Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Heiliggeistkrapfen mit Rhabarbersoße

Von Maxi Wunder

»Genau der richtige Zeitpunkt …« Roswitha rührt introvertiert in ihrer Kaffeetasse. »Für was denn?« Ich störe nur ungern, aber gutes Timing hat mich schon immer interessiert. »Na, dass wir unsern Reiseleiterjob schmeißen«, antwortet sie. »Ist doch eine Umweltsauerei ohnegleichen. Die meisten sogenannten Ökoanbieter betreiben nur Greenwashing. Sobald das wieder geht, fliegen sie die Touris weiter um den Globus, erzeugen dabei Unmengen CO2 und bleuen den Leuten gleichzeitig ein, im Reiseland keine Plastiktrinkflaschen zu kaufen und ihre Hotelhandtücher eine Woche lang zu benutzen. Dabei gibt es in den tropischen Ländern nur Plastikpullen, und ältere Herrschaften machen nach dem Duschen nun mal Bremsspuren in ihre Handtücher. Eine Woche – eklig, oder? Nee, Maxi, ich bin ganz froh, dass wir aufhören.« – »Psst, er kommt!«

Unser Chef Udo betritt das Reisebüro in Begleitung einer jungen Dame, es ist nämlich »Meeting«. Heute geht es um nichts Geringeres als um die Zukunft von »Udos Reisestübchen«, also auch um unsere Zukunft, wie Udo meint. »Darf ich euch vorstellen? Das ist Toni«, präsentiert er aufgeregt eine rotwangige Mittdreißigerin an seiner Seite. »Toni ist ein echtes Marketing-As aus der Steiermark und wird uns über die lukrativen Möglichkeiten berichten, die sich in Österreich für die deutsche Reiseindustrie seit Corona ergeben. Bitte, Toni!«

Bei näherer Betrachtung sieht Toni etwas übernächtigt aus. Sympathischerweise packt sie erst mal Geschenke auf den Tisch. Marillenschnaps mit 41 Prozent und drei Flaschen Prosecco. »Und hier eine Spezialität aus meiner Heimat!« verkündet sie feierlich. »Heiliggeistkrapfen mit Rhabarbersoße!« Ein leckerer Imbiss, bei dem man rasch ins Gespräch kommt:

»Zunächst versprudlst acht Eidotter mit 125 ml Schlagobers«, erklärt sie uns. »Dann tust drei EL Rum dazua, a Prisn Anis oder Zimt und a bisserl Salz. Da nei knetest 500 g Weizenmehl. Den Teig losst oane Stunde rasten. Danach formst klaane Kugeln draus. Die rollst dann in viele hauchdünne Schäben (Scheiben, Anm. der Übersetzerin) aas. Derer Schäben tust in a Liter hoaßes Fett plazieren, frittierst sie also qwasi. Mit a Goabeln stichst in die Mitten der Tägschäben nei und machst während des Backens mit der Gabel so a Drehung, dass die Dinger aassehen wie Glockenröcke, verstehst?«

Klar! Und die Fruchtsoße? »Mei, dees is goanz äänfach: Da schnädest 250 g Rhabarber in Stücke und 250 g Erdbeeren. Den Rhabarber kochst mit 100 ml Wasser und dem Saft äner Zitrone ca. zwei bis drei Minuten, dann gibst die Erdbeeren mit drei EL Zucker dazu und erwärmst des kurz. Aan gehäuften TL Speisestärke mit a bisserl Wasser anrührn und die Soßn damit binden. Fertig!«

Die Stimmung steigt. Man plaudert über österreichische Rechtspopulisten, Kärntner Punkbands und die nördlichen Kalkalpen in den zentralen Ostalpen, respektive übers Ennsland: Da hinein soll Udo nämlich unsere Kunden leiten. »Ach übrigens, Udo«, meint Roswitha plötzlich schmatzend, »wir steigen aus, rülps!« – »Haaa! Hahaha! Der war gut! Noch 'n Schnäpperken, Rossi?« Das mit dem richtigen Zeitpunkt ist doch nicht so äänfach.

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