Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 06.06.2020, Seite 12 / Thema
Restaurationszeiten

König und Cholera

Während Friedrich Wilhelm IV. auf die Märzrevolutionäre von 1848 schießen ließ, wurde an seinem Berliner Schloss an einer Kuppel mit Reichsapfel und Kreuz gebaut. Jetzt haben Restaurationsliebhaber den Dom samt gebieterischer Umschrift wieder herrichten lassen
Von Horsta Krum
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Wie zu Zeiten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV.: Kuppel mit güldener Laterne, darauf ein Kreuz (Montage am 29.5.2020)

Das wiedererrichtete Berliner Hohenzollern-Schloss besitzt jetzt seine vollständige Kuppel: Am 13. Mai war erstmals das Bibelzitat, in goldenen Lettern auf blauem Grund, zu lesen: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind«.¹ Am 29. Mai hob ein Kran den goldenen Aufbau mit Reichsapfel und Kreuz auf die Kuppel.

Ein frömmlerischer Monarch

Was sollte König Friedrich Wilhelm IV. der Aufklärung und den bürgerlich-demokratischen Bestrebungen entgegensetzen, wenn er als preußischer Monarch überleben und auf jeden Fall eine Verfassung vermeiden wollte, die eine konstitutionelle Monarchie festschreiben würde? Er war protestantisch-fromm, stärker als seine Vorgänger. Nach außen zeigte er das durch die Kuppel auf dem Berliner Schloss, deren Bau 1845 begann. Bereits 1827 hatte Karl Friedrich Schinkel einen Entwurf vorgelegt. Aber König Friedrich Wilhelm IV., der sich für Architektur interessierte und selbst Entwürfe anfertigte, wollte dieses Projekt größer und auffälliger: als Symbol seines christlichen Staates.

An den theologischen Fakultäten und in der Kirche stärkte er die konservativen Kräfte, und er beförderte kirchentreue Beamte; sie sollten durch regelmäßigen Kirchgang dem Volk ein Vorbild sein. Christliche Werte, etwa in Ehe und Familie, traten wieder in den Vordergrund. Hatte doch Luther einst im »Kleinen Katechismus« die biblischen Gebote ausgelegt: »dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben«. In diesem Sinne verstand sich der Monarch als guter Hausvater und seine Untertanen als seine Schutzbefohlenen.

Infolge der Aufklärung hatte die Kirche ihre einstige Macht und Glaubwürdigkeit verloren, die Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher war erkennbar gesunken. Friedrich Wilhelm verhalf der Kirche zu neuer Bedeutung, ließ sich aber keinesfalls von ihr vorschreiben, wie er zu handeln habe. Beraten von konservativen Juristen brachte er den preußischen Herrschertitel »Summus episcopus« (oberster Bischof) zu neuer Geltung: Der politische Herrscher war der oberste Bischof der Kirche. Eine besondere Weihe und kirchliche Ornate brauchte er nicht, denn er war König von Gottes Gnaden – das genügte.

Damit erkannte der protestantische König den katholischen Grundsatz an, dass die Kirche ein Oberhaupt brauche. Innerhalb dieses Ordnungsprinzips konnte er der Kirche sogar gewisse Freiheiten einräumen, beispielsweise durfte sie ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln, sofern sie nicht in die staatliche Macht eingriff. Die Alt-Lutheraner, die sich 1817 der Kirchenreform seines Vaters widersetzt hatten, erkannte er als Kirche an. Friedrich Wilhelm zeigte sich also von Anfang an als christlicher König eines christlichen Staates.

Gegenüber den Katholiken – vor allem in der Rheinprovinz – musste der preußische Monarch sensibel sein. Denn deren Oberhaupt ist der Papst in Rom. Friedrich Wilhelm III. hatte es an dieser Sensibilität fehlen lassen, als er 1835 den Kölner Erzbischof verhaften ließ und damit die Katholiken weit über Köln hinaus gegen sich aufbrachte. Sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. versuchte bereits ein Jahr nach seiner Thronbesteigung, die Katholiken mit dem protestantischen Königtum zu versöhnen: Er regte die Gründung des »Zentral-Dombau-Vereins zu Köln« an und legte 1842 den Grundstein für den Weiterbau des Domes. Auch sonst gab er sich den Katholischen gegenüber freundlicher, bestand weniger auf den Unterschieden der beiden Konfessionen.

