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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kunst und Repression

»Die Solidarität war wie ein Stück Poesie«

Gespräch mit Dogan Akhanli. Über seine vier Verhaftungen, Politik zwischen Literatur und Schauspiel, den Umgang mit Völkermord und rechter Gewalt
Interview: Serdat Komar und Mario Tal
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»Das Heimweh hatte solche Ausmaße angenommen, dass ich selbst an der Existenz meines am äußersten Ende der Schwarzmeerküste liegenden Geburtsdorfes zu zweifeln begann«: Solidaritätskundgebung für den festgenommenen Dogan Akhanli im Dezember 2010 in Istanbul, u. a. mit Günter Wallraff (r.)

Zur Zeit sind die Schauspielhäuser geschlossen. Aber mal ganz ehrlich: Wie oft gehen Sie normalerweise in die Oper?

Selten. Ich habe 2011 an der Kölner Oper an der »Messa da Requiem« von Giuseppe Verdi mitgewirkt. Als Sprecher. Vier Monologe, die aus authentischen Erlebnissen entstanden waren, verband Regisseur Clemens Bechtel mit dem Stück Verdis. Ich las auf der Bühne aus meinem Roman »Die Richter des Jüngsten Gerichts« und berichtete über meine kafkaeske Festnahme 2010 in Istanbul. Wenn Sie auf meine diesjährige Rolle an der Bonner Oper anspielen: Die »Fidelio«-Inszenierung von Volker Lösch war ein großes Glück, mit solch einem Erfolg war nicht zu rechnen.

Zuletzt kam mit »Verhaftung in Granada« am Schauspiel Köln Ihre Biographie auf die Bühne. Verhaftet wurden Sie 1971, 1985, 2010 und 2017. Dazwischen lag Ihre Flucht nach Deutschland 1991. Bei der ersten Verhaftung waren Sie noch keine 20 Jahre alt. Was war der Vorwurf und was bedeutete das für Ihre weitere politische Entwicklung?

Das war die totale Willkür. Ich hatte eine legale, linksgerichtete Wochenzeitung gekauft und wurde verhaftet. Ich wurde ins Gefängnis geworfen und elf Tage lang verhört, misshandelt und gefoltert. Ich war 18 Jahre alt und so naiv, dass ich glaubte, der Staat wäre für mich da und würde mich beschützen. Ich betrachtete die Männer, die mich folterten, wie man im Türkischen sagt, als »Amca«. Diese »Onkel« taten mir aber weh, und das aus einem Grund, den ich nicht verstand. Mein Vertrauen in den Staatsapparat ist an diesem Tag erloschen. Ich konnte dieses Unrecht nicht ertragen. Im Gefängnis konnte ich durch Hilfe der politischen Gefangenen meine Ängste überwinden und meine verletzte Ehre zurückgewinnen. Danach hatte ich nur ein einziges Ziel: diesen Gewaltapparat zu zerschlagen.

Davon berichteten Sie zuletzt auch in der erwähnten »Fidelio«-Inszenierung an der Bonner Oper. Bereits 2017 in dem Theaterstück »Istanbul«, in dem Sie selber mitwirkten, ist die Rede von Ihrer Biographie. In beiden Stücken erfahren wir auch von Ihrem Gefängnisaufenthalt von 1985 bis 1987.

Die zweite Verhaftung von 1985 war anders als die erste. Die willkürliche Gewalt hatte aus einem harmlosen Jungen einen entschlossenen Kämpfer gemacht. Deshalb war ich nach dem Militärputsch von 1980 nicht ins Exil, sondern in den Untergrund gegangen. Niemand hatte mich gezwungen, bei der damaligen gefährlichen Lage weiter gegen das Militär zu agieren. Das war eine freiwillige Entscheidung. Ich wusste genau, was mir passieren würde, wenn sie mich verhaften. Deshalb konnte ich mit der zweiten Verhaftung samt der Folter besser umgehen als mit der ersten. Ich habe lange Zeit die erste Verhaftung verdrängt. Während ich das Buch »Fasil« schrieb, setzte ich mich damit auseinander.

