Gegründet 1947 Montag, 13. Juli 2020, Nr. 161
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Aus: Ausgabe vom 06.06.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
»Colonia Dignidad«

Kolonie ohne Würde

Chile: Das Leben der deutschen »Colonia Dignidad«-Bewohner nach Ende der Sektengemeinde. Ein dokumentarisch-fotografisches Projekt
Von Jann Höfer
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Der Spielplatz des Hotels

Deutschland 1961

Die aus dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden hervorgegangene Sekte um Paul Schäfer macht sich auf den Weg nach Chile. Der 1921 in Bonn geborene Schäfer diente als Sanitäter der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Danach arbeitete er zunächst als Jugenderzieher, wurde entlassen, avancierte zum Laienprediger und fand im Baptistenprediger Hugo Baar einen Mitstreiter für die Gewinnung neuer Anhänger. 1956 gründeten sie die »Private Sociale Mission« in Siegburg. Das staatlich anerkannte Kinder- und Jugendheim beherbergte 1961 rund 150 Heimbewohner. Sexuelle Misshandlungen begannen bereits in den ersten Jahren. Als die Bonner Staatsanwaltschaft 1960 wegen des diesbezüglichen Verdachts gegen Schäfer ermittelt, beginnt er seine Flucht nach Chile vorzubereiten. Die Ausreise hat Züge einer Entführung. Die Anhänger Schäfers, die meist aus sozial benachteiligten Gesellschaftsgruppen stammen, sind leicht zu manipulieren. Das Haus der »Privaten Socialen Mission« verkauft er für 900.000 DM an die Bundeswehr. Seine Anhänger zwingt er, ihren privaten Besitz zu verkaufen und ihm den Erlös zu überschreiben.

Chile 1961

Ankunft der ersten Siedler in der von Schäfer neu gegründeten »Colonia Dignidad« (deutsch: Kolonie der Würde) in Chile. Den Sektenanhängern war ein gottesfürchtiges Leben im gelobten Land versprochen worden. Im Gegenzug würden sie humanitäre Hilfe für die arme ländliche Bevölkerung leisten. Während nach außen das Bild einer idyllischen, autarken Gemeinschaft projiziert wurde, war das Leben im Dorf geprägt von Zwangsarbeit, Gewalt und Kindesmissbrauch. Das Oberhaupt Schäfer hatte in seiner Sekte Strukturen aufgebaut, in denen der Päderast seine sexuellen Neigungen vollkommen ausleben konnte. Zu Zeiten der chilenischen Militärdiktatur pflegte Schäfer einen engen Kontakt zum Präsidenten Augusto Pinochet. Dieser nutzte den »Staat im Staate« lange Zeit für illegalen Waffenhandel und die Ermordung von Regimekritikern.

Als Schäfer 1997 wegen strafrechtlicher Verfolgung fliehen muss, öffnet sich das Dorf, das nun Villa Baviera heißt, langsam. 40jährige Männer und Frauen werden erstmals sexuell aufgeklärt. Sie erfahren, wer ihre Eltern, wer ihre Geschwister sind. Schnell finden sich Paare zusammen. Sie heiraten und gründen Familien. Einige wenige gehen in die Stadt, um zu studieren. Viele sind dafür schon zu alt. In all den Jahren haben sie gerade mal die 7. Klasse beenden können.

Chile 2015

Von den ehemals 330 Bewohnern leben nur noch 120 in der Gemeinde. Die Bewohner der Villa Baviera verfügen über keine Rücklagen, keinen privaten Besitz und keine Rente. Viele sehen die Zukunft des deutschen Dorfs im Tourismus. Das ehemalige Bürogebäude der Gemeinde wurde in ein Hotel umgebaut. Im Frühstücksraum läuft Volksmusik. Kasseler, Schweinshaxe und Sauerkraut gehören zu den Spezialitäten des Restaurants. Das Tourismusprojekt trifft vor allem in den Medien und in der chilenischen Gesellschaft auf Widerstand. Viele sehen in den Bewohnern der Villa Baviera Täter, die einst für die Militärdiktatur folterten. Durch Porträts, Dorfansichten und Landschaftsaufnahmen entsteht ein umfassender Einblick in den Alltag der Villa. Die Arbeit »Like Wet Cement« versteht sich als Gegenstück zu der oft einseitigen Berichterstattung über die ehemalige »Colonia Dignidad«, ohne die allgegenwärtigen Probleme auszublenden.

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    Die Krankenschwester Magdalena arbeitet heute alleine in der kleinen ­Krankenstation der Villa Bavaria
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    Horst kam als kleiner Junge zu der Sekte und möchte eigentlich nichts mehr mit der Villa Bavaria zu tun haben. Er hat jedoch keine Rücklagen für einen Neuanfang. Er züchtet jetzt Ziegen und arbeitet als Imker
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    José wurde gegen den Willen seiner Eltern von Paul Schäfer adoptiert. Zur Feldarbeit gezwungen, musste er bis zu 100 Kilogramm schwere Säcke tragen und leidet bis heute unter den gesundheitlichen Folgen
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    Die Villa Bavaria liegt 500 Kilometer südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago. Eine Flucht aus der »Colonia Dignidad« war nur über den Fluss Perquilauquén möglich
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    Friedhelm ist Chef der Schlosserei in dem deutschen Dorf. Als Paul Schäfer in Argentinien untertauchte, nahm er Friedhelm mit
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    In einem der Gebäude der ehemaligen »Colonia Dignidad« wurde 2012 ein Hotel eröffnet

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