Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 09.06.2020, Seite 12 / Thema
Englische Literatur

Romancier der Dämmerung

Vor 150 Jahren starb Charles Dickens. Die Romane spiegeln eine schrittweise Verschärfung seiner Gesellschaftskritik
Von Holger Teschke
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Licht auf Armut und andere Schattenseiten der bürgerlichen Gesellschaft werfen, konnte niemand besser als Charles Dickens. Eine Illustration aus »The Old Curiosity Shop« (London, 1841)

»Woher kommt er? Aktien. Wohin geht er? Aktien. Welche Geschmacksrichtung hat er? Aktien. Hat er Grundsätze? Aktien. Was hat ihn ins Parlament gebracht? Aktien. Vielleicht hat er selbst nie in etwas Erfolg gehabt, nie etwas ersonnen, nie etwas erschaffen? Antwort auf alles: Aktien.« Dieses Fazit lässt Charles Dickens einen der Protagonisten in seinem Roman »Unser gemeinsamer Freund« von 1865 über einen seiner Bekannten ziehen. Da hatte sich Dickens Blick auf die sozialen Verhältnisse im viktorianischen England schon so geschärft, dass sein beliebter Humor immer öfter in Sarkasmus umschlug. Die Geschichte von Erbe, Ehe und Mordkomplotten gegen den Heimkehrer John Harmon und das von seinem Vater aus dem Abfall von London zusammengeraffte Vermögen sollte der letzte vollendete Roman von Dickens werden. Die dunkle Metapher, wie im Herzen des strahlenden Empire aus Müll und Tod Geld und Karrieren gemacht werden, war für Dickens zu einem Zeichen seiner Zeit geworden. Soviel scharfsichtige Metaphorik schätzte auch Karl Marx, der 1854 in der New York Tribune schrieb: »Charles Dickens hat in seinen Romanen mehr an politischen und sozialen Wahrheiten ausgesprochen als alle die professionellen Politiker, Publizisten und Moralisten zusammen.«

Der Weg zum Ruhm

Dickens hatte Armut und Ausbeutung früh am eigenen Leib erfahren, wenn auch nicht so erbarmungslos wie sein »Oliver Twist« oder die kleine Nell aus dem »Alten Raritätenladen«. Geboren am 7. Februar 1812 als Sohn des Marinezahlmeisters John Dickens und seiner Frau Elizabeth in Portsmouth, musste er nach dem Umzug der Familie nach London erleben, wie sein Vater 1824 wegen Schulden in das Gefängnis von Marshalsea kam. Um zum Unterhalt der Familie beizutragen wurde der zwölfjährige Charles zur Arbeit in eine Schuhwichsfabrik gegeben. Statt in der Schule saß er nun mit anderen Jungen zehn Stunden am Tag in einem halbverfallenen Haus an der Themse und musste Etiketten auf Flaschen kleben. Diese Erfahrung begleitete ihn sein Leben lang.

Zwar konnte sein Vater dank einer Erbschaft nach einem Jahr das Gefängnis wieder verlassen, und auch der kleine Charles durfte nach dreizehn Monaten wieder eine Schule besuchen. Die Wellington House Academy hatte einen pompösen Namen, aber nur sehr beschränkte Pädagogen. So kam zu den Erfahrungen der Kinderarbeit die Arroganz und Brutalität von Lehrern hinzu, die sich später in Dickens Romanen wiederfinden sollten. Nach zwei Jahren auf der Academy lernte Dickens 1827 als Anwaltsgehilfe sowohl die Labyrinthe des britischen Rechts als auch die der Elendsgassen von London kennen. Der karge Lohn und die langen Arbeitszeiten brachten ihn 1828 dazu, Stenographie zu erlernen und als Gerichtsreporter Prozessberichte an die Presse zu liefern. Ein Jahr später gründete er mit einem Bekannten ein eigenes Büro und machte sich zu seinem achtzehnten Geburtstag ein folgenreiches Geschenk: Er erwarb eine Lesekarte für die Bibliothek des British Museum und vertiefte sich dort in die Klassiker der englischen Literatur von Shakespeare bis Walter Scott. Nebenbei besuchte er die Theater Londons und entwickelte eine Leidenschaft für die Bühne, die bis zu seinem Tod anhielt. Anfang 1832 bekam er sogar einen Vorsprechtermin am Covent Garden Theatre. Nur eine plötzliche Erkältung verhinderte, dass aus dem beliebtesten englischen Romancier ein Schauspieler wurde.

