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Aus: Ausgabe vom 10.06.2020, Seite 12 / Thema
Faschismustheorien

Die Mär vom doppelten Nolte

War der rechte »Umschuldungshistoriker« Ernst Nolte einst ein liberaler Denker? Lässt sich in seinem Frühwerk Brauchbares finden? Faschismustheorie zwischen klassischer Ideengeschichte und kritischer Gesellschaftsforschung. Eine Replik
Von Phillip Becher
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Seit wann bin ich denn eigentlich zwei? War der alte Nolte schon im jungen Nolte enthalten? (Aufnahme von 1994)

Am 18. Mai zeichnete Mathias Wörsching in der jW den »frühen« Ernst Nolte als liberalen Faschismusforscher und -gegner. Diese Deutung provozierte Widerspruch. Im folgenden veröffentlichen wir eine Replik des Faschismusforschers Phillip Becher. (jW)

Als Ernst Nolte 2011 den nach dem einstigen Chefantikommunisten des ZDF benannten Gerhard-­Löwenthal-Ehrenpreis erhielt, warf der Geehrte in seiner Dankesrede – auf sein Lebenswerk zurückblickend – die folgende Frage auf: »Handelte es sich bei meiner akademischen und publizistischen Laufbahn nicht unter politischen Gesichtspunkten im Grunde um die Geschichte einer langwährenden Niederlage, einer Niederlage nicht bloß des Autors, sondern ›der Rechten‹ insgesamt?«¹ Nach der Lektüre des in junge Welt veröffentlichten Auszugs aus ­Mathias Wörschings gerade erschienenem Werk »Faschismustheorien«², ist man nun hingegen geneigt, festzustellen: In einer marxistischen Tageszeitung und zugleich in der Reihe theorie.org des linken Schmetterling-Verlags, der Wörschings Buch publiziert hat, liest man nur vier Jahre nach dem Ableben des Meisters der Methode der »vergleichenden Verharmlosung«³ des nazistischen Völkermordes von »Überlegungen Noltes«, die »sich mit gesellschaftskritischen emanzipatorischen Theorien« berühren würden und »diese durchaus bereichern« könnten (Seite 186). Deutschlands Rechte, die nicht erst den nächsten »Historikerstreit« abwarten wird, um den Kampf um die Deutungshoheit über die Geschichte aggressiv zu führen, mag sich in vermeintlicher Sicherheit wähnen: Teile der Linken rüsten scheinbar im ideologischen Kampf ab und laufen Gefahr, auf das Ringen um ein geschichtsadäquates wissenschaftliches Verständnis von Faschismus (oder Politik überhaupt) zu verzichten.

Reinhard Opitz – laut Wörsching »ein Kommunist, der sich an der DDR und der Sowjetunion orientierte« (143), laut Reinhard Kühnl einer der »wichtigsten Theoretiker der linken demokratischen Bewegung in der BRD«⁴ – verband den Anspruch an die wissenschaftliche Qualität eines Begriffs von Faschismus mit dessen praktisch-politischem Wert: »Denn nur, wenn erklärt ist, wie Faschismus entsteht, lässt sich auch die Frage beantworten, wie er am besten bekämpft bzw. verhindert werden kann, und jede bestimmte Entstehungserklärung des Faschismus präjudiziert eine bestimmte Antwort auf die Frage nach der effizientesten antifaschistischen Strategie.«⁵ Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass Wörsching selbst an seiner Überzeugung von der Notwendigkeit des Antifaschismus keinen Zweifel lässt, fallen in seinen Ausführungen zu Nolte, im Gesamtkontext seiner faschismustheoretischen Schrift, zwei Problemstellungen ins Auge: Wie ist es hinsichtlich der analytischen Reichweite und, davon abgeleitet, hinsichtlich der Formulierung einer antifaschistisch-demokratischen Strategie um den ideozentrischen Ansatz bestellt, den der Autor anhand von Nolte vorstellt und dem Wörschings Sympathie augenscheinlich gilt? Und wie glaubhaft ist – eng damit zusammenhängend, weil Noltes Faschismusdeutung und ihre Bewertung betreffend – die Erzählung, Nolte sei ein »patriotischer deutscher Liberaler« gewesen, der »auch den Faschismus prinzipiell« ablehnte« (183), dann aber zum »Haus- und Hofhistoriker der deutschen Rechten« geworden (181)?

