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Aus: Ausgabe vom 05.06.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Sammelklage

Amazon vor Gericht

Beschäftigte in den USA wollen den Konzern auf Einhaltung des Arbeitsschutzes verpflichten
Von Bernd Müller
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Rechtsstreit: Beschäftigte des Onlineriesen Amazon wollen Infektionsschutz durchsetzen (New York, 1.5.2020)

Kaum ein Konzern hat so von der Coronakrise profitiert wie Amazon. Nun ziehen Angestellte des Onlineriesen in den USA vor Gericht, teilte die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag mit. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, nicht genug für die Sicherheit seiner Mitarbeiter zu tun.

Laut Anklageschrift habe Amazon in seinem Umschlagzentrum »JFK8« in Staten Island, einem Bezirk der Metropole New York, die Sicherheit von 5.000 Beschäftigten gefährdet – zugunsten der Produktivität. Die Angestellten seien gezwungen gewesen, mit »schwindelerregendem Tempo« zu arbeiten, auch wenn es ihnen dadurch nicht möglich war, die Abstandsregeln einzuhalten, sich die Hände zu waschen und ihre Arbeitsplätze regelmäßig zu desinfizieren.

Barbara Chandler ist eine Klägerin. Sie sagte dem Bericht zufolge, sie sei im März positiv auf den Covid-19-Erreger getestet worden, und sie habe mehrere Mitglieder ihres Haushalts angesteckt. Darunter auch einen Cousin, der Anfang April an den Folgen der Krankheit verstarb. Chandler macht den Konzern dafür verantwortlich, weil die vom Unternehmen eingeführten Sicherheitsvorkehrungen aufgrund des hohen Arbeitsdrucks nicht eingehalten hätten werden können. Gemeinsam mit anderen Amazon-Beschäftigten will sie nun mit einer einstweiligen Verfügung erreichen, dass das Unternehmen die Gesetze zur Arbeitssicherheit einhält.

Amazon investiert eigenen Angaben zufolge in die Arbeitssicherheit: Allein im ersten Halbjahr will das Unternehmen mehr als 800 Millionen US-Dollar für entsprechende Maßnahmen ausgegeben haben. Nichtsdestotrotz wurden allein in den Logistikzentren in den USA mehr als 800 Angestellte positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Schon im März hatte es an mehreren US-Standorten Arbeitsniederlegungen wegen fehlenden Infektionsschutzes gegeben. Die Streikführer waren daraufhin entlassen worden – ein leitender Angestellter warf dem Konzern anschließend vor, unter den Beschäftigten ein »Klima der Angst« zu schaffen.

Mangelnder Arbeitsschutz triff Beschäftigte von Amazon nicht nur in den USA. Im Mai waren hierzulande im Logistikzentrum Bad Hersfeld acht Coronainfektionen bekanntgeworden. Mitarbeiter des dortigen Gesundheitsamtes hatten daraufhin Maskenpflicht für alle Beschäftigten angeordnet. Auch im Amazon-Werk Winsen an der Luhe waren in den letzten Wochen 53 Beschäftigte positiv getestet worden; am Standort Pforzheim hatte es laut Spiegel mindestens sieben Infektionen gegeben.

Demnach hätten Mitarbeiter darüber berichtet, dass die vom Konzern auferlegten Schutzmaßnahmen gar nicht überall eingehalten werden könnten. Es gebe »neuralgische Punkte«, an denen zu bestimmten Zeiten viele Menschen auf beengtem Raum zusammentreffen: vor allem in den Umkleidekabinen am Schichtende. Anfang April hatte die Gewerkschaft Verdi Amazon-Beschäftigte befragt. Das Ergebnis der Erhebung brachte schon zu diesem Zeitpunkt das Problem auf den Tisch: Die Hälfte der Befragten sagte, es sei kaum möglich, während der Arbeitszeit Abstand zu halten. Geändert hat sich daran bisher offenbar nichts.

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