Dickens wandte sich daraufhin der Parlamentsreportage und der Literatur zu. 1833 reichte er seine erste Prosaskizze »Ein Sonntag vor der Stadt« beim Monthly Magazine ein. Nachdem die ersten Texte noch anonym erschienen waren, durfte er ab der fünften Skizze ein Pseudonym benutzen und entschied sich für »Boz«, eine familiäre Verballhornung von »Moses«. Unter diesem Namen erschienen im Morning Chronicle auch seine »Londoner Skizzen«. Darin wanderte der junge Autor durch das London der kleinen Leute und besuchte neben Märkten und Pfandleihen die Kriminalgerichtshöfe und das berüchtigte Gefängnis von Newgate. Diese Orte und ihre Bewohner kamen in der sonstigen Literatur des viktorianischen England kaum vor. Sie bildeten bald auch die Schauplätze seiner Romane von »Oliver Twist« bis zum unvollendeten »Geheimnis des Edwin Drood«. Die Buchausgabe der »Skizzen« von 1836 wurde ein erster Erfolg. Dickens begann noch im selben Jahr mit den »Pickwick Papers«, einer Folge humoristischer Erzählungen über die Reiseabenteuer Mr. Samuel Pickwicks und seines Dieners Sam Weller. Durch die Illustrationen von Hablot Knight Browne wurden diese Geschichten ein noch größerer Erfolg als die »Londoner Skizzen« und erreichten Auflagen von bis zu 40.000 Exemplaren pro Nummer.

Das führte zu einem wahren »Pickwick«-Merchandising. Kleider und Schuhe, Hüte und Spazierstöcke sowie Pickwick-Zigarren und Streichhölzer kamen auf den Markt und verkauften sich blendend. Es gab Theaterfassungen, Parodien und Plagiate und den Verlegern Chapman & Hall wurden sowohl die Magazine als auch die Buchausgaben aus den Händen gerissen. Mit fünfundzwanzig Jahren war Charles Dickens zum erfolgreichsten Schriftsteller seiner Generation geworden.

Der literarische Erfolg brachte Dickens auch den lange ersehnten sozialen Aufstieg. Er heiratete Catherine Hogarth, die Tochter seines Verlegers und befreundete sich mit John Forster, seinem späteren Biographen, und William Macready, dem berühmtesten Schauspieler seiner Zeit. Er wurde Mitglied im angesehenen Garrick Club und zog ins vornehme Bloomesbury, wo man sein Wohnhaus in der Doughty Street Nr. 48 noch heute besuchen kann. Hier entstanden zwischen 1837 und 1839 die Romane »Oliver Twist« und »Nicholas Nickleby« sowie die »Memoirs of Grimaldi« nach den Erinnerungen des berühmten Clowns Joseph Grimaldi, den Dickens schon in seiner Kindheit verehrt hatte.

1840 begann er den Roman »Der alte Raritätenladen«, der in wöchentlichen statt in monatlichen Lieferungen erschien und die englischen Leser ebenso begeisterte wie die amerikanischen. Die Geschichte von der Flucht der kleinen Nell mit ihrem spielsüchtigen Großvater vor den Nachstellungen des Wucherers Quilp traf einen Nerv des Lesepublikums. Die Begeisterung für kindliche Unschuld und idyllische Natur in Literatur und Kunst wuchs angesichts zunehmender Industrialisierung und erbarmungsloser Kinderarbeit gerade in den Schichten, die am meisten davon profitierten. »Empfindsamkeit« wurde von einer ästhetischen zu einer moralischen Kategorie. Angesichts des zunehmenden Diktats der Ökonomie und der Zerstörung der Umwelt konnte man sich durch Romanlektüre, Theater- und Galeriebesuch versichern, dass die eigene Moral noch makellos war. Verantwortlich für deren öffentlichen Verfall waren andere – die Industriemagnaten, Börsenspekulanten und Politiker, die auch bei Dickens die Rolle der Finsterlinge gaben. Diese Empfindsamkeit hat sich bei den moralisch Besserverdienenden auf wundersame Weise bis ins 21. Jahrhundert bewahrt – nur, dass es heute dafür keiner empfindsamen Romane mehr bedarf. Das Internet liefert mitleiderregende Bilder und Geschichten im Sekundentakt, nach deren Anblick man sich ebenso schnell per Spende oder Unterschrift moralisch erleichtern kann.