Demagogischer Zweck

Wörsching bestimmt ideozentrische Faschismusdeutungen als solche, die sich »auf das Selbstverständnis und die Ideologie faschistischer Bewegungen« konzentrieren und davon ausgehen, dass letztere – so wie alle politischen Bewegungen – »von den Überzeugungen ihrer Führungspersonen und aktivistischen Anhänger leben«. Da jene »wirklich an den Faschismus als Gesellschaftsentwurf und Krisenlösung« glaubten, legen ideozentrische Theorien ihr Augenmerk auf die »Gründe (…), aus denen sich Menschen für den Faschismus begeistern«. Wörsching zitiert in diesem Zusammenhang Nolte mit den Worten, wonach es, um von Faschismus zu sprechen, auf den »genuinen Antrieb einiger zehntausend Fanatiker« ankomme (179). Hier fällt Wörsching bereits im Ansatz hinter die Warnung von Marx und Engels zurück, die 1845 in der später als »Deutsche Ideologie« bekannt gewordenen Arbeit eine klassische Geschichtsdeutung kritisierten, die »jeder Epoche aufs Wort (glaubt), was sie von sich selbst sagt und sich einbildet«.⁶ Selbstzeugnisse faschistischer Herkunft interessieren freilich auch marxistische Gesellschaftswissenschaftler: Ernst Ottwalt⁷ und Hans Günther⁸ seien beispielhaft als zwei, von Wörsching unberücksichtigte, kommunistische Autoren genannt, die die Verlautbarungen der Naziführer in den 1930er Jahren genauestens unter die Lupe nahmen und geradezu sezierten. Auf dem von Wörsching mit Verweis auf Nolte eingeschlagenen Pfad wird das in der realgeschichtlichen Praxis zu suchende Verhältnis von absichtsvoll-programmatischen und demagogisch-manipulativen Aspekten faschistischer Ideologie hingegen schwer erkennbar.

Der Faschismusforscher Kurt Gossweiler, dessen Arbeiten Wörsching »verschwörungstheoretische Züge« (140) attestiert, brachte die Bestimmung dieses Verhältnisses auf eine spannungsgeladene Formulierung: Die Besonderheit faschistischer Demagogie besteht in einem spezifischen Zusammenspiel von Manipulation und dem Wissen um den manipulativen Charakter des eigenen Handelns sowie der eigenen agitatorischen Rhetorik einerseits und der zugleich ebenso feststellbaren Überzeugung von den transportierten Inhalten auf seiten eben des Demagogen andererseits.⁹ Der demagogische Zweck steht aber nun einmal, wie beispielsweise Karsten Heinz Schönbach vor wenigen Jahren noch einmal empirisch untermauert hat¹⁰, tatsächlich in Zusammenhang mit »den Interessen von Herrschaftsgruppen, denen der Faschismus« tatsächlich – und nicht bloß »möglicherweise«, wie Wörsching einschränkend formuliert – »dient« (179). Wörschings eigenes Interesse gilt demgegenüber zwar der ideologischen Gestalt, aber weniger dem gesellschaftlichen Gehalt¹¹ des Faschismus.

Faschismus und Imperialismus

Von besonderem Interesse in diesem Zusammenhang ist deshalb, dass Wörsching den ideozentrischen Ansatz mit »frühen marxistischen Erklärungsversuchen« in Verbindung bringt und in diesem Zusammenhang unter anderem Clara Zetkin nennt. Der Verweis auf Zetkin erhellt sich durch eine andere Passage in Wörschings Buch, in der er ihr mit Bezug auf ihr Referat vor dem Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (KI) 1923 folgendes bescheinigt: »Zetkin nahm die faschistischen Versprechen von sozialer Gerechtigkeit und nationaler Klasseneinheit ernst, würdigte den ehrlichen Glauben vieler Faschisten an ihre Ideale und fragte nach den seelischen Bedürfnissen breiter Massen, an die der Faschismus geschickt anknüpfte.« (41)

