Gegründet 1947 Mittwoch, 8. Juli 2020, Nr. 157
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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Irrlicht

Von Valentin Moritz
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Dieser Tage erscheint das Buch »Kein Held«, in dem sich Valentin Moritz mit der Lebensgeschichte seines Großvaters, des Landwirts Josef Mutter, und seiner eigenen Jugend in Südbaden aus­einandersetzt. Wir drucken hier einen redaktionell gekürzten Auszug und danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung. (jW)

»Und?«

»Ja, krass«, sagte Felix und quetschte sich zwischen Nico und Resa auf die zerschlissene Couch, die das Zentrum des Backstagebereichs bildete – einer fensterlosen, stinkenden Besenkammer voller technischem Equipment, Bierkästen und Müllsäcke. »Leute – der Laden ist voll, ge-ram-melt voll!«

»Wuhuuu!« machte Richard, während Nico konstatierte: »Wir werden alle sterben.« Resa, die das Konzert klargemacht hatte, lehnte sich zurück und pustete Rauch aus: »Sag’ ich doch.« Ich fühlte mich alles andere als erleichtert. Ich hatte die Hosen gestrichen voll. Ich schaute zu Alwin, unserem Sänger, unserem Frontmann – von seiner Laune hing alles ab. Aber wie es um diese stand, war schwer zu sagen. Den ganzen Tag schon war er wie ein Zombie gewesen, wortkarg und lahmarschig, und nur durch pausenloses Quarzen überdeckte er mehr schlecht als recht, dass er seit Tagen nicht geduscht zu haben schien, was ihn auch geruchstechnisch in die Nähe eines Untoten rückte. Vor kurzem war er zu Hause rausgeflogen und wohnte jetzt allein in einer Klitsche in Lörrach, die zwölfte Klasse würde er zum zweiten Mal wiederholen müssen, und das Mädchen seiner Wahl wollte lieber »Freunde sein«. Schöne Scheiße. Der Wizo-Song, der draußen aufgelegt wurde, lieferte den passenden Soundtrack: »Wie ein Quadrat in einem Kreis, eck’ ich immer wieder an, obwohl ich doch schon lange weiß, dass ich niemals ändern kann, was sich niemals ändern wird, weil das Schlechte immer bleibt und auch die Sonne wieder scheint, scheißegal was auch passiert …«

Doch als sich unsere Blicke trafen, konnte ich förmlich sehen, wie er die Zombiehülle abstreifte. Für ein paar Stunden würde er nun den ganzen Dreck im Leben vergessen – sein Bühnen-Ich war erwacht, es hatte den Ruf des Publikums vernommen! »Na dann, eins-zwo, eins-zwo«, rezitierte Maize einen seiner aktuellen Sprüche und klopfte Alwin und Richard übertrieben auf die Schultern.

Alwin sprang auf, Kippe im Mundwinkel.

Richard schob sich seine nerdigen, ­semiprofessionellen Stöpsel in die Ohren. Mir wäre es peinlich gewesen, im »Irrlicht« mit Ohrenstöpseln gesichtet zu werden, aber Richard stand über derartigen Dingen – er trug das blonde Haar lang und strähnig wie ein Metalhead und kleidete seinen zähen Playmobil-Männchen-Körper in unverwüstliche, nachteilhafte Hemden. Seine Ambition galt der Musik selbst und weniger dem Eindruck, den wir damit machten. Vermutlich war er das einzige Bandmitglied, das nicht nervös war.

»Eins-zwo, eins-zwo«, sagte Maize schon wieder, jetzt neben mir stehend, und setzte an, auch mir auf den Rücken zu hauen.

»Moment«, sagte ich an Felix gewandt: »Wie sieht’s mit dem Nebel aus?«

»War nichts von zu sehen«, sagte er und verzog das Gesicht.

»Boa, nee«, quengelte ich, »das ist doch scheiße!«

Marc, der die Technik im Irrlicht machte, hatte behauptet, dass die Nebelmaschine erst ein paar Wochen alt war, und beim Soundcheck hatte alles super funktioniert – warum jetzt nicht? Der Raum sollte mit dichtem Kunstnebel geflutet sein, passend zu unserem ersten Song, einem Instrumentalstück namens »Wolfgang für Anfänger« (warum auch immer), das sphärisch-harmonisch begann, sich dann mit jedem hinzukommenden Instrument steigerte und in einem sich überschlagenden Ska-Riff kulminierte. Ich hatte mir extra ein langes Klinkenkabel besorgt, um die ersten Töne schon im Backstage anspielen zu können. Und dann wollte ich hinaustreten durch den schweren schwarzen Stoff, der uns von der Bühne trennte, hinaus in den Nebel, und jene Membran zwischen uns und dem Glück durchstoßen, hinein in diesen süchtig machenden wunderschönen Zustand des Zusammenhalts.

