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Aus: Ausgabe vom 02.06.2020, Seite 6 / Ausland
Hurrikansaison in der Karibik

Doppelte Gefahr

Sorge wegen diesjähriger atlantischer Hurrikansaison inmitten der Coronapandemie. Kuba ist gerüstet
Von Volker Hermsdorf
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Kubanische Sicherheitskräfte weisen Passanten an, sich von der Uferpromenade in Havanna zu entfernen (11.9.2017)

Am gestrigen Montag begann die bis zum 30. November dauernde diesjährige atlantische Hurrikansaison. Die ersten Tropenstürme, »Arthur« und »Bertha«, waren bereits im Mai, also vor deren offiziellem Beginn, aufgetreten. Die Wetterdienste der Vereinigten Staaten, Kubas und Großbritanniens sagen übereinstimmend für die kommenden sechs Monate Wirbelsturmaktivitäten voraus, die über dem Normalwert liegen. Inmitten der Coronapandemie drohen den Inseln der Karibik, den Anrainerländern am Golf von Mexiko sowie den an der Süd- und Ostküste der USA gelegenen Bundesstaaten dadurch zusätzliche Gefahren für Menschen und Wirtschaft.

Während Wissenschaftler des »University College London« im Dezember 2019 für dieses Jahr 15 Tropenstürme in der Region prognostiziert hatten, korrigierte die US-Wetterbehörde »National Oceanic and Atmospheric Administration« (NOAA) diese Voraussage Ende Mai. Die NOAA hält nach derzeitigem Stand 13 bis 19 Stürme für wahrscheinlich. Die US-Experten vermuten, dass bis zu zehn davon die Stärke von Hurrikans erreichen und sich bis zu sechs zu schweren Hurrikans der Kategorie 3, 4 oder 5 mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 178 km/h entwickeln könnten. Wie das Zentralorgan der KP Kubas Granma am Sonnabend unter Berufung auf den Direktor des kubanischen Meteorologischen Instituts (Insmet), Celso Pazos Alberdi, ergänzend berichtete, liege die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Hurrikan über die Großen Antillen ziehen wird, zu denen Kuba, Puerto Rico, Hispaniola, Jamaika und die Cayman Inseln gehören, bei etwa 60 Prozent.

In den bedrohten Ländern der Region wird befürchtet, dass die Hurrikans dort die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie verschlimmern könnten. Vor allem in den USA sorgen sich Lokalpolitiker, dass Evakuierungen aus Angst, das Virus zu übertragen, erheblich erschwert werden. Der US-Katastrophenschutz ist nicht gut auf zusätzliche Belastungen vorbereitet. »Das ist unser absolutes Alptraumszenario«, zitierte die Tageszeitung USA Today am 6. April William Saffo, den Bürgermeister der Stadt Wilmington im US-Bundesstaat North Carolina.

In Kuba dürften schwere Hurrikans die Folgen der Coronakrise und die der von der US-Regierung Donald Trumps seit Monaten ständig ausgeweiteten US-Sanktionen zusätzlich verschärfen. Doch trotz Covid-19, US-Blockade und den dadurch verursachten Versorgungsengpässen betrachten die kubanischen Experten mögliche Szenarien weniger hilflos als ihre Kollegen in den USA. »Wir verfügen über ein Überwachungs- und Frühwarnnetz, das es uns ermöglicht, uns gut auf diese Art von meteorologischen Phänomenen vorzubereiten«, versicherte Insmet-Chef Pazos Alberdi.

Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, einen Hurrikan, Covid-19 oder beides zu überleben, in Kuba deutlich höher als in den USA. Während in den Vereinigten Staaten etwa 28mal soviel Menschen leben wie in dem Inselstaat, dessen Gesundheitsexperten bereits zwei Dutzend Länder im Kampf gegen die Pandemie unterstützen, ist die Anzahl der mit dem Coronavirus Infizierten 870mal so hoch. Auch das System der Hurrikanprävention ist in Kuba deutlich effektiver als beim reichen Nachbarn im Norden. Ist ein Sturm im Anmarsch, werden auf der gesamten Insel vorsorglich Rettungstrupps in die bedrohten Regionen abkommandiert. Die Transportmittel zur Evakuierung stellen staatliche Einrichtungen unentgeltlich bereit. Alte, Schwache, Kranke und Kinder können so frühzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Das kubanische Frühwarnsystem hat sich seit fast 60 Jahren bewährt. Die ersten Konzepte zur Vermeidung von Opfern und Reduzierung der Schäden waren auf Initiative Fidel Castros erarbeitet worden, nachdem der Hurrikan »Flora« am 4. Oktober 1963 – also nur vier Jahre nach dem Sieg der Revolution – die Insel verwüstet und mehr als 1.000 Tote hinterlassen hatte. Der seitdem weltweit anerkannte Erfolg des kubanischen Zivilschutzes liegt vermutlich auch darin begründet, dass rechtzeitige Präventionsmaßnahmen zur Rettung von Menschenleben nicht an den Kosten der Evakuierung, der medizinischen Versorgung, der Verpflegung von Tausenden Betroffenen oder an befürchteten Folgen einer vorübergehenden wirtschaftlichen Lähmung des Landes scheitern. Heute verfügt Kuba damit nicht nur über das beste Evakuierungs- und Rettungssystem der Welt, sondern ist auch bei der Beseitigung von Hurrikanschäden effizienter als andere Länder.

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