Auf welche politischen Kräfte er setzte, machte er ebenfalls sehr früh deutlich, nämlich bereits bei seiner Thronbesteigung 1840: Die Ständevertretungen empfing er großzügig im Schloss, während die bürgerlichen Vertretungen draußen im Regen warten mussten. Nicht nur in Berlin, auch in den einzelnen Provinzen zeigte er sich aus Anlass seiner Thronbesteigung und nahm freundlich die Huldigungen der Ständevertretungen entgegen. Aber die Leistungen des Bürgertums auf den Gebieten der Technik, Wissenschaft und Kultur erkannte Friedrich Wilhelm durchaus an, zeigte sich sogar begeistert. So nutzte er regelmäßig die Eisenbahn Berlin–Potsdam. Das Volk nahm er für sich ein, indem er in freier Rede zu ihm sprach, was noch kein König vor ihm getan hatte. Wenn das harte Vorgehen von Polizei oder Verwaltungsbeamten Unmut oder gar Wut im Volke hervorriefen, schob der König seine Minister vor. So gab er den guten Hausvater gegenüber seinen Schutzbefohlenen.

»Rotte von Bösewichtern«

1842 schrieb der damals 21jährige Friedrich Engels seinen Aufsatz »Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen«. Obwohl der Monarch da erst seit zwei Jahren auf dem Thron saß, charakterisierte Engels treffsicher seine Methoden und sein Ziel. Es bleibe die Frage, ob der preußische Potentat »jemals sein System durchsetzen werde? Darauf lässt sich glücklicherweise nur mit Nein antworten. (…) Der König mag sich stellen, wie er will, man wird ihm vorläufig« die Pressefreiheit »abnötigen, und besitzt man diese, so muss die Verfassung in einem Jahr nachfolgen«.²

Im Jahre 1848 sah es tatsächlich so aus, als würde Engels recht behalten. Friedrich Wilhelm verachtete den französischen König Louis Philippe, denn dieser hatte in eine konstitutionelle Monarchie eingewilligt und sich 1830 als »Bürgerkönig« dem Willen der Bourgeoisie unterworfen. Im Februar 1848 musste er abdanken. In weiteren europäischen und auch deutschen Städten forderten Aufständische demokratische Rechte, und in London erschien das »Manifest der Kommunistischen Partei«. Die Ereignisse überstürzten sich. Der preußische König sah keine andere Möglichkeit, als sich mit Seinesgleichen zu verbünden: mit Königin Victoria von Großbritannien, Zar Nikolaus I. von Russland und dem österreichischen Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich. Der aber dankte ab, noch ehe der preußische König eine Antwort erhielt.

Im März musste Friedrich Wilhelm erleben, dass nun auch seine Untertanen demokratische Rechte und eine neue Verfassung forderten. Ungläubig schalt er die Aufständischen »eine Rotte von Bösewichtern, meist aus Fremden bestehend«, und rief sein Militär zu Hilfe. Doch die Revolution behauptete sich, der König musste auf die Forderungen der Revolutionäre eingehen und verneigte sich gar vor den Gefallenen des Märzaufstands. Zur gleichen Zeit wurde weiter an der Schlosskuppel gearbeitet.

Die zunächst siegreichen Aufständischen verlangten Wahlen zu einer Nationalversammlung. Sie sollte einen Verfassungsentwurf für das Königreich Preußen erarbeiten. Der König berief sie ein – widerwillig. Die Beratungen der Preußischen Nationalversammlung erwiesen sich als kontrovers und langwierig. Währenddessen wurden in den ersten Oktobertagen die goldenen Lettern des Bibelzitates an der Kuppel angebracht. Und am 15. Oktober, pünktlich zum Geburtstag des Königs, strahlte auch der goldene Aufbau der Kuppel mit Reichsapfel und Kreuz. Ob die Abgeordneten, die weiterhin ohne Ergebnis diskutierten, davon Notiz nahmen? Dem König und seinen konservativen Lakaien mochte die Laterne Trost und Stärke spenden.