Allmähliche Radikalisierung

Im Januar 1842 brach Dickens zu seiner ersten Reise in die Vereinigten Staaten auf, die ihn zu Lesungen nach Boston, Hartford, New York, Philadelphia und Washington führte. Er traf Präsident John Tyler im Weißen Haus und seine Kollegen Washington Irving und Edgar Allan Poe. Überall wurde ihm anfangs ein triumphaler Empfang bereitet, der allerdings abkühlte, nachdem er öffentlich die heikle Frage nach dem amerikanischen Copyright aufgeworfen hatte. Denn für seine in den USA erschienenen Bücher erhielten weder er noch seine britischen Verleger Tantiemen. Dabei beriefen sich die Amerikaner auf die schon von George Washington geforderte »Freiheit der Verbreitung des Wissens«. Dickens Kritik wurde empört als »Angriff auf amerikanische Grundrechte« zurückgewiesen.

Mindestens ebenso erschütterte ihn die Sklaverei, die er bei seinen Besuchen in den Südstaaten erlebt hatte. Seine Meinung dazu veröffentlichte er allerdings erst nach seiner Rückkehr in den »American Notes«, da er ahnte, was für einen Sturm diese Kritik auslösen würde. Erstaunlicherweise verkaufte sich auch dieses Buch in den USA blendend, gab es doch Anlass zu öffentlicher Empörung über den »undankbaren Engländer«, der nichts von der Größe Amerikas begriffen hatte. Auch die Liebe zur permanenten Erregung ist keine Erfindung unseres Jahrhunderts.

Aber nicht nur wegen seiner amerikanischen Erfahrungen wurde in den folgenden Romanen Dickens Kritik an der nur noch auf Gewinn fixierten bürgerlichen Gesellschaft schärfer. Die Tatsache, dass das englische Bürgertum sich in seiner Willkür gegenüber den Proletariern kaum von der Arroganz der Aristokratie unterschied, verringerte Dickens Hoffnung auf Reformen durch das Parlament zusehends: »Ich kann nicht anders, als das gegenwärtige System und seine verhängnisvolle Rolle bei der Unterdrückung Tausender und Abertausender Menschen zu verfluchen«, vertraute er John Forster an. »Ich werde allmählich radikal.«

Das hinderte ihn nicht, aus Bloomsbury in eine herrschaftliche Residenz am Regent’s Park umzuziehen. Hier entstand im Herbst 1843 sein wohl bekanntestes Buch »A Christmas Carol – Ein Weihnachtslied in Prosa«. Die Geschichte von der wundersamen Wandlung des Misan­thropen Ebenezer Scrooge in einen ebenso großzügigen wie liebenswerten Menschenfreund ist wohl – nach der Legende von der Geburt im Stall von Bethlehem – die berühmteste Weihnachtsgeschichte der Welt. Der Erfolg dieser Erzählung erklärt sich sowohl aus ihrer bissigen Sozialkritik als auch aus ihrem märchenhaften Schluss. Dickens hatte sich 1843 bei mehreren Besuchen ein Bild von den Zuständen in den sogenannten Lumpenschulen, den gebührenfreien Schulen für die Kinder der Armen, gemacht und war öffentlich für deren Verbesserung eingetreten. Das Schicksal von Familien wie der von Bob Cratchit aus dem »Weihnachtslied« ließ sich in der Realität nicht durch Geistererscheinungen verändern, die an das schlechte Gewissen der Profiteure rührten. Aber dass die Kraft der Erinnerung angesichts sozialer Ungerechtigkeit ein Umdenken bewirken könne, diese Hoffnung wurde von nun an zu einem Leitmotiv der Romane von Dickens.

