen Streifen, auf den sich gerade wegen seiner schlechten Qualität ironisch bezogen wird. Er zählt zu jenen, die als besonders trashig, albern, »campy« angesehen werden. Als solcher erlangte der Film Kultstatus. Und aufgrund dessen wiederum wurde sein Titel Teil der sogenannten Meme-Kultur¹ von Imageboards wie »4chan« und vergleichbaren, bei Faschisten weltweit beliebten Plattformen. Diese zählen zu den Brutstätten der »Alt-Right«-Szene, von »alternative right«, wie sich angelsächsische Neonazigruppen euphemistisch nennen.

In der nicht explizit rechtsradikalen »4chan«-Untersektion »/k/«, welche auf Diskussionen über Schusswaffen ausgelegt war, wurde der Begriff erstmals 2012 verwendet, als im Rahmen der Wiederwahl des damaligen US-Präsidenten Barack Obama über einen Bürgerkrieg phantasiert wurde. Da US-Bürger angeblich befürchten müssten, dass eine demokratische Regierung ihnen das »gottgegebene« Recht auf Waffenbesitz, wie es der zweite Verfassungszusatz garantiert, nehmen würde, wäre ein bewaffneter Aufstand unausweichlich.

Dieser wurde in Anspielung auf besagten Trashkultfilm als »Civil War 2 – Electric Boogaloo« betitelt. Recht bald entwickelten sich lautmalerische Abwandlungen des Begriffs »Boogaloo«, wie »Big Igloo« oder »Big Luau« – weswegen T-Shirts und Flaggen mit Iglu-Abbildungen oder Hawaiihemden inzwischen rechte Szenecodes für den neuen Bürgerkrieg sind. Eine weitere Quasiableitung, mit der man hofft, Zensurmechanismen zu umgehen, stellt dabei der Begriff »Icehouse« dar.

Tatsächlich hat die sich ursprünglich apolitisch gebende Bewegung von Waffenfetischisten längst Überschneidungen mit der radikalen Rechten. So wird beispielsweise der Rechtsterrorist, der im April 2019 einen Anschlag auf die Synagoge im kalifornischen Poway verübte, von einigen als Symbolfigur und Vorbild verehrt. Auch die akzelerationistische – also auf eine drastischere Beschleunigung der Krise ausgerichtete – Terrorgruppe »Feuerkrieg Division« übernimmt den Slogan in ihrem Kanal in der Messenger-App »Telegram«.

Während die Waffenfanatiker ihre Gegner primär in Liberalen oder der Regierung ausgemacht hatten, bezeichnen Akzelerationisten mit »Boogaloo« den Beginn eines Rassenkrieges. Sie beziehen sich dabei auf den 1978 veröffentlichten Naziroman »The Turner Diaries« des US-Autors William Pierce. Helden der Handlung sind die Mitglieder einer neonazistischen Terrorgruppe, die zuerst in den USA und anschließend weltweit einen weißen Ethnostaat etabliert.

Viele Anhänger jener Gruppen sehen angesichts der »Black Lives Matter«-Proteste ihre Chance gekommen, die »weiße Rasse zu verteidigen«. Sie tragen Hawaiihemden und schusssichere Westen, Nazisymbole sowie Meme-Motive und reisen gezielt in Städte wie Minneapolis, um sich als Soldaten im »Rassenkrieg« fühlen zu können.

Auf Facebook-Seiten wie »Big ­Igloo Bois« – die angesichts des von besagten Szenecodes abgeleiteten Namens mit mehr als 34.000 Likes vergleichsweise viel Zustimmung erhält – wird sich jedoch von Neonazis abgegrenzt, und es finden sich sogar mehrere kritische Kommentare über die Polizeigewalt gegen Teilnehmende der antirassistischen Proteste, die inzwischen überall in den Vereinigten Staaten stattfinden. Man sieht sich eher in der »libertären« Ecke und als Teil einer »Bürgermiliz«. Andere sind wiederum bekennende Unterstützer von US-Präsident Donald Trump (siehe jW vom 27.5.).

Sogenannte Libertäre und »Alt-Right«-Anhänger sind mit ihre fanatischen Begeisterung für Kriegswaffen und ihrem Hass auf alles irgendwie Sozialistische an einigen Punkten durchaus geistesverwandt. Der Anknüpfungspunkt jener Gruppierungen zu den »Boogaloo«-Anhängern, die sich zusätzlich mit rechtsradikalen Codes eindecken und die Proteste nutzen wollen, um rassistische Gewalttaten zu verüben, ist in der martialischen, antikommunistischen sowie tief maskulinistischen Bewegung bereits angelegt. In ihr manifestiert sich der Wunsch nach dem Ausnahmezustand, danach, Krieg erleben und endlich »ein richtiger Kerl« sein zu können.

Anmerkung

1 Bei »Memes« handelt es sich in der Regel um in einen neuen Kontext gestellte Abbildungen bzw. kurze Animationen, die häufig mit einem Motto, Zitat oder anderen Sprüchen versehen sind. Diese tief in der Popkultur verankerte Praxis hat ihren Ursprung in sogenannten Imageboards, auf denen Inhalte anonym hochgeladen werden können und nach einiger Zeit automatisch wieder gelöscht werden. Mem-Inhalte werden im Rahmen einer »viralen« Verbreitung allerdings auf zahlreichen Plattformen weitergereicht und schließlich auch in der »offline«-Welt aufgegriffen, zum Beispiel in Form bedruckter Kleidungsstücke.

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