Nicht einmal vier Wochen später verbannte Friedrich Wilhelm die Preußische Nationalversammlung aus Berlin. Die Sicherheit der Abgeordneten sei in der Hauptstadt nicht mehr gewährleistet. Weitere vier Wochen später verkündete er eine eigene Verfassung und löste die Nationalversammlung auf. Im großen und ganzen wird dieses Dokument bis 1918 gültig bleiben. Es beginnt mit den Worten: »Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden, König von Preußen etc. etc. thun kund …« Er ist trotz allem geblieben, was er war: König von Gottes Gnaden und »Summus episcopus«. Und das sichtbare Zeichen, das Zeichen der triumphierenden, nicht von Volkes, sondern von Gottes Gnaden eingesetzten Monarchie, war die neue Kuppel auf seinem Schloss.

»Gallenruhr« in Berlin

Die Geschichtsschreibung beschäftigt sich aus naheliegenden Gründen vor allem mit den politischen Ereignissen des Jahres 1848, schon auch mit den sozialen und ökonomischen Hintergründen. Eine Krankheits- und Seuchengeschichte jener Zeit ist hingegen selten. Dabei war damals eine Infektionskrankheit wie die Cholera ein wiederkehrendes Problem. Die letzte große Epidemie lag reichlich anderthalb Jahrzehnte zurück. Im Frühjahr 1831 waren die ersten Cholerafälle im Osten Preußens gemeldet worden. Die Regierung ordnete sofort Quarantäne an, erklärte die entsprechenden Gebiete zu »Sperrbezirken«, beschränkte den Personen- und Warenverkehr auf einige Hauptwege und führte »Legitimationskarten« ein, mit denen Reisende die Route und den Zweck ihrer Reise als beglaubigt vorweisen konnten, wenn sie von den Beamten der Grenzstationen, der Häfen und Postämter, von Gastwirten, Schiffern und Fuhrleuten kontrolliert wurden. Wer sich nicht ausweisen konnte, musste zwanzig Tage in Quarantäne zubringen. Besondere Vollmachten hatten die Grenzbeamten erhalten: Sie durften Kriegsrecht anwenden. Wer sich ihren Anweisungen widersetzte, konnte als »Landesschädiger« gelten und riskierte Festungs-, Zuchthaus- oder Todesstrafe.

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Cholera waren teuer. Ende August 1831 legte König Friedrich Wilhelm III. fest, dass die Staatskasse zuständig sein sollte für die allgemeinen Quarantäneeinrichtungen, für die Errichtung der Sperrlinien und die Bezahlung des Personals. Die Kommunen sollten alle Maßnahmen vor Ort bezahlen, beispielsweise Krankenstationen mit dem dazu gehörenden Personal. Um den Reisenden das Baden zu ermöglichen, hatten sie Wohnungen bereitzustellen. Für die Armen, die an Cholera gestorben waren, sollten sie besondere Friedhöfe anlegen. Die Sterberate war hoch. In Berlin starben zwischen September 1831 und Februar 1832 nach offiziellen Angaben 1.426 Menschen an der Cholera, unter ihnen Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

»Reinigungsknechte« desinfizierten die ankommenden Waren mit Chlor und lagerten sie dann in einem gut durchlüfteten Schuppen. Auch Briefe aus Choleragebieten und Münzen mussten sie desinfizieren. Tiere führten sie in eine Schwemme, je nach der Länge des Fells. Die Reinigungsknechte wurden von den Kommunen bezahlt, wobei die Warenbesitzer einen Beitrag leisten mussten. Die Menschen, die sich in einer öffentlichen Quarantäneanstalt befanden, zahlten pro Tag fünf Groschen und einen geringeren Beitrag für Pferde und andere Zugtiere. Eine Kostenreduzierung oder gar ein Kostenerlass war möglich.