Nach seiner Italien-Reise von 1844 bis 1845 inszenierte er zu Wohltätigkeitszwecken Shakespeares »Lustige Weiber von Windsor« und Ben Jonsons »Jedermann nach seinem Witz« und konnte neben dem guten Zweck wieder seiner Theaterleidenschaft frönen. Die Inszenierungen waren so erfolgreich, dass sie sogar von Königin Victoria besucht wurden und anschließend auf Tourneen nach Manchester, Birmingham und Edinburgh gingen. Zwischen 1847 und 1849 sammelte Dickens mit weiteren Aufführungen und Lesungen Geld für soziale Projekte, darunter das »Urania Cottage«, ein Frauenhaus für ehemalige Prostituierte und weibliche Strafgefangene sowie für die »Guild of Literature and Art«, die Schriftsteller in finanzieller Not unterstützte.

Dann begann er mit einem Roman, dessen vollständiger Titel lautete »Die persönlichen Geschichten, Erfahrungen und Beobachtungen von David Copperfield dem Jüngeren, von Blunderstone Rookery, die er unter keinen Umständen veröffentlicht sehen wollte«. Diese letzte Bemerkung war nicht nur ein Werbetrick, sondern deutete darauf hin, dass dieser Roman wesentlich mehr autobiographische Elemente enthielt als die vorangegangenen. Dickens erzählt darin von der traurigen Kindheit David Copperfields über seine gescheiterten Liebes- und Ehebeziehungen bis zum glücklichen Ende durch die Wahl der richtigen Frau und des richtigen Berufs. Später nannte er diesen Roman seinen besten und David Copperfield seine liebste Figur. Es ist aber auch sein verklärtestes Werk, was den Bezug zur eigenen Biographie betrifft.

Die umfassendste Kritik

1851, im Jahr der Großen Weltausstellung von London, in der sich das Empire im Kristallpalast am Hyde Park feierte, begann er seinen nächsten und komplexesten Roman. »Bleak House« war das erste Werk, für das er im voraus einen detaillierten Handlungs- und Personen-Plan entwarf und umfangreiche juristische Recherchen unternahm. Die Geschichte vom dreißigjährigen Erbstreit »Jarndyce gegen Jarndyce« vor einem kafkaesken Kanzleigericht ist meisterhaft komponiert und endet wie eine große Oper. Dickens hat in diesem Panorama seiner Zeit mehr als fünfzig Figuren versammelt. Sie alle tappen im Nebel, der ihnen die Sicht auf die Ursachen und Zusammenhänge ihres Schicksals verhüllt, und sind von Krankheiten bedroht, die aus dem Sumpf des Elends aufsteigen.

In »Bleak House« nimmt Dickens’ Zorn über die sozialen Zustände des Empire apokalyptische Züge an. Das Virus von Armut und Unrecht verbreitet sich in den Gassen der Slums und verschont niemanden. Auch die Mauern von Geld und Gleichgültigkeit, die die herrschende Klasse hochgezogen hat, können es nicht aufhalten. Das Elendsviertel Tom-All-Alone’s wird zur dunklen Seite des strahlenden Kristallpalasts. Das bürgerliche Recht soll das Unrecht der Eigentumsverhältnisse schützen und die bestehenden Machtverhältnisse garantieren. »Das Kanzleigericht gab den Reichen die Mittel in die Hände, um das Recht müde zu hetzen«, konstatierte Dickens. Aber gegen Cholera, Typhus und alle anderen Seuchen, die London im 19. Jahrhundert heimsuchten, halfen auch die Gesetze der Besitzstandswahrung wenig. Die Kritik blieb wohl gerade wegen solcher Aussagen reserviert, während Dickens mit »Bleak House« mehr Leser erreichte als mit jedem anderen Roman.

