Gegründet 1947 Donnerstag, 9. Juli 2020, Nr. 158
Die junge Welt wird von 2335 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.06.2020, Seite 11 / Feuilleton
Neoliberalismus

Gott sprach, es werde Markt

Die Wahnwelten des Wirtschaftsrechten Markus Krall verdienen Interesse als Symptom
Von Michael Bittner
imago0096959770h.jpg
»Unfreiwillig entblößt Markus Krall den religiösen Kern der neoliberalen Ideologie, wenn er die ›freie Marktwirtschaft‹ als ›gottgewollt‹ mit Hilfe der Zehn Gebote legitimiert.«

Der erfolgreiche Unternehmer besitzt das Talent, ergiebige Geschäfte miteinander zu verbinden. Der Manager und Publizist Markus Krall macht’s vor: In seinen Büchern warnt er seit einigen Jahren vor der kommenden Finanzapokalypse, als Geschäftsführer der Degussa Goldhandel GmbH profitiert er von der Angst braver Bürger vorm großen Crash. Dabei diente als ein Vertriebspartner die AfD, die wiederum auch den Autor Krall gerne zu Vorträgen einlädt. Dessen geschäftliche und politische Verbindungen reichen tief ins gutbürgerliche Milieu.

Kralls neues Buch »Die bürgerliche Revolution« ist eine Zumutung. Auf mehr als zweihundert Seiten eifert der Autor gegen einen Popanz namens »Sozialismus«, nirgends wird dabei ein echtes Argument des politischen Gegners zitiert, geschweige denn widerlegt. Seine Anmerkungen verweisen auf Zeitungsartikel, obskure Blogs und Wikipedia. Dass Krall ein Opfer eben des »Bildungsnotstandes« ist, den er in seinem Buch neben vielem anderen beklagt, belegen nicht nur seine haarsträubenden Schwierigkeiten mit der deutschen Grammatik und Semantik, sondern auch Einsichten wie die, »Erich Honecker« habe »die Mauer quer durch Berlin« gebaut.

Auch an Kralls geistiger Zurechnungsfähigkeit muss man zweifeln: »Wenn sich diese Wirtschaftskrise entfaltet, wird es zur finalen Auseinandersetzung kommen. Einige tausend zu allem entschlossene, gewaltbereite, ideologisierte Fußtruppen der Antifa, verstärkt durch ein Heer gewaltbereiter Islamisten, stehen dann gegen die bürgerliche und freiheitliche Ordnung in Europa. Sie werden die Not, Arbeitslosigkeit, die Existenzangst der Menschen im Sinne einer kommunistischen Revolution zu nutzen suchen.« Wa­rum sich überhaupt mit solchem Stuss befassen? Weil Dr. Markus Krall in seinen Bestsellern nur besonders grob das ausspricht, was in weiten Teilen der deutschen »Leistungselite« gedacht wird. Er verdient Interesse als Symptom.

In seiner Monumentalgeschichte des »Konservativismus« stellte der Philosoph Panajotis Kondylis fest, die Rechten der Gegenwart seien nicht mehr eigentlich Konservative, sondern neoliberale Freunde des Kapitalismus, die jedoch unter der von eben diesem Kapitalismus verursachten gesellschaftlichen Modernisierung leiden. Sie seien bereit, »den politischen Liberalismus zu beseitigen, um das Privateigentum und den Wirtschaftsliberalismus gegen linke Angriffe intakt zu halten«. Markus Krall kann als Lehrbeispiel für diese These dienen. Er ruft nicht nur, ganz Neoliberaler, nach Steuersenkungen, Privatisierungen, Sozialabbau und allem, was sonst noch dazu gehört. Er ist zugleich ein christlicher Obskurant, der gegen die »Sünde« der »Sexualisierung«, den Zerfall der heterosexuellen Familie und die Gottlosigkeit im Allgemeinen predigt. Unfreiwillig entblößt Krall dabei den religiösen Kern der neoliberalen Ideologie selbst, wenn er von den »Selbstheilungskräften des Marktes« nichts Geringeres als »wahre Wunder« erwartet und die »freie Marktwirtschaft« als »gottgewollt« mit Hilfe der Zehn Gebote legitimiert.

Diese konservativ-liberale Persönlichkeitsspaltung äußert sich in unübersehbaren Widersprüchen. Da wird der freie Wettbewerb als Motor von »Wachstum« und »Innovation« gepriesen und doch der »Konsumterror« und der Zerfall der »Traditionen und Werte« beklagt. Das »Individuum« soll nie als »Zelle eines Kollektivs« dem staatlichen »Leviathan« geopfert werden, doch der »Egoismus« möge um Gottes willen nicht die »Ehe und Familie« sprengen, die doch als »Baustein« der Gesellschaft zu dienen hat. Dem übermächtigen Verlangen, die Übel der kapitalistischen Gesellschaft zu leugnen oder dem Staat anzukreiden, opfert Krall jede Logik. Das gilt auch für seine politischen Pläne: Er führt den »Willen des Volkes« im Mund, doch verachtet die »Masse« als »Minderleister«, denen er das Wahlrecht entziehen will, wenn sie Geld vom Staat empfangen. Zuletzt liebäugelt er mit einer Rückkehr zur Monarchie – ein unfreiwilliges Eingeständnis, dass mit demokratischen Mitteln der Ultrakapitalismus nicht zu machen ist.

Der Streit zwischen Kapitalismus und Sozialismus ist für den Marktreligiösen Krall ein metaphysischer »Kampf zwischen Gut und Böse«. Als »Sozialismus« versteht Krall schon die Sozialdemokratie, ebenso den grünen »Ökosozialismus«, natürlich auch den 68er-»Kulturmarxismus«, dessen »Wühlarbeit« letztlich auf den »Staatssozialismus marxistisch-leninistischer Prägung« abziele, sowie den »Nationalsozialismus« und – besonders originell – den Islamismus. Kurz gesagt: Jede Politik, die Kralls Geboten zuwiderläuft, ist Sozialismus. Und der endet zwangsläufig in »Massenmord« und »Barbarei«.

Markus Krall ist der neueste Anbieter jener Untergangsvision, die das deutsche Bürgertum seit hundertfünfzig Jahren so gerne konsumiert. Doch bezeugt seine Schundschrift – gerade im Vergleich mit illustren Ahnen wie Paul de Lagarde oder Oswald Spengler – vor allem den intellektuellen Niedergang der Bourgeoisie. Und sie offenbart die rasende Angst, die viele Besitzbürger bei der Aussicht erfasst, die derzeitige Krise des Kapitalismus könnte tatsächlich die bestehenden Verhältnisse erschüttern. Damit aber wird der Fall Krall für Linke auch zum erheiternden Zeichen der Hoffnung.

Markus Krall: Die bürgerliche Revolution. Wie wir unsere Freiheit und unsere Werte erhalten. Langenmüller, Stuttgart 2020, 272 Seiten, 22 Euro

Mehr aus: Feuilleton