In »Fasil« gewinnt man den Eindruck, auch der Folterer selbst ist ein Gefangener des Systems. Wie ist das gemeint? Hat er im Gegensatz zum Gefangenen nicht immerhin eine Wahl?

Mein Folterer war ein Liebhaber der ­Fasil-Musik (Fasil bezeichnet eine Musikform der persisch-arabisch-türkischen Klassik, jW). Seine Kenntnisse der Musik, die die einzige menschliche Verbindung zwischen uns war, irritierten mich. Meine Kenntnisse irritierten wiederum ihn. Er kannte mein Gesicht. Da meine Augen verbunden waren, gibt es aber in meiner Erinnerung kein Gesicht von ihm, für das ich Sympathie oder Hass empfinden könnte. Er hatte natürlich die Wahl, sich anders zu verhalten. Zudem gibt es kaum Folterer, die sich später mit ihrer Tat auseinandersetzen. Ich habe ihn in meinem Buch als Figur in eine Lage gebracht, in der er sein Verbrechen zugeben musste, während er seine Tat rechtfertigte. Das war sozusagen meine späte Rache an ihm.

2010 reisten Sie entgegen dem Rat Ihres Anwalts und Ihrer Kinder in die Türkei. Die erinnerten etwa an den 2007 ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink. Doch Sie verwiesen auf »triftige Gründe« für die Reise. Noch am Flughafen in Istanbul wurden Sie festgenommen. Welche Gründe hatten Sie?

Meinen kranken Vater zu sehen, war ein triftiger Grund. 35 Jahre lang war ich außerdem fern von meinem Geburtsort gewesen. Und 35 Jahre hatte ich immerzu von dem Haus geträumt, in dem ich geboren wurde. Das Heimweh hatte solche Ausmaße angenommen, dass ich selbst an der Existenz meines am äußersten Ende der Schwarzmeerküste liegenden Geburtsdorfes zu zweifeln begann. Um meinen Schmerz zu lindern, rief ich oft meinen noch immer dort lebenden Vater an und führte lange Gespräche mit ihm. Je länger wir sprachen, desto mehr wuchs in mir die Gewissheit, dass dieses Dorf doch keine Illusion war.

Ein Grund, warum ich nicht so besorgt über meine Reise war: Als die Türkei 2008 Gastland der Frankfurter Buchmesse war, legte die türkische Seite einen offiziellen Katalog vor, in dem unter 60 Romanciers auch ich mit »Madonnas letzter Traum« aufgeführt war. Man beschrieb mich sogar als äußerst kritischen Autor, bekannt geworden mit dem Buch »Die Richter des Jüngsten Gerichts«, das den Genozid an den Armeniern thematisiere; der Holocaust sowie die Erinnerungskultur seien meine Hauptmotive. Ich wurde zu einem Fernsehgespräch eingeladen, an dem auch der Staatssekretär des türkischen Kulturministeriums teilnahm, gemeinsam würdigten wir die erfreuliche Entwicklung der türkischsprachigen Literatur. Dass in der Türkei zur selben Zeit die Staatsanwaltschaft der Großen Strafkammer einen internationalen Haftbefehl mit besonderer Befugnis gegen mich erließ und ich weltweit gesucht werden würde, konnte ich nicht wissen.

Die Verhaftung im Kurzurlaub in Granada 2017 traf Sie aus heiterem Himmel. Die Türkei hatte Sie auf eine rote Liste gesetzt. Wie bewerten Sie die internationale Zusammenarbeit? Ist ein EU-Staat wie Spanien auch nicht besser als der türkische Staat?