Ich wies mich innerlich zurecht. Disziplin, Junge! Wir waren keine Kinder mehr. Keine Spackos aus der Mittelstufe, die nicht wussten, was sie mit sich Besseres anfangen sollten, als sich einen Sport daraus zu machen, in Hecken fremder Leute zu springen, beim Shisha-Rauchen Qualm zu schlucken und Minuten später wieder auszurülpsen oder nächtelang mit alkopopklebrigen Fingern »CS«, »Warcraft« und »Age« zu zocken – fern aller Frauen und Mädchen dieser Welt, ohne Sinn und Verstand. Nein. Die Zeit der Hackfressen war vorbei. Die Epoche der Sonnenbrillen bei Nacht war angebrochen. Wir hatten eine Band. Wir waren cool. Wir waren fame – oder würden es mal sein, aber immerhin: Für heute abend waren wir die Local Heroes im »Irrlicht«, und das als Vorband von »Plenty Enuff«, einer meiner Lieblingsbands aus der Schweiz. Und dabei war unsere Mucke nicht so tumb wie die der zahllosen Nullachtfünfzehn-Punk- und -Metal-Bands, die die regionale Szene dominierten, aber auch nicht so emotional-verzottelt wie die der Weltmusik-Heinis von der Waldorfschule. Wir waren »Rather Different« – die einzige Ska/Reggae/Funk/HipHop-Band aus Niederdossenbach, bäm!

Ich schaute in die Gesichter meiner Crew, sie hatte einen Heidenschiss. Aber sie waren bereit. Ich nahm das Plektrum zwischen die zitternden Finger und hob es in einer theatralischen Geste vor uns in die Luft wie den Leib Christi. Hielt den Atem an. Dann senkte ich den Blick, brachte die Finger der linken Hand in Position, drehte mit rechts den Lautstärkeregler meiner Gitarre auf, atmete aus – und spielte den ersten Akkord.

*

Mit meinem Opa hatte ich in dieser Zeit nur wenig zu tun. Wir bewegten uns in unterschiedlichen Welten, logisch bei fünfundsechzig Jahren Altersunterschied. Umso erstaunlicher ist es, wie nah wir einander später waren, persönlich, aber auch politisch – obwohl die Impulse und Erfahrungen, aus denen sich unsere Ansichten entwickelten, unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Ich hatte Glück. Weil ich in Schopfheim zur Schule ging. Solange ich mich erinnere, verkündete der Brückenpfeiler an der Ausfahrt zur Umgehungsstraße, wo man sich befand: in »Punkrock City«. Weder der Schriftzug noch das Anarchiezeichen darunter wurden jemals entfernt. Das Zen­trum von »Punkrock City«, in einem alten Bahngebäude, war das Café Irrlicht. Es bestand seit den Achtzigern, organisierte jährlich ein großes Festival, und natürlich hatte es schwer zu kämpfen mit Stadtpolitik und Polizei, hatte regelmäßig irgendwelche »Asis« im Haus, die »Stress machten«, und stand immer wieder kurz vor der Schließung, aber es bestand. Es widerstand. Und prägte so mehrere Generationen von jungen Menschen, politisch, soziokulturell, hedonistisch. Und auch wenn ich nie ein echter »Irrlichter« wurde (weil nicht »aktiv«), und mir viele von denen auch einfach zu humorlos waren in ihrer szenetypischen Art, die Wahrheit mit Löffeln zu fressen, so bin ich doch voller Dankbarkeit, dass es diesen Ort, diesen Freiraum, gab. Denn seine Existenz war alles andere als selbstverständlich. In Wehr beispielsweise, der nächstgelegenen Stadt, wäre ein selbstverwaltetes linkes Jugendzentrum wie das Café Irrlicht unvorstellbar gewesen. In Wehr hielten »Die Republikaner« zeitweise mehr Sitze im Gemeinderat als die SPD. In Wehr hatte die rechte Skinheadband »Blutrausch« ihren Proberaum und feierte fröhlich Feste. Wehr war »Nazi Town«.