Hiermit wird allerdings der Kerngehalt von Zetkins Referat geradezu ins Gegenteil verkehrt. So fehlt der Hinweis auf ihre ausführliche ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem 1919 von Mussolinis Kampfbund verkündeten Manifest. Zetkin klopfte das Dokument en détail darauf ab, inwieweit die Faschisten sich tatsächlich an die Verwirklichung ihrer dort aufgeführten Forderungen gemacht hatten. Folgt man Wörschings Zugang zum Problem, so bietet der vermeintliche Gesellschaftsentwurf von rechtsaußen aus heutiger Sicht irritierende, aber oberflächlich betrachtet bedenkenswerte Vorschläge. In der Tat spielen Mussolinis Epigonen in Italien deshalb nach wie vor auf der Klaviatur der angeblich revolutionären oder zumindest sozialreformerischen Ursprünge ihrer Vorläufer und verweisen dabei auf folgenden frühfaschistischen Forderungskatalog anno 1919: Aktives und passives Wahlrecht für die weibliche Bevölkerung, Einführung des Achtstundentags, Festsetzung von Mindestlöhnen, Herabsetzung des Renteneintrittsalters, Verstaatlichung der Kriegsindustrie, Beschlagnahmung von Kirchengütern und des Großteils der Kriegsgewinne. Eingedenk der Tatsache, dass allerdings keine einzige dieser Forderungen von den Schwarzhemden erfüllt wurde, der italienische Faschismus an der Macht vielmehr auf jedem Politikfeld und in jeder erdenklichen Hinsicht praktisch das Gegenteil tat und dies auch bereits vor dem Marsch auf Rom – der die Machtübertragung im Herbst 1922 auf der Apennin-Halbinsel symbolisch umrahmte –, erkennen ließ, sprach Zetkin bereits 1923 vom »vollständigen ideologischen Bankrott der Bewegung«.¹²

In gleichem Sinne stimmt es verwunderlich, wenn Wörsching schreibt: »Italienische Größen des Marxismus«, wie Filippo Turati, Palmiro Togliatti und Antonio Gramsci, »nahmen die Ideologie der Faschisten durchaus ernst und denunzierten sie nicht als bloßen Betrug«. (41) Doch was soll »ernst nehmen« konkret bedeuten? Man stelle sich vor, Gramsci und Togliatti hätten sich Anfang der 1920er Jahre als führende Köpfe des italienischen Kommunismus unter Zuhilfenahme ideozentrischer Werkzeuge den brennenden Problemen ihrer Zeit genähert. Eingedenk des progressiven »Looks«, den sich Mussolini und die Seinen stellenweise, wie beispielsweise im oben angeführten Manifest, verpassten, wäre die Kommunistische Partei so möglicherweise in dieselbe Falle getappt, in die einige der Führer des reformistischen Flügels der Arbeiterbewegung tatsächlich gerieten. Diese fielen im Sommer 1921 auf ein taktisches Manöver der Faschisten herein: Für einige Monate schlossen sie einen Befriedungspakt mit Mussolini. Im Ergebnis paralysierte dies einen Teil der Arbeiterbewegung im Angesicht des reaktionären Ansturms. Gleichzeitig setzten die von Fraktionen des Großgrundbesitzes und des Großkapitals in einem militärisch geführten Klassenkampf hochgerüsteten Squadristen ihren Terror vor allem gegen die Linke Norditaliens – und das heißt gegen Revolutionäre und Reformisten gleichermaßen – unvermindert fort. Vom Klassenkampf als geschichtsbewegendem Moment fehlt in der ideozentrischen Analyse allerdings jede tiefere Spur.

