Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Manchmal im Zickzack gehen

Lenin 1920: Revolutionäre, die von vornherein auf Kompromisse verzichten, sind keinen Pfifferling wert (Teil VII und Schluss)
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»Sich im voraus die Hände zu binden, dem Feind, der heute besser gerüstet ist als wir, offen zu sagen, ob und wann wir mit ihm Krieg führen werden, ist eine Dummheit und keine revolutionäre Tat«: Demonstration französischer Gewerkschafter und »Gelbwesten« in Paris (Februar 2019)

Keinerlei Kompromisse?

Naive und ganz unerfahrene Leute bilden sich ein, es genüge, die Zulässigkeit von Kompromissen überhaupt anzuerkennen – und schon werde jede Grenze verwischt zwischen dem Opportunismus, gegen den wir einen unversöhnlichen Kampf führen und führen müssen, und dem revolutionären Marxismus oder Kommunismus. Wenn aber solche Leute noch nicht wissen, dass alle Grenzen sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft beweglich und bis zu einem gewissen Grade bedingt sind, so ist ihnen nicht anders zu helfen als durch anhaltende Belehrung, Erziehung, Aufklärung, durch politische und alltägliche Erfahrung. Wichtig ist, dass man es versteht, unter den praktischen Fragen der Politik jedes einzelnen oder besonderen historischen Augenblicks diejenigen herauszufinden, in denen die hauptsächliche Spielart der unzulässigen, verräterischen Kompromisse zum Ausdruck kommt, die den für die revolutionäre Klasse verhängnisvollen Opportunismus verkörpern, und alle Kräfte auf die Bloßstellung dieser Kompromisse, auf den Kampf gegen sie zu konzentrieren. Während des imperialistischen Krieges 1914–1918 zwischen den zwei Gruppen von Ländern, die gleichermaßen eine Raub- und Eroberungspolitik trieben, war eine solche hauptsächliche, entscheidende Spielart des Opportunismus der Sozialchauvinismus, d. h. das Eintreten für die »Vaterlandsverteidigung«, die in einem solchen Kriege praktisch der Verteidigung der räuberischen Interessen der »eigenen« Bourgeoisie gleichkam. Nach dem Kriege waren die Verteidigung des räuberischen »Völkerbundes«, die Verteidigung der direkten oder indirekten Bündnisse mit der Bourgeoisie des eigenen Landes gegen das revolutionäre Proletariat und die »Räte«bewegung, die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie und des bürgerlichen Parlamentarismus gegen die »Rätemacht« die hauptsächlichen Äußerungen jener unzulässigen und verräterischen Kompromisse, die in ihrer Summe den für das revolutionäre Proletariat und seine Sache verhängnisvollen Opportunismus ergaben. (…)

Krieg führen zum Sturz der internationalen Bourgeoisie, einen Krieg, der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der hartnäckigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten, und dabei im voraus auf das Lavieren, auf die Ausnutzung von (wenn auch zeitweiligen) Interessengegensätzen zwischen den Feinden, auf Übereinkommen und Kompromisse mit möglichen (wenn auch zeitweiligen, unbeständigen, schwankenden, bedingten) Verbündeten verzichten – ist das nicht über alle Maßen lächerlich? Ist das nicht dasselbe, als wollte man bei einem schwierigen Aufstieg auf einen noch unerforschten und bisher unzugänglichen Berg von vornherein darauf verzichten, manchmal im Zickzack zu gehen, manchmal umzukehren, die einmal gewählte Richtung aufzugeben und verschiedene Richtungen zu versuchen? (…)

Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das »reine« Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich mannigfaltiger Übergangstypen vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirbt), vom Halbproletarier zum Kleinbauern (und kleinen Handwerker, Hausindustriellen, Kleinbesitzer überhaupt), vom Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb des Proletariats selbst nicht Unterteilungen in mehr oder minder entwickelte Schichten, Gliederungen nach Landsmannschaften, nach Berufen, manchmal nach Konfessionen usw. gäbe. Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewussten Teil, für die kommunistische Partei absolut unumgänglich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit verschiedenen Parteien der Arbeiter und der Kleinbesitzer zu schließen. Es kommt nur darauf an, dass man es versteht, diese Taktik so anzuwenden, dass sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des proletarischen Klassenbewusstseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und Siegesfähigkeit beiträgt. (…)

Sich im voraus die Hände zu binden, dem Feind, der heute besser gerüstet ist als wir, offen zu sagen, ob und wann wir mit ihm Krieg führen werden, ist eine Dummheit und keine revolutionäre Tat. Den Kampf aufzunehmen, wenn das offenkundig für den Feind und nicht für uns günstig ist, ist ein Verbrechen, und Politiker der revolutionären Klasse, die nicht »zu lavieren, Übereinkommen und Kompromisse zu schließen« (Zitat aus der Broschüre der »linken« Opposition in der KPD, jW) verstehen, um einem offenkundig unvorteilhaften Kampf auszuweichen, sind keinen Pfifferling wert.

Wladimir Iljitsch Lenin: »Der ›linke Radikalismus‹, die Kinderkrankheit im Kommunismus«, Moskau 1920. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Band 31. Dietz-Verlag, Berlin 1970, Seiten 55–63

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