Davon ermutigt, entschloss er sich schon ein Jahr nach dem Abschluss dieses Werks, »den schwersten Schlag zu führen, zu dem ich imstande bin«, wie er Forster anvertraute. Im Januar 1854 reiste er ins nordenglische Preston, um die Streiks in den großen Baumwollspinnereien zu beobachten und sich mit der Lage der dortigen Arbeiterinnen und Arbeiter vertraut zu machen. Bereits im April erschien in seiner Zeitschrift Household Words die erste Folge von »Harte Zeiten«, in der er seine Beobachtungen verarbeitete. Die Kohleindustrie des fiktiven Ortes Coketown untergräbt die Stadt und ihre Umgebung so rücksichtslos, dass sich überall tödliche Abgründe auftun. Dieses Wirtschaftssystem eines skrupellosen »Nützlichkeitsprinzips« wird von dem Schulleiter und Parlamentsvertreter Gradgrind als alternativlos verteidigt. Der Roman kam bei der Kritik noch schlechter weg als »Bleak House« und wurde als »dumpfer Sozialismus« verhöhnt. Dabei gehörte die »Philosophie« von Mr. Gradgrind zum Credo des »Ökonomischen Zeitalters«: »Jedes Zoll der menschlichen Existenz, von der Wiege bis zum Grab, war ein Geschäft, das man über einen Tresen hinweg abschloss – und wenn man auf diesem Weg nicht in den Himmel kam, dann nur, weil dies nicht der Ort für Ökonomie ist.« Thomas Carlyle, dem der Roman gewidmet ist, bemerkte dazu: »Bring einem Papagei die Worte ›Angebot‹ und ›Nachfrage‹ bei, und du hast einen perfekten Ökonomen.« Dass dieser Manchester-Liberalismus nach dem Ende des Staatssozialismus in Mittel- und Osteuropa im 20. Jahrhundert eine weltweite Wiederkehr als neoliberale Wirtschaftspolitik feiern konnte, hätte wohl selbst Dickens erstaunt.

Appell an die Arbeiter

Im März 1854 trat Großbritannien in den Krimkrieg gegen Russland ein, der das Leben von 45.000 britischen Soldaten forderte und Dickens zu der Einsicht verhalf: »Der Kanonenrauch und die Schwaden von Blut werden jetzt das Unrecht und die Leiden unseres Volkes verhüllen.« Der Krieg und die fast gleichzeitig ausbrechende Choleraepidemie führten bei Dickens zu einer politischen Radikalität, die seine letzten Romane prägen sollte. Im Oktober 1854 schrieb er in Household Words in einem Aufsatz »An die Arbeiter«, dass es nun an der Zeit sei, die korrupten Politiker aus Downing Street und Parlament zu jagen. Selbst seine alten Freunde und Gönner waren schockiert. Aber trotz zunehmend reservierter Aufnahme hat Dickens seine Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Ohnmacht gegenüber Wirtschaft, Politik und Justiz in den späten Romanen immer wieder zum Gegenstand gemacht.

Schon 1856 hatte er an John Forster geschrieben: »Es ist besser weiterzumachen und sich aufzureiben als aufzuhören und sich aufzugeben.« Zwischen 1858 bis 1869 absolvierte er neben der Arbeit an seinen letzten Romanen »Große Erwartungen« und »Unser gemeinsamer Freund« jährlich ausgedehnte Lesereisen, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Bis zu seinem letzten Lebenstag schrieb an dem unvollendeten »Geheimnis des Edwin Drood« und zitierte am Abend des 8. Juni 1870 in einem Brief an John Forster noch die Worte Bruder Lorenzos aus »Romeo und Julia«: »So wilde Freude nimmt ein wildes Ende.« Dann traf ihn ein Schlaganfall, einen Tag später starb er in seinem Haus in Gad’s Hill. Am 14. Juni wurde er in Westminster Abbey neben Händel und Sheridan beigesetzt. Tausende seiner Leserinnen und Leser nahmen zwei Tage lang Abschied an seinem Grab. Eine Version des Stichs »Der leere Stuhl« von Luke Fildes versammelte noch einmal seine Romanfiguren um den verlassenen Schreibtisch. Sie sind in Büchern, Theaterstücken, Filmen und Hörspielen bis heute lebendig geblieben.

Arno Schmidt hat Charles Dickens in einem Funkessay von 1960 den »Herrn der Dämmerung« genannt und erinnert: »Jetzt grollten und dröhnten seine unangenehmen Schilderungen den Regierungen ( … ) immer peinlicher in den feinen Ohren, und sie kamen von einer ›Persona grata‹, deren Leser nicht mehr nach Hunderttausenden, sondern nach hellen Millionen zählte …«

Holger Teschke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. Dezember 2019 über Theodor Fontane, anlässlich dessen 200. Geburtstages.

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