In seinen, im Vorfeld des 1935er Weltkongresses der KI, im Moskauer Exil gehaltenen »Lektionen über den Faschismus« konnte der Klassenkämpfer Togliatti das faschistische Ursprungsmanifest rückblickend in einer besonderen Situation gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in Italien nach dem Ersten Weltkrieg verorten. Er begriff es als einen Ausdruck des »Versuch(s) der italienischen Bourgeoisie, 1919 und bis zu den ersten Monaten des Jahres 1920 durch relativ fortschrittliche politische (den Bewegungen der Massen zu jener Zeit geschuldeten – Ph. B.) Manöver die ausgebrochene Krise zu überwinden«.¹³ Sein Nachweis, dass es sich bei dem öffentlichkeitswirksamen ideologischen Angebot des Faschismus um ein eklektisches Potpourri handelt¹⁴, steht nicht im Widerspruch zu seiner Erkenntnis, dass der italienische Faschismus einen Gutteil seiner tatsächlichen programmatischen Substanz vom 1910 konstituierten Nationalistenverband injiziert bekam.¹⁵ Dieser kann als eine Art italienisches Analogon zum Alldeutschen Verband betrachtet werden. Wie dieser begründete der italienische Nationalistenverband für sein Land eine völkische Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft.¹⁶ Diese Richtung war gekennzeichnet durch die Verbindung der Befürwortung imperialistischer Politik nach außen und terroristischer Repression nach innen mit der Idee einer »Volksgemeinschaft«. Zur Schwerindustrie pflegte man gute Beziehungen, und auch agrarische Spitzenverbände zählten zu seinen Unterstützern. Bei Wörsching fehlt jeglicher Hinweis auf diesen gesellschaftlichen Ursprungsort des Faschismus. Gerade so aber bleibt der Anspruch einer ernsthaften Beschäftigung mit dem Faschismus und seiner Ideologie uneingelöst.

Ideologie ohne Kontext

In Wörschings weiterer Erzählung hat es den Anschein, als hätte der »bürgerlich-liberale Denker« Nolte mit seiner »antitotalitären, gegen Marxismus wie Faschismus gerichteten Argumentation« (183) von den 1960er Jahren bis zu seiner in den 1980er Jahren deutlich gewordenen Sympathie für die »zwar ›überschießende‹, also unverhältnismäßige, jedoch im Grunde verständliche Reaktion« (180) der Nazis auf den Bolschewismus einen weiten Weg zurücklegen müssen. Die entscheidenden Kontinuitäten in Noltes Gesamtwerk und ihre Implikationen werden so verdeckt. Der Grundzug im Nolteschen Denken wurde von aufmerksamen Beobachtern bereits vor dem 1986er »Historikerstreit« erkannt. Zu nennen wäre hier vor allem der Jenaer Geschichtswissenschaftler Manfred Weißbecker, der 1975 von einer »raffinierten, aber nicht undurchschaubaren Apologie des Faschismus«¹⁷ seitens Nolte sprach. Denn von einer gleichermaßen anzutreffenden Ablehnung von Marxismus und Faschismus kann auch beim »frühen« Nolte keine Rede sein. Unter Rückgriff auf den katholischen Philosophen und christdemokratischen Gesprächspartner der italienischen Neofaschisten, Augusto Del Noce, der eine Einschätzung des Faschismus erst dann als »objektiv« durchgehen lassen wollte, wenn diese sich vermeintlich jenseits einer pro- oder antifaschistischen Lesart plazierte¹⁸, verwahrte sich Nolte, wie Wörsching konzediert, gegenüber Kritik am Faschismus. Zugleich ließ er dessen Führer aber – ganz ideozentrisch – breit selbst zu Wort kommen und rückte die ausführliche »Darstellung der Gedanken Mussolinis und Hitlers«¹⁹ ins Zentrum seiner Methode. Damit aber war »eine profaschistische Tendenz« nicht »vielleicht« angelegt, wie Wörsching (180) schreibt, sondern schon von vornherein in Noltes Forschungsdesign enthalten. Konsequenterweise zog Nolte Ende der 1960er Jahre in Marburg im Rahmen einer Kampagne auch wegen des erklärten Antifaschismus Reinhard Kühnls gegen die Habilitation des Abendroth-Schülers zu Felde.²⁰

Die antidemokratische Schlagseite seiner vermeintlichen Äquidistanz wird in Noltes akademischen Schriften seiner angeblichen Frühphase unschwer erkennbar. So strotzt sein 1960 in der Historischen Zeitschrift veröffentlichter, fast 100 Seiten starker Aufsatz über »Marx und Nietzsche im Sozialismus des jungen Mussolini«²¹ vor Bewunderung für den Duce. Der Autor zeichnet diesen in seiner syndikalistischen Phase als einen, den gesellschaftlichen Realitäten gegenüber aufgeschlossenen, unorthodoxen Denker, während dem entgegen Lenin als Vergleichspunkt als starrer, dem Leben abgewandter, buchgelehrter Dogmatiker figuriert – ein Bild, das auch in Noltes 1963 erstmals erschienenem Werk »Der Faschismus in seiner Epoche« wieder aufgegriffen wird. Wenn Wörsching schließlich behauptet, dass Nolte »interessanterweise ganz nah an der alten marxistischen Auffassung vom Faschismus als Konterrevolution, als letztem Aufgebot der alten Gesellschaftsordnung gegen das vermeintlich bald siegreiche Proletariat« gelegen habe (183), dann muss auch hier auf die aus bestimmter Perspektive sicherlich als alt geltende, aber doch unvermindert aktuelle Marxistin Clara Zetkin verwiesen werden. In dem von Wörsching für seine Argumentation andernorts bemühten Referat aus dem Jahr 1923 warnte sie ausdrücklich davor, faschistischen Terror als bloßen »bourgeoisen Reflex der Gewalt, die von seiten des Proletariats gegen die bürgerliche Gesellschaft ausgegangen ist oder die ihr angedroht wird«²², zu missdeuten.