Ja, verdammtes Glück hatte ich. Denn nachdem er mich als Futzi mit »Wolfenstein 3D« und anderen PC-Spielen vertraut gemacht hatte, blieb Michi Klein mir weiterhin fürsorglich zugetan. Er war meine Mitfahrgelegenheit im Tischtennisverein und machte mich mächtig stolz, als er irgendwann verlauten ließ, wie überrascht er davon sei, dass man sich mit mir – einem Fünfzehnjährigen – ganz normal unterhalten könne: »Im Ernst, Valinski«, sagte er. »Wenn sich erstmal dein Babyspeck verabschiedet hat, wird noch richtig was aus dir.«

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich den Speck los war und meine Haare lang genug waren, um eine Band zu gründen. Aber in der Zwischenzeit konnte ich dank Michis Deutschpunk-, Ska- und Metal-MP3-CD meinen Musikgeschmack verfeinern. Dank ihm lernte ich fabelhafte Bands wie »Slime«, »Schleim-Keim«, »Daily Terror« oder »Klappstuhlgang« kennen, aber auch die »Dödelhaie«, »Aufbruch«, »Abwärts«, »Loikaemie« und natürlich »Zaunpfahl«, »Wizo« und allen voran »Rantanplan«, die ich auch heute noch ohne Kopfschmerzen hören kann. Laut Buschfunk aus der Heimat ist der gute Michi inzwischen in den Gemeinderat Schwörstadt eingezogen. Im Ernst, Michalski – für die CDU?!

Und so ging alles seinen Gang. Vom Vater meiner ersten Freundin »erbte« ich einen grünen Bundeswehr-Parka. Bei »Thomas Philipps Sonderposten« gab es Springerstiefel für 30 Euro. Und all die Patches, Buttons und Nietenarmbänder, die es eben brauchte, um mein Punk-Outfit zu vervollständigen, bestellte ich beim »EMP Magazine«. Meine Mama schlug die Hände über dem Kopf zusammen, mein Papa enthielt sich jeden Kommentars, aber sie ließen mir meinen Spaß.

*

Es war ein Desaster. Meine Finger waren steif und ungelenk wie die eines gichtkranken Greises. Ich stolperte über ein Mikrofonkabel, und der Verstärker schrie wütende Rückkopplungen, als ich mich an ihm vorbei nach vorne auf die Bühne schob. Ein Stöhnen ging durch das Publikum. Ich wagte nur einen kurzen Augenaufschlag, doch der reichte, um die Stimmung wahrzunehmen. Die Leute lauerten. »Na, dann zeig mal, was du drauf hast, du Pseudo«, sagten ihre verkniffenen Gesichter.

Am andern Ende des Raums hingen ein paar Alt-Irrlichter an der Bar und wirkten extrem erbost darüber, dass ich sie bei ihren Zwiegesprächen mit ihren Bierkrügen unterbrach, dazwischen waberte eine einzige Masse von Iros, Lederjacken und Bierflaschen. Ich spielte mich schwitzend um Kopf und Kragen, und obwohl es ein langsames Stück war, lag ich doch immer eine Viertelnote daneben. Ich vermisste den Nebel.

Doch dann, nach Sekunden, die sich wie Stunden angefühlt hatten, setzte Maize endlich mit der Bassline ein, und auf einmal war das, was hier passierte, Musik – und nicht mehr bloß E-Gitarren-Katzenjammer. Ich schaute auf, wir nickten uns zu. Wie immer, wenn er konzentriert spielte, hatte er den Unterkiefer vorgeschoben und die Augen halb geschlossen. Ruhig und auf den Punkt rollte der Bass. Das gab mir Sicherheit, das klang nicht schlecht. Ich starrte wieder auf den Hals meiner Gitarre, wo meine linke Hand irgendwelche Dinge tat, auf die ich keinen Einfluss mehr hatte, und war berauscht vom Gesamtklang unserer siebenköpfigen Kapelle, als auch die anderen auf die Bühne gekommen und mit ihren Instrumenten eingestiegen waren.

