Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 09.06.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskämpfe in der BRD

Auf Konfrontation

Räderhersteller Borbet kündigt Tarifvertrag – IG Metall protestiert mit Solitour
Von Oliver Rast
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Kampf um das, was ihnen die Unternehmensführung beim Räderhersteller Borbet wieder nehmen will: einen Tarifvertrag (Solingen, 8.6.2020)

Die Coronakrise scheint für zahlreiche Unternehmen ein willkommener Anlass zu sein: für Stellenstreichungen, für Werkschließungen – oder für die Aufkündigung von Tarifverträgen. Wie im Fall des Räderherstellers Borbet am Standort in Solingen. »Die Krise um das Coronavirus ist aus unserer Sicht vorgeschoben, um den Haustarifvertrag im Solinger Werk loszuwerden«, sagte Marko Röhrig, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Remscheid-Solingen, am Montag im jW-Gespräch.

Ein Einschnitt, vor allem mit finanziellen Folgen: Schichtarbeiter bei Borbet in Solingen würden durch den Wegfall der Zulagen bis zu 1.000 Euro im Monat verlieren, heißt in einem IG-Metall-Bericht vom 5. Juni auf der Homepage des Hauptvorstands. Borbet hat hierzulande vier Standorte, nur in Solingen mit seinen knapp 750 Beschäftigten konnte die IGM bislang einen Tarifvertrag abschließen. Das besondere an diesem Werk sei das sogenannte vollkontinuierliche Schichtsystem sieben Tage die Woche rund um die Uhr, schildert Röhrig.

Die haustarifliche Vereinbarung wurde nach jW-Informationen am 29. April seitens der Borbet-Geschäftsführung gekündigt. Die Friedenspflicht endet drei Monate später am 29. Juli. Behaupteter Kündigungsgrund sei »die durch die Coronakrise entstandene, extrem schwierige wirtschaftliche Situation«, zitiert die IGM aus einem nicht näher bezeichneten Unternehmensschreiben. Dabei stehe das Unternehmen glänzend da, sagen die Metaller. Der Jahresüberschuss im Jahr 2018 betrug 69 Millionen Euro.

Ganz krisenfest indes scheint Borbet nicht zu sein: »Auch bei uns gibt es zum Teil Kurzarbeit«, sagte eine Borbet-Mitarbeiterin am Montag gegenüber dieser Zeitung. Die Produktionskapazitäten seien nicht komplett ausgelastet, lägen deutlich unter 100 Prozent. Eine weitere jW-Anfrage blieb seitens des Unternehmens bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

In einem ersten Sondierungsgespräch am vergangenen Mittwoch mit der Geschäftsführung forderte die IGM nicht nur den Erhalt des Tarifvertrags in Solingen, sondern Tarifverträge für alle Borbet-Standorte bundesweit. Die Metaller wollen eine einheitliche Lösung, die Anerkennung der regionalen Flächentarifverträge der Metall- und Elektroindustrie unter Beachtung der lokalen Besonderheiten sowie eine angemessene Bezahlung im vollkontinuierlichen Schichtsystem in den Werken. »Damit nehmen wir die Kündigung des Tarifvertrags wiederum zum Anlass, um generell bei Borbet eine tarifvertragliche Bindung durchzusetzen«, sagte Röhrig.

Neben der Dialogbereitschaft demonstriert die Belegschaft mit ihrer Gewerkschaft, kampfbereit zu sein. »Die Kollegen sind zu allem bereit, wenn es um die Verteidigung von Tarifverträgen geht«, betonte Röhrig. Protestauftakt war am Montag vormittag: Mit Bulli, Zelt und Ständen zogen engagierte Beschäftigte und Metaller vor das Werkstor in Solingen. Auf einer überdimensionalen Postkarte sammelten die Aktivisten Unterschriften für Tarifverträge bei Borbet. Der Zuspruch war groß, kein Wunder: Allein in Solingen hat die IGM etwa 500 organisierte Mitglieder. Am Dienstag geht der Protest am Standort in Bad Langensalza weiter.

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