Ab Oktober informierten Ärzte durch eine »Cholerazeitung«. Über den Umgang mit Infizierten war zu lesen: »Wer mit Kranken zu verkehren hat, beachte mit Vorsicht, dass er niemals nüchtern zu dem Kranken geht, während des Besuchs den Speichel nicht hinabschluckt, Angelikawurzel, Kardamonen oder auch Wacholderbeeren kaut und unmittelbar nachher sich die Hände mit verdünntem Essig oder einer Auflösung von Chlorkalk wäscht. Auch das Tabaksrauchen ist solchen Personen anzuempfehlen.«³

Nach 1832 traf die Choleraepidemie Frankreich; in Preußen nahm die Zahl der Infizierten ab. Aber auch im Jahr 1848 konnte die »Gallenruhr« nicht als kontrollierbar oder gar als besiegt gelten. Todesopfer gab es noch und auch danach immer wieder. Verheerend wütete sie während des heißen Sommers 1892 in Hamburg, als der Wasserstand niedrig und die Wassertemperatur hoch war. Robert Koch, der Leiter des Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten⁴ wurde durch die Armenviertel der Stadt geführt und stellte fest: »Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen (…) Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.« Nachdem Koch Ende des Jahrhunderts den Erreger und den Ansteckungsweg vom Abwasser ins Trinkwasser entdeckt hatte, konnten die Menschen endlich aufatmen.

Der junge Dozent an der Berliner Charité, Rudolf Virchow, schrieb am 25. August 1849 in der Nummer 8 der Zeitschrift Medicinische Reform: »Die Geschichte hat es mehr als einmal gezeigt, wie die Geschicke der größten Reiche durch den Gesundheitszustand der Völker oder der Heere bestimmt wurden. Und es ist nicht mehr zweifelhaft, dass die Geschichte der Volkskrankheiten einen untrennbaren Theil der Culturgeschichte der Menschheit bilden muss. Epidemien gleichen großen Warnungstafeln, an denen der Staatsmann von großem Styl lesen kann, dass in dem Entwicklungsgange seines Volkes eine Störung eingetreten ist, welche selbst eine sorglose Politik nicht mehr übersehen kann.«

Als Virchow diese Sätze schrieb, hatte der Preußenkönig das Zustandekommen einer demokratischen Verfassung erfolgreich verhindert und dem Lande seine eigene Verfassung oktroyiert. Das Bibelzitat auf der Kuppel seines Schlosses mahnte das Volk zur Demut. Ob und in welcher Weise Friedrich Wilhelm IV. nun ein besonderer Staatsmann gewesen sei, ist eine Angelegenheit für Historiker. Aber ein »Staatsmann von großem Styl«, war er sicher nicht.

Benefiz des fetten Bürgertums

Das ficht indes diejenigen nicht an, die ein Stück von Preußens schalem Glanz und Preußens falscher Gloria wieder zum Leben erwecken wollen. Seit 2013 wird das Berliner Stadtschloss, dessen Ruine die SED 1950 fürsorglich hatte sprengen lassen, wieder aufgebaut. Die Kosten sind mit 595 Millionen Euro veranschlagt. Der Förderverein, der bereits 1992 gegründet wurde, will mit einem Spendenaufkommen von 105 Millionen Euro drei Fassaden finanzieren; bis zum April dieses Jahres sind davon 99 Millionen eingegangen.

Menschen mit Geld und einem Faible für solche Restauration können sich im Katalog ein oder mehrere Wunschelemente der Schlossfassade aussuchen, das oder die sie finanzieren wollen. Drei Elemente unter 1.000 Euro werden angeboten, beispielsweise ein laufender Meter Untergrund am Kranzgesims für 750 Euro. Ein Kapitell der Kolossalsäulen kostet 189.700 Euro. Die Geldgeber werden auf diese Weise Teileigentümer.

Die veröffentlichte Liste der Unterstützer ist lang: Sie reicht vom Axel-Springer-Verlag über Daimler in Stuttgart, die Commerzbank und die Deutsche Bank (die die Spendenkonten führt), das Kunsthaus Lempertz und die Thyssen-Krupp AG bis zum Wirtschaftsrat der CDU. Auch das Stabsmusikkorps der Bundeswehr hat in diesem Jahr mit »Freiheitsklängen« im Großen Saal der Berliner Philharmonie zur Finanzierung der Fassade beigetragen.