Wie die Verhaftung in Granada funktionieren konnte, habe ich später aus einem Gastbeitrag des Rechtsanwalts Niko­laos Gazeas in der Zeit erfahren. Auf Grundlage des Europäischen Auslieferungsübereinkommens von 1957 sind die Türkei und Spanien wechselseitig zur Auslieferung gesuchter Straftäter verpflichtet, mit Ausnahme politisch Verfolgter. Doch der türkische Haftbefehl gegen mich lautete auf Totschlag im Zusammenhang mit einem Raubüberfall. Nur war ich von diesem Vorwurf 2011 freigesprochen worden. Der Freispruch wurde 2013 wieder aufgehoben, und so wurde ich auch bei Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. »Hätte Deutschland bei Interpol einen Artikel-3-Hinweis veranlasst« (also gewarnt, dass es sich möglicherweise um politische Verfolgung handelte, d. Red.), schrieb Gazeas in der Zeit, »wären die Spanier möglicherweise vorsichtiger gewesen. Das wäre möglich und hier auch ratsam gewesen.« Die Versäumnisse der deutschen Behörden wurden nach meiner Verhaftung in Granada durch die Intervention der deutschen Regierung wieder korrigiert. Ich wurde nach 24 Stunden freigelassen und zwei Monate lang in einem Gästezimmer des Goethe-Instituts Madrid untergebracht. Dort habe ich das Buch »Verhaftung in Granada« verfasst, das nun im Kölner Schauspielhaus inszeniert wurde.

In einem offenen Brief von 2017 sprachen Sie mit Blick auf die Unterstützung, die Sie bei Ihrer Verhaftung in Granada erfuhren, von der »Magie der Solidarität«.

Meine Rettung war tatsächlich ein Stück Poesie! Die Solidaritätskampagne, die in Köln entstanden war und sich bald bundesweit und auch in der Türkei ausweitete, holte mich aus dem Hasskreis der Willkür heraus. Ohne Solidaritätskampagnen hätte man später auch Deniz Yücel, Peter Steudtner, Mesale Tolu oder Adil Demirci nicht freibekommen. Nun hat sich die Lage in der Türkei so weit verschlechtert, dass die Solidaritätskampagnen kaum noch Wirkung haben. Die deutsche Politik muss jetzt mehr intervenieren und eine kompromisslose Haltung gegenüber der Türkei zeigen.

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Dogan Akhanli

Am Theater sind Sie in Stücken von Regisseuren aufgetreten, die gerne gesellschaftliche Fragen zuspitzen, wie Nuran David Calis (»Istanbul«, 2017) oder Volker Lösch (»Fidelio«, 2020). Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Wunderbar. Ich habe von beiden Regisseuren unheimlich viel über Theaterkunst gelernt. Nuran David entwickelte das Stück während der Probezeit. Volker Lösch begann die Proben mit dem fertigen Konzept.

Im Beethoven-Jahr 2020 war die Resonanz auf die Bonner »Fidelio«-Inszenierung gewaltig. In dem Stück wird ein Stopp von Waffenexporten und die Freiheit für alle politischen Gefangenen in der Türkei gefordert. Es endet mit dem Aufruf, Druck auf die Bundesregierung auszuüben. Was bedeutete die Aufführung für Sie?

Volker Lösch gibt in seinen Inszenierungen den Unterdrückten eine Stimme, er will aufklären und mobilisieren. Deshalb hat er vor einem Jahr Menschen interviewt, die in »Fidelio« Zeugnis ablegen konnten, so auch mich. Alle Dialoge im alten Libretto wurden durch die Aussagen der schließlich ausgewählten Zeitzeugen ersetzt. Zum ersten Mal erlebte ich in Deutschland, dass die Kurdenfrage, die in der Politik so oft ignoriert wird, von der Kunst selbstbewusst und selbstverständlich in den Fokus genommen wurde.

Auf der Bühne sprechen wir über die Unterdrückung der Kurden, über die Kontinuität der Gewaltgeschichte der Türkei, den Gründungsmythos der Türkischen Republik und über die Komplizenschaft Berlins mit den türkischen Herrschern. Es wurde nicht nur die Ignoranz der Politik sowie die Selbstgefälligkeit der Eliten und der Mittelschicht thematisiert, es wurde auch gegen das Wegschauen protestiert. Wer am Ende der Aufführung Beifall klatscht, wird kaum noch über das Leid der Kurden hinwegschauen können.

In Ihren Werken ist das Thema der Erinnerung an Völkermorde präsent, von den Deutschen oder mit deutscher Unterstützung von den Türken verübt. In dem Roman »Die Richter des Jüngsten Gerichts« und in anderen Beiträgen verhandeln Sie den Genozid an den Armeniern von 1915/16. Wie ist der Umgang der herrschenden Politik mit der Geschichte?

