Gegründet 1947 Donnerstag, 2. Juli 2020, Nr. 152
Die junge Welt wird von 2327 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.06.2020, Seite 10 / Feuilleton
Postpunk

Eine Notgemeinschaft

Jon Savage hat die Geschichte von Joy Division aufgezeichnet
Von Frank Willmann
10 kelelr.jpg
Der etwas andere Punk: Joy Division mit Sänger Ian Curtis (r.)

Ian Curtis, der legendenumwobene Sänger der einflussreichen Postpunk-Band Joy Division aus Manchester, lebt. Zumindest während der Lektüre von »Sengendes Licht, die Sonne und alles andere«. Der britische Musikjournalist Jon Savage hat eine Bandgeschichte als Oral History vorgelegt, die recht nah an den Ereignissen bleibt und wenige Fragen offenlässt. Letztes Jahr in England veröffentlicht, ist sie nun, übersetzt von Conny Lösch, auch in der BRD erschienen.

Ian mochte alles, was anders war: Thatcher, Nazikitsch, Trommeläffchen und ein kleines bisschen Lebensglück. Diese Infos kommen nicht unerwartet, er musste der etwas andere Punk sein, er brauchte Platz, er machte es sich schwer, um sich danach selbst zum besten halten zu können. Neu sind die Geschichten aus den Mündern der noch lebenden Bandmitglieder – Bernard Sumner, Peter Hook und der Schlagzeuger Stephen Morris –, ihres Produzenten Martin Hannett, Exfrauen und diversen anderen Begleitern dieser großartigen Musik, die mich Anfang der 80er Jahre einholte wie ein Trupp Rotarmisten auf der Jagd nach weißen Konterrevolutionären.

Eindrücklich beschreiben die Pro­tagonisten den ersten Auftritt der Sex Pistols in Manchester, der nur wenige Aliens aus den Löchern holte. Die Auserwählten fühlten sich aber sofort einander nah und gründeten schnell Bands als Notgemeinschaften, die den Punkgedanken in die Welt bellten. Die Musik von Joy Division drang bis Weimar vor, wo sie von knapp zwanzigjährigen hungrigen Gestalten aufgesaugt wurde wie Honig. Als sich Ian Curtis im Alter von 23 Jahren kurz vor Beginn einer US-Tournee der Band aufhängte, verschaffte ihm das makaberer Weise ewigen Ruhm. Seine Absicht war das freilich nicht. Der epileptische Sänger war ernsthaft depressiv, hatte schon einen gescheiterten Selbstmordversuche hinter sich, dazu in der Nacht einen niederschmetternden Film geschaut, sehr viel Schnaps gebechert, stand vor den Scherben seiner Ehe …

Savage schafft es, die Tragödie der Band und ihres Frontmanns in allen Facetten aufzuzeichnen. Sein 384seitiges Buch kreist um die Erlösung, die Curtis in der Musik fand. Und um den Tod, leider ohne Auferstehung. Dennoch macht der Band Hoffnung, macht er doch deutlich: Es gibt immer den Punk nach dem Punk.

Jon Savage: Sengendes Licht, die Sonne und alles andere. Die Geschichte von Joy Division. Aus dem Englischen von Conny Lösch, Heyne-Hardcore, München 2020, 384 Seiten, 20 Euro

Die junge Welt ist anders.

Marxistisch, überregional, genossenschaftlich. Und günstig: wochentags für 1,80 € und am Wochenende 2,20 € am Kiosk.

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton

Gibt es noch konsequent linken Journalismus? Klar, für 1,80 € am Kiosk.