Der Gießener Politologe Klaus Fritzsche stellte zutreffend mit Bezug auf den »frühen« Nolte fest: »Die Fixierung auf Ideologie ohne Vermittlung mit deren Kontexten und ohne systematische Kritik, schließlich die Reduzierung der faschistischen Ideologie auf die Äußerungen der Führer, ohne auch nur den Unterschied von Bewusstsein und Propaganda, von Absicht und Ausdruck zu reflektieren, führen zur völligen Auflösung des Objektiven im Subjektiven, der Realität in Ideologie, der gesellschaftlichen Totalität in Meinung und Wahn.«²³ Der Faschismus aber war, so Karin Priester, »nicht nur eine Ideologie«, sondern »vor allem eine Praxis, und zwar eine sehr spezifische, wenn auch zweifellos getragen von Mythen. Diese aber zum Kern einer Definition zu erheben, heißt den Faschismus in postmoderner Beliebigkeit verschwimmen zu lassen.«²⁴ Diesem Urteil der kürzlich verstorbenen Münsteraner Sozialwissenschaftlerin über den ideozentrischen Ansatz kann nur zugestimmt werden. Die Linke muss das Ringen um eine den gesellschaftlichen Realitäten adäquaten Faschismusinterpretation fortführen – und offensiv vertiefen.

Anmerkungen

1 Ernst Nolte: Eine langwährende Niederlage (2011), in: derselbe: Am Ende eines Lebenswerks. Letzte Reden 2011/2012. 2. Auflage, Verlag Antaios, Schnellroda 2017, S. 62–75, hier S. 71

2 Mathias Wörsching: Faschismustheorien. Überblick und Einführung. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2020. Alle Seitenangaben im Fließtext beziehen sich auf dieses Werk.

3 Peter Gay: Freud, Juden und andere Deutsche. Herren und Opfer in der modernen Kultur. Hoffmann und Campe, Hamburg 1986, S. 14

4 Zitiert nach Kurt Baumann: Einer der »wichtigsten Theoretiker der linken demokratischen Bewegung in der BRD«. Zu einer Kritik an Reinhard Opitz (1934–1986), in: Marxistische Blätter, 54. Jg., Nr. 3/2016, S. 99–105

5 Reinhard Opitz: Über die Entstehung und Verhinderung von Faschismus, in: Das Argument, 16. Jg., Nr. 87/1974, S. 543–603, hier S. 543

6 MEW Bd. 3, S. 49

7 Ernst Ottwalt: Deutschland erwache! Geschichte des Nationalsozialismus (1932). Verlag Europäische Ideen, Berlin (West) 1975

8 Hans Günther: Der Herren eigner Geist. Die Ideologie des Nationalsozialismus (1935). Akademie-Verlag, Berlin (Ost) 1983

9 Kurt Gossweiler: Kapital, Reichswehr und NSDAP. Zur Frühgeschichte des deutschen Faschismus 1919–1924 (1982). Papyrossa-Verlag, Köln 2012, S. 68

10 Karsten Heinz Schönbach: Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926–1943. Trafo, Berlin 2015

11 Vgl. zu dieser Unterscheidung Hermann Heller: Europa und der Fascismus. 2. Auflage, Walter de Gruyter & Co., Berlin/Leipzig 1931, S. 9