In Deutschland erlebte ich in den 90er Jahren eine intensive Debatte über die Nazizeit. Für die Verarbeitung von Genoziderfahrung drängte sich dabei für mich auf, nach Verbindungen zwischen dem Völkermord an den Armeniern und dem Holocaust zu fragen. Das halte ich zum einen in historischer Hinsicht für interessant. Zum anderen aber auch deshalb, weil in Deutschland viele Menschen leben, die mit einer Geschichte hierher gekommen sind. Zum einen mit der allgemeinen Geschichte ihres Herkunftslandes, aber auch mit deren Nachwirkungen bzw. Kontinuitäten. Das heißt: Viele von ihnen haben mit politischer Verfolgung und mit anderen Verbrechen zu tun gehabt. Für die bundesdeutsche Bildungspolitik aber war es in moralischer, ethischer und politischer Hinsicht nur wichtig, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Derweil verhinderte das wirtschaftliche und politische Interesse der Bundesrepublik, einen Genozid tatsächlich Genozid zu nennen: Für die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern brauchte (West-)Deutschland 101 Jahre – in denen zugleich die eigene Kolonialgeschichte relativiert wurde.

In Ihrem Roman »Madonnas letzter Traum« geht es u. a. um ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen, das 1942 vor Istanbul versenkt wurde. In »Die Tage ohne Vater« spielt auch der Umgang mit der Nazizeit eine Rolle. Sie sprechen von der Notwendigkeit eines »transnationalen Erinnerungsraumes«. Was meinen Sie damit?

Anfang der 90er Jahre bin ich als Flüchtling, der Gewalt erfahren hat, nach Deutschland gekommen. Und ich wusste nicht, wie ich mit meiner persönlichen Geschichte umgehen konnte. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was politische von schriftstellerischer Arbeit unterscheidet. Ohne die Diskussionen, wie ich sie über die Naziverbrechen mitbekam, hätte ich mir wahrscheinlich niemals die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur – im weiteren Sinne – eigenen Vergangenheit bewusstmachen können, also die Erinnerungen von Kurden, Armeniern, Aleviten, Juden und Griechen in Verbindung mit der jeweiligen Geschichte. Ich habe hier beobachtet und miterlebt, wie eine Gesellschaft mit ihrer genozidalen Geschichte umgeht, und zog Vergleiche. Was mich auch nachdenklich machte: Mit meiner damals achtjährigen Tochter hatte ich den Film »Das Leben ist schön« gesehen, anschließend sagte sie: »Gut, dass wir keine Deutschen sind.« Ich habe mit dem Roman »Madonnas letzter Traum« versucht, die monströsen Verbrechen in der Türkei und in Europa miteinander zu verknüpfen.

Wir wissen heute, was ab 1915 im ­osmanischen Reich geschah. Die Genozidforschung hat das Verbrechen an Armeniern und Aramäern – neben der Vernichtung der Juden, Roma und Sinti in Europa sowie die Vernichtung der Tutsi in Ruanda – als »totalen«, »endgültigen« und »absoluten« Völkermord eingestuft. Trotzdem wollte die türkische Politik die Vergangenheit ausradieren und ihr mörderisches Nationalstaatsprojekt fortsetzen, um die Zukunft gedächtnislos zu machen. Wir wissen heute, dass deutsche Offiziere als osmanische Militärberater an wichtigen Entscheidungen über die Deportationen der Armenier beteiligt waren. Wir wissen heute, dass deutsche Diplomaten bzw. Militärangehörige immer wieder Berichte nach Berlin sandten und das Ausmaß der Massaker schilderten. Ich frage mich, warum die deutsche Außenpolitik ihre Stimme nicht für Menschen- und Minderheitenrechte in der Türkei erheben will.

Warum hält es die deutsche Bildungspolitik nicht für nötig, die Aufarbeitung der eigenen Geschichte auch auf die Mitverantwortung an dem Genozid an den Armeniern und auf die eigene Kolonialgeschichte zu erweitern? Die Beschäftigung mit dem Völkermord an den Armeniern ist keine Relativierung der