Zur Stiftung gehören Freundeskreise in anderen Städten. Der Freundeskreis Köln und Bonn sammelte anlässlich eines erfolgreichen Fundraising-Dinners »im festlichen Rahmen des Gobelin-Saales im Kölner Traditionshotel Excelsior Ernst« 13.000 Euro und erreichte damit sein Ziel von 400.000 Euro, d. h. die Finanzierung einer Fensterachse. In Hamburg servierte das Café Roncalli ein »feines Catering« nach mehreren Vorträgen »mit uns heute bewegenden Themen wie Klimaschutz und dem Miteinander der Völker«. In Frankfurt bestiegen 200 Schlossfreunde ein »großzügig und sehr elegant eingerichtetes Schiff« und »erlebten auf dem Main eine amüsante ›Architektur- und Kulturschiffahrt‹, untermalt von der New Orleans Jazzband ›The Red Hots Hottentots‹, die alle ins Swingen brachte und für Stimmung sorgte«. Solcherlei Benefiz eines fetten Bürgertums, das sich nach Restaurationsinsignien sehnt, lässt sich im regelmäßig erscheinenden »Berliner Extrablatt«, der aufwendig gestalteten Informationsbroschüre des Fördervereins nachlesen.

Die Kuppel mit der gebieterischen Umschrift haben ein einzelner männlicher Spender sowie eine Stiftung finanziert, die beide anonym bleiben wollen. Wer Kreuz und Reichsapfel zu nicht unerheblichen Teilen bezahlt haben dürfte, ist dagegen inzwischen bekannt. Auf dem »Äquator« des Apfels ist eine Inschrift eingraviert: »In Gedenken an meinen Mann Werner A. Otto 1909–2011«. Auch Werner A. Otto war ein König, ein Versandhauskönig.

Ein Konzept für Zweck und Inhalt des Schlosses, das jetzt den versöhnlich klingenden Namen »Humboldt-Forum« trägt, existiert nicht. Aber das sei jetzt, während der Coronakrise, eine Chance, schreibt der Vorsitzende des Fördervereins im Aprilheft des »Extrablattes«. »Vielleicht kam die jetzige Krise gerade rechtzeitig, um die inhaltlichen Konzeptionen weiter zu überdenken?« Man darf gespannt sein, doch Grund zur Hoffnung besteht nicht.

Die Fassade jedenfalls spricht nicht bloß die Sprache einer fragwürdigen barocken Schönheit, die der Förderverein so sehr rühmt; sie spricht auch die klare Sprache des konservativen Preußen. Friedrich Wilhelm IV. wusste, wie wichtig die Botschaft ist, die Architektur nach außen vermittelt. Sonst hätte er nicht soviel Wert auf seine Kuppel mit dem Bibelzitat und dem goldenen Aufbau gelegt. Ob Cholera oder Corona – Anstoß an solchen Symbolen der Intoleranz nehmen die Schlossneubauer, die jetzt von historischer Authentizität bzw. von einem »bauhistorischen Zitat« sprechen, ganz offenbar nicht.

Anmerkungen

1 Die rekonstruierte Inschrift entspricht dem Original, auch wenn einzelne Buchstaben verändert wurden.

2 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke Band 1. Berlin 1958, S. 453

3 Birgit Nolte-Schuster, »Preußen im Kampf gegen die Cholera«, in: Deutsches Ärzteblatt 38/2007

4 Dieses Institut war 1891 nach dem Vorbild des Pariser »Institut Pasteur« gegründet worden. Auch die Forschungen von Louis Pasteur halfen wesentlich bei der Eindämmung von Infektionskrankheiten.

Für die baulichen Fragen stand der Architekt Werner Kohl bei der Erstellung dieses Textes zur Verfügung.

Horsta Krum schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. Februar 2020 über das Verhältnis von Kirchen und Politik in Deutschland.

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