*

Und mein Opa? Der machte wilde Sachen. Der ging mit einer seiner Ladys zum Schwimmen oder Tanzen oder ließ sich bei einem Vereinsfest blicken. Der hatte seinen Papierholzhandel aufgegeben und war nun mit seinem Seniorenklub beschäftigt, wo er ehrenamtlich Französischunterricht gab. Er reiste in die USA, um die Orte seiner Gefangenschaft ausfindig zu machen, und tauschte sich mit ehemaligen Wärtern und deren Nachkommen aus. Später, da muss er schon Ende achtzig gewesen sein, fuhr er mit seinen Kindern nach Corbie, wo er als Wehrmachtssoldat stationiert gewesen war; auch dort lernte er Veteranen kennen und pflegte im Anschluss eine Art Brieffreundschaft mit einem Lokaljournalisten, der über den Besuch geschrieben hatte. Außerdem war der alte Sturkopf die ganze Zeit schwer beschäftigt mit dem Rechtsstreit, den er noch immer mit der Bundesrepublik führte: Dass Miftar und seine Familie in den Kosovo abgeschoben worden waren, lag schon länger zurück. Nichts hatte die »Rückführung« (in Form eines nächtlichen Polizeibesuchs) verhindern können, auch nicht, dass mein Opa Miftar zuvor adoptiert hatte. Inzwischen ging es nur noch darum, Miftar zu Besuch ins Land zu holen oder ihm eine Arbeitserlaubnis auf Zeit zu beschaffen. Aber auch diese Versuche liefen meist ins Leere. Der deutsche Staat und seine Bürokraten auf den Ämtern blieben hart.

Mein Opa war kein Deutschlandfan. Noch nie. Sein ganzes Erwachsenenleben war von der Erinnerung an die NS-Diktatur geprägt, sie bildete die Grundlage für ein tief verankertes Misstrauen. Aber erst im Alter, als er sich verstärkt mit der deutschen Vergangenheit beschäftigte, wurden ihm auch Entwicklungen der Gegenwart um so deutlicher – und wie sehr sie ihm gegen den Strich gingen. Er begann, Leserbriefe zu schreiben (zur Griechenlandkrise, zum NPD-Verbotsverfahren, zur Umbenennung der Hindenburg-Schule in Bad Säckingen), und schimpfte über die deutsche Außenpolitik, die er oft als heuchlerisch bezeichnete. Mit einer glorreichen Aktion machte er sich sogar strafbar: Damit die Behörden nichts davon mitbekamen, dass Miftar in Deutschland gewesen war (er war inoffiziell eingereist, um ein paar Wochen auf dem Hof zu arbeiten), packte mein Opa den Zweimetermann kurzerhand in den Kofferraum und fuhr ihn unentdeckt über die Grenze in die Schweiz – von wo aus er dann zurück in den Kosovo reisen konnte, ohne in Deutschland etwas angehängt zu bekommen.

Ich habe mich oft gefragt, woher mein Opa seine Energie nahm. Seine positive Energie. Seine Haltung. Seinen Gerechtigkeitssinn. Woher den unermüdlichen Gestaltungswillen? War es das Vorbild, das seine Mutter ihm gegeben hatte, ihr christliches Weltbild? War es die politische Einstellung seines Vaters, der schon früh vor den Nazis gewarnt hatte? Oder waren es eher spätere Erfahrungen, die er mit seiner Frau, meiner Oma Erna, machte, die einen solchen Einfluss auf ihn hatten? Vermutlich all das zusammen. Vor allem aber mag es die Gefangenschaft gewesen sein, die ihn zu einem freien Menschen machte – die Gefangenschaft in den USA.

*

Im Irrlicht war man natürlich nicht gut auf die USA zu sprechen (nur Deutschland war schlimmer). Die USA standen für Militarismus, religiösen Fanatismus, Umweltzerstörung, Verblödung und Fettleibigkeit – ihre Statussymbole waren nicht mehr die Freiheitsstatue, sondern Guantánamo, Abu Ghraib und das Emblem der National Rifle Association. In meiner Jugend wurde immer deutlicher, wie verdammt viel Dreck die Amis an ihrem Stecken hatten. Verkörpert durch George W. Bush und dessen Krieg gegen die »Achse des Bösen«, der im Irak anstelle der angeblichen Massenvernichtungswaffen nur Ölfelder und lukrative Verträge über den Wiederaufbau des »befreiten« Landes fand.

Mein Opa hat die Trump-Wahl nicht mehr miterlebt. Er hätte den Kerl verteufelt. Für ihn war »America« längst »great«. War’s immer gewesen. Die Amerikaner hatten die Welt von Hitler befreit. Und obwohl sie von all den Greueltaten der Deutschen gewusst hatten, hätten die Amerikaner ihre Gefangenen nach internationalem Recht behandelt – wie Menschen, nicht wie Bestien. Per Marshall-Plan hätten sie Westdeutschland wieder auf die Beine geholfen. Dass dies nicht nur aus altruistischen Gründen geschah, war weniger ein Thema für meinen Opa. Was für ihn zählte, war vor allem das, was er selbst vor Ort als Prisoner of War erlebt hatte. Wer selbst »in der Fremde« gelebt hat, kann leichter Berührungsängste überwinden und Empathie für diejenigen entwickeln, die sich in Deutschland fremd fühlen, weil sie aus einer anderen Sprache, Kultur oder Religion kommen. Ich weiß nicht, ob die Gastarbeiterinnen und -arbeiter, die mein Opa im Laufe der Zeit beschäftigte, nur einen Hungerlohn bekamen, schließlich war er in mancher Hinsicht sparsam bis zur Knauserigkeit (keiner feilschte wie er!). Mir scheint aber, dass sie für ihn mehr waren als billige Arbeitskräfte, vielleicht nicht immer, aber doch sehr oft. Das jedenfalls schließe ich aus den zahlreichen Freundschaften, die sich entwickelten und über Jahre und Jahrzehnte erhalten blieben, in Form von Anrufen, Grußkarten und Besuchen aus allen möglichen Ländern.

