Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 06.06.2020, Seite 8 / Ansichten

Dax wird asozialer

Neues Ranking an der Börse
Von Steffen Stierle
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Kapitalistischer Verdrängungswettbewerb: Deutsche Wohnen kickt Lufthansa aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) raus

Eigentlich sollte der Deutsche Aktienindex (Dax) erst im September neu geordnet werden. Doch der Absturz der Lufthansa im Zuge der Coronakrise war so drastisch, dass deren Abstieg in die zweite Liga des deutschen Kapitals – den MDax – am Freitag außerplanmäßig beschlossen und auf den 22. Juni datiert wurde. Der Aktienkurs der Kranich-Airline war in den vergangenen Wochen dramatisch eingebrochen, und die derzeitige Marktkapitalisierung von rund fünf Milliarden Euro reicht nicht mehr aus für eine Plazierung in den Top 30. Daran ändern auch die neun Milliarden aus der Staatskasse nichts, denn die fließen ja größtenteils als »stille Beteiligung« in die Unternehmenskassen. Nach der Commerzbank und Thyssen-Krupp ist die Lufthansa bereits das dritte »Gründungsmitglied«, das seit 2018 aus dem Dax fliegt.

Die Verschiebungen in den Indizes folgen der Entwicklung kapitalistischer Profitstrategien, weg von realer, beschäftigungsintensiver Produktion und organisierten Belegschaften und hin zu parasitären Geschäftsmodellen, die vor allem darauf basieren, sich Renten anzueignen und anderen Gewinnmargen wegzuschnappen. Wie etwa beim bayerischen Zahlungsdienstleister Wirecard, der seit 2018 im Dax gelistet wird und letztlich nichts anderes leistet, als ohnehin stattfindende Zahlungsvorgänge technisch zu erleichtern.

Oder die Deutsche Wohnen SE – für viele Berliner Mieter der Inbegriff des Mietenhais. Kein Wettbewerber besitzt in der Bundeshauptstadt mehr Wohnungen als jener Immobilienkonzern, der am Freitag auf seiner Hauptversammlung verkünden durfte, nun den Platz der Lufthansa im Dax einzunehmen. Deutschlands Nummer zwei auf dem Wohnungsmarkt kann eine Marktkapitalisierung vorweisen, die jene der Lufthansa um das Dreifache übersteigt – und das mit einem Bruchteil der Beschäftigten. Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn kann es sich leisten, seine Mieter mit der Ankündigung zu verhöhnen, die Schaffung von »bezahlbarem und lebenswertem Wohnraum« bleibe oberste Priorität.

Real überflügelt die Deutsche Wohnen mit einer durchschnittlichen Jahresrendite von 24,4 Prozent sogar den Branchenprimus, die seit 2015 im Dax gelistete Vonovia. Hinter dem Erfolg stecken drastische Mieterhöhungen (2017: durchschnittlich 5,9 Prozent), ein deutlicher Schwerpunkt auf Modernisierung statt auf Instandhaltung und wirkungsvolle Steuerminimierung durch Tochtergesellschaften in Luxemburg und den Niederlanden. In eine altruistische Förderung von bezahlbarem Wohnraum hätten die größten Anteilseigner – Blackrock und die Massachusetts Financial Services – wohl nicht investiert. Damit hätte man auch kein Bürgerbegehren »Deutsche Wohnen & Co enteignen« provoziert. Und vor allem hätte man es nicht in die erste Liga des deutschen Großkapitals geschafft.

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