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Aus: Ausgabe vom 03.06.2020, Seite 5 / Inland
Wirtschaftskrise

»Gravierend verunsichert«

Pleiten, Jobverlust und fünfmal so viele Kurzarbeiter wie in der Finanzkrise 2008: Forscher präsentieren erste Zahlen für den Monat Mai
Von Susan Bonath
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Pleiten und Jobverlust: Eine geschlossene Karstadt-Filiale in Düsseldorf (26.5.2020)

Während einige Branchen, wie etwa der in Hamburg sitzende Otto-Versand, in Coronazeiten besonders hohe Wachstumsraten verbuchen, legt die Wirtschaftskrise andere Sektoren lahm. Schon der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostizierte kürzlich für dieses Jahr eine globale Rezession, die weit stärker ausfallen werde als die der Finanzkrise vor zwölf Jahren. Nun präsentierte das Ifo-Institut der Universität München erste konkrete Zahlen: Im Mai befanden sich demnach 7,3 Millionen Lohnabhängige in Deutschland in Kurzarbeit. Das sind fast fünfmal so viele wie in der damaligen Finanzkrise. Dafür angemeldet hatten die Unternehmen zuvor sogar mehr als zehn Millionen ihrer Beschäftigten.

Das geht aus einer neuen Studie der Wirtschaftsforschungseinrichtung hervor, über die am Dienstag zuerst Die Welt berichtet hatte. Von Kurzarbeit betroffen ist demnach aktuell fast ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Bundesrepublik. Allein im produktiven Gewerbe sitzen derzeit rund 2,2 Millionen Arbeiter, etwa jeder Dritte in dieser Branche, ganz oder teilweise bei weniger Einkommen zu Hause. Bei den unternehmensbezogenen Dienstleistungen betrifft es sogar knapp zweieinhalb Millionen Beschäftigte und damit etwa jeden Vierten. Der Handel schickte laut Ifo-Analyse mehr als 1,3 von 4,5 Millionen Angestellten in Kurzarbeit, noch einmal so viele Beschäftigte anderer Branchen sind betroffen. Das Baugewerbe verzeichnet mit rund 22.000 Kurzarbeitern den geringsten Anteil.

»Im Gegensatz zur Finanzkrise 2008/2009, als mehr als 80 Prozent der Kurzarbeiter in der Industrie beschäftigt waren, wird das Mittel in der Coronakrise über fast alle Wirtschaftszweige hinweg eingesetzt«, kommentierte der für Arbeitsmarktpolitik zuständige Ifo-Sprecher Sebastian Link in einer Pressemitteilung vom Dienstag die Daten. Nur wenigen Branchen sei es gelungen, sich dem Abwärtssog zu entziehen, erläuterte Link. Dazu gehöre unter anderem der Hoch-und Tiefbau, wo nur bei etwa vier Prozent der Beschäftigten die Arbeitszeit verringert worden sei.

Auch dürften laut Prognosen der Forscher die Arbeitslosenzahlen rasant ansteigen. Im April verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit (BA) 308.000 mehr Erwerbslose als im März. Die Jobcenter meldeten einen Zugang von 106.000 Menschen in das Hartz-IV-System, ein Viertel davon waren Kinder. Die Zahlen für Mai hält die BA derzeit noch unter Verschluss. Die Ifo-Forscher rechnen in ihrer »Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen des von Bund und Ländern ab Mitte März verfügten Shutdown« mit einem »Abbau von bis zu 1,8 Millionen Arbeitsplätzen« in den nächsten Monaten. Sie konstatierten zudem, vor allem Reiseveranstalter, das Tourismusgewerbe und die Gastronomie, aber auch die Automobilindustrie seien »gravierend verunsichert«. Dort seien auch die meisten Beschäftigten akut vom Jobverlust bedroht. Am wenigsten sorgten sich Nahrungsmittel- und Immobilienbranche um ihre Umsätze.

Doch auch Hunderttausende Soloselbständige ohne Angestellte bangen um ihre Existenz. Einer bereits am Freitag veröffentlichten Umfrage des ZEW-Leibnitz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zufolge rechnet jeder vierte der 2,2 Millionen Freiberufler und Kleinstunternehmer mit dem Verlust von Arbeit und Einkommen. Bei fast 60 Prozent aller Befragten sei der monatliche Umsatz derzeit um mindestens 75 Prozent eingebrochen, jeder Zweite konnte seine Tätigkeit mindestens zeitweise nicht ausüben. So hat auch die Hälfte der Soloselbständigen die sogenannte Corona-Soforthilfe von bis zu 9.000 Euro beantragt. Ein Großteil von ihnen gab an, länger als ein halbes Jahr mit deutlichen Umsatzeinbußen zu rechnen.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • W. Arnold: Tendenz steigend Dazu benötigt man doch keine Forscher. Diese Zahlen, die da auf uns zukommen, kann jeder gesellschaftspolitisch orientierte Bürger voraussagen. Ende Juni wird die Zahl der Arbeitslosen bei circa drei ...

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