12 Clara Zetkin: Der Kampf gegen den Faschismus (1923), in: Florence Hervé (Hrsg.): Clara Zetkin oder: Dort kämpfen, wo das Leben ist. 2. Auflage, Karl-Dietz-Verlag, Berlin 2008, S. 85–115, hier S. 105

13 Palmiro Togliatti: Lektionen über den Faschismus (1934/35). Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1973, S. 22

14 Vgl. ebenda, S. 16

15 Vgl. ebenda, S. 41

16 Vgl. hierzu für den deutschen Fall Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus (1984). Pahl-Rugenstein-Verlag Nachfolger, Bonn 1996, S. 9–35

17 Manfred Weißbecker: Entteufelung der braunen Barbarei. Zu einigen neueren Tendenzen in der Geschichtsschreibung der BRD über Faschismus und faschistische Führer. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1975, S. 59

18 Vgl. Augusto Del Noce: Ideen zur Interpretation des Faschismus (1960), in: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus. Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin (West) 1967, S. 416–425, hier S. 416

19 Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Die Action française. Der italienische Faschismus. Der Nationalsozialismus. 2. Auflage, R. Piper & Co. Verlag, München 1965, S. 55

20 Vgl. Ernst Nolte: Universitätsinstitut oder Parteihochschule? Dokumentation zum Habilitationsverfahren Kühnl. Markus-Verlag, Köln 1971

21 Ernst Nolte: Marx und Nietzsche im Sozialismus des jungen Mussolini, in: Historische Zeitschrift, 191. Band, Nr. 2/1960, S. 249–335

22 Zetkin: Der Kampf gegen den Faschismus, a. a. O., S. 86. Hierauf verweist auch Weißbecker: Entteufelung der braunen Barbarei, a. a. O., S. 57

23 Klaus Fritzsche: Faschismustheorie: Konzeptionen, Kontroversen und Perspektiven, in: Franz Neumann (Hrsg.): Politische Theorien und Ideologien. Band 1. 2. Auflage, Leske und Budrich, Opladen 1998, S. 341

24 Karin Priester: Vom Schleimpilz zum Wurzelstock, in: Erwägen – Wissen – Ethik, 15. Jg., Nr. 3/2004, S. 342–344, hier S. 342 und 344

Für wertvolle Hinweise bei der Erarbeitung des Textes dankt der Autor Katrin Becker und Sinah Mielich.

Phillip Becher ist Sozialwissenschaftler und arbeitet an der Universität Siegen. Im Frühjahr erschien seine Studie »Faschismusforschung von rechts« im Kölner Papyrossa-Verlag.

Mathias Wörsching (unter Mitarbeit von Fabian Kunow): Faschismustheorien, Überblick und Einführung. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2020, 240 Seiten, 12 Euro, auch im jW-Shop erhältlich

Der Aufsatz von Hans-Peter Brenner, der am Montag an dieser Stelle veröffentlicht wurde, erscheint in einer ausführlicheren Version Anfang Juli in den Marxistischen Blättern 4/2020. Dieses Sonderheft der MBl mit dem Titel »Zur Lage der arbeitenden Klasse in der (Corona-)Krise« kann über den Neue Impulse Verlag bestellt werden.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus Hagen (11. Juni 2020 um 09:25 Uhr)
    Was hat die Linke nicht schon unter Zensur gelitten. Warum um aller velorenen Wahlen und verlorenen linken Regierungen willen werde ich hier zensiert? Von den philosophischen Forderungen mal ganz abgesehen – diese profanisierten Antiintellektuellen in Intellektuellenposten allüberall.

    Meine Texte werden immer mit jeder Korrektur neu hydraartig zerhackt. Den Tätern auch noch »recht« geben?
    • Beitrag der jW-Redaktion (11. Juni 2020 um 09:41 Uhr)
      Sehr geehrter Herr Dr. Wenk, die »zensierte« Zuschrift war nahezu komplett unleserlich. Bitte ändern Sie dies, schicken Sie uns z. B. Ihre Beiträge per E-Mail, so dass wir sie korrigieren und dann online stellen können. Mit freundlichen Grüßen jt

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Mathias Wörsching: Ergänzungen In seiner Replik auf meinen Artikel über Ernst Nolte (jW vom 18.5.2020) wirft Dr. Phillip Becher meiner faschismustheoretischen Arbeit vor, dass sie zur Abrüstung der Linken »im ideologischen Kampf« b...
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