Ich erinnere mich zum Beispiel gut an Francisco und Francesca, die in den Siebzigern aus Katalonien gekommen waren und später alljährlich bei meinem Opa und meinen Eltern anriefen, um uns in (immer unverständlicher werdendem) Alemannisch frohe Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen. Und auch an Daljit aus Indien. Ein kräftiger, schöner Mann, mit langem schwarzem Vollbart und einem beeindruckenden Turban. Seit ich denken kann, gab es immer wieder Neuigkeiten aus Amerika, wo sich Daljit nach seinem Aufenthalt in Deutschland selbstständig machte, wo er heute mehrere Restaurants betreibt und seine Söhne auf die Uni schicken konnte. Als er erfuhr, dass mein Opa im Sterben lag, buchte er kurzerhand einen Flug. Er wollte sich verabschieden. Meiner Mutter erklärte er, wie wichtig ihm das gewesen sei, und warum er so eine besondere Beziehung zu meinem Opa hatte. Er sei damals mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen als 23jähriger nach Deutschland gekommen. »Zum Schaffe«, sagte sie, »for work«, hatte er gesagt. Und da bei den Langholztouren immer auch viel Zeit zum Reden blieb, entwickelte sich mein Opa ein bisschen zu seinem Ersatzvater, der ihm viel erklärte und sich seine Gedanken anhörte – im Gegensatz zu seinem Vater zu Hause, der immer »busy« gewesen sei und keine Zeit für ihn gehabt habe.

*

»Wolfgang für Anfänger« endete nach einem langen melancholischen Trompetensolo und ging direkt über in den nächsten, einen schnellen Ska-Song. Jemand grölte. Ein anderer schrie: »Oi, oi, oi!« Und ein Mädchen mit geschwärzten Augenrändern und einer Kette, die von Nasen- zu Ohrring gespannt war, wurde an die Bühnenkante zu meinen Füßen gespült, sprang aber sofort wieder auf und warf sich in die Menge. So kann’s weitergehen, dachte ich und schüttelte brav den Offbeat in meine sechs Saiten.

»Wollt ihr ein bisschen tanzen?« jaulte Alwin und die Leute antworteten – höchst unartikuliert, aber sie antworteten. Er hatte sie alle am Wickel: die Rude Boys mit den Hosenträgern, die einsachtzig große Oi-Skin-Braut, die Punks, die Headbanger, die Reggae-Löwen und die Handvoll Hopper, die sich hierher verirrt hatten, anstatt im Jugendzentrum abzuhängen, alle. Es wurde gepogt, geskankt, gebounced, gehottet. Und spätestens als unsere Bläsercombo aus Resa, Richard und Felix ihre in qualvollsten Stunden einstudierte Choreographie performte, begann auch noch das letzte Alt-Irrlicht in unserem Takt zu nicken.

Ganz so, als hätte es noch dieser Zustimmung durch den Ältestenrat bedurft, sprang genau in diesem Moment zwischen unseren Verstärkern die Nebelmaschine an, und ein einziger kollektiver Gedanke stieg zwischen den Köpfen der Tanzenden in den Raum auf: Die Zukunft dieser Band, so dachten sie unisono, wird eine glorreiche sein. Und das war sie dann auch. Wenn auch nur für kurze Zeit. Der Rest liegt im Nebel.

Valentin Moritz wurde 1987 in Südbaden geboren und studierte in Berlin und Sevilla. Seit 2014 veröffentlicht er Prosatexte in diversen Literaturzeitschriften, Anthologien und Magazinen. Er lebt in Berlin.

Valentin Moritz: Kein Held. Erinnerungen. Badischer Landwirtschaftsverlag, Freiburg im Breisgau 2020, 224 Seiten, 18 Euro

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