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Aus: Ausgabe vom 04.06.2020, Seite 16 / Sport
Sportfernsehen

Nah am Geschehen?

Intime Distanz: Zur Übertragung von Sportereignissen, die bis auf weiteres ohne Zuschauer stattfinden werden
Von Peer Schmitt
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»Für den Livestream«: Kristyna Pliskova und Mummenschanz zur Eröffnung der tchechischen Seuchentennissaison

Nun, in der Tragödie gibt es den Chor. Was ist das, der Chor? Man wird Ihnen sagen: »Das sind Sie.« Oder auch: »Das sind nicht Sie.«

Jacques Lacan, »Die Ethik der ­Psychoanalyse«, Seminar vom 25. Mai 1960

Profisport ist Spektakel, das heißt: Die Zuschauer sind vor Ort oder bezeugen eine Übertragung. Es kann gar nichts anderes sein. Ein wesentliches Merkmal der Professionalisierung des Leistungssports war, dass er plötzlich massenweise Zuschauer hatte (haben musste), die davon mitgenommen, ergriffen werden konnten oder eben nicht. Zuvor hatte der Leistungssport zum (paramilitärischen) Ausbildungsprogramm von Eliteschulen gehört und war weniger bestaunt denn betrieben worden.

Die Professionalisierung des Athleten erweiterte zunächst die Kluft zur Erfahrung des Zuschauers. Der konnte in aller Regel nicht mehr mitmachen, mithalten. Massenmedien sorgten dann für den Anschluss, für die – wenigstens übertragene – Wiederherstellung einer Intimität zwischen Zuschauer und Ereignis, für die distanzierte Intimität des Schauspiels.

Dessen Dramaturgie stellt sich wiederum als jeweiliger Spielstand dar. Der Stand des Ereignisses und seine sich in nackten Zahlen manifestierende Abstraktion stehen im Zentrum der Übertragung. Zumindest ist dies historisch so der Fall gewesen. Die ersten Sport-Live-Übertragungen Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bestanden aus nichts anderem als der Übermittlung des Ergebnisses. Ihre Medien waren zunächst das Megaphon und der Schreibtelegraph. Bereits in den 1870ern war es beispielsweise in den USA bei Baseballspielen durchaus üblich, den »Score« zunächst auszurufen und dann per Telegraph an die Welt durchzustellen.

Für eine Übermittlung von Ergebnissen waren vor der Möglichkeit einer Übertagung von Ton und Bild jene Sportarten besonders geeignet, die häufiges Pausieren mit dem Aufeinanderfolgen zahlreicher Miniaturereignisse verbinden, die sich praktisch unmittelbar in Zahlen übersetzen lassen. Baseball ist ein Beispiel. Tennis wäre ein anderes. Der Tennis-»Livescore« war schon mit inzwischen antiken Medienformaten wie dem Bildschirmtext vollwertig übermittelbar. Diese Aufgabe wird inzwischen von den Websites der Tunierveranstalter oder der Buchmacher global übernommen. In einem aber hat sich seit dem 19. Jahrhundert wenig geändert. Irgend jemand muss das Ereignis vor Ort übermitteln. Jedenfalls war dies der Fall, bis digitale Kameras das gesamte, unmittelbar in Zahlen übersetzbar Geschehen komplett erfassten, was die Erstellung handschriftlicher Protokolle (»Scoresheets«) überflüssig machte.

Vielleicht gibt es im Profitennis noch immer den seltsamen Beruf des »Courtsiders«. Das ist jemand, der vor Ort Spiele verfolgt und den jeweiligen Spielstand mit seinem Mobiltelefon an Zocker oder Buchmacher übermittelt, um die winzigen Zeitdifferenzen zwischen dem Moment des nur für den unmittelbar Beteiligten erfahrbaren Ereignisses selbst, seiner inoffiziellen Übermittlung durch den Courtsider an ausgewählte Empfänger und die offizielle Übermittlung an die Welt für potentielle Wettgewinne nutzbar zu machen. Eine rasche Folge zählbarer Miniaturereignisse erlaubt schließlich auch ebenso rasches, quasi permanentes Wetten.

Am gestrigen Mittwoch begann in Prag ein weiteres Tennisturnier unter Seuchenbedingungen. Sechs tschechische Spielerinnen, darunter die Weltranglistendritte Karolina Pliskova und die letztjährige French-Open-Finalistin Marketa Vondrousova, spielen, mehr oder weniger willkürlich in zwei Teams aufgeteilt, ein paar Tage lang gegeneinander. Bezeichnenderweise läuft das Turnier unter dem Namen »Livescore Cup«. Zuschauer sind natürlich weiterhin nicht zugelassen. Der Score existiert für die Buchmacher, das Ereignis für den Livestream.

Das zuschauerlose Spektakel findet allerdings an einem berühmten Ort statt, dem auf der Insel Stanovice gelegenen Gelände des ältesten tschechischen Tennisklubs I. CLTK Prag (Cesky lawn – tenisovy klub). Dort wurde 2011 ein legendäres Eishockeystadion abgerissen, das 1986 als 8.000 Zuschauer fassendes Tennisstadion errichtet worden war, speziell für das Federation-Cup-Finale zwischen der CSSR (mit Hana Mandlikova) und den USA (pikanterweise mit der ausgebürgerten Martina Navratilova).

In der neuen Normalität der Übertragung ohne Zuschauerbeteiligung hat die Geographie des Sports, die Örtlichkeit und ihre Geschichte, vorübergehend wieder ein Gewicht bekommen, das durch seine zunehmende Virtualisierung schon verlorengeglaubt wurde. Gewicht des Ortes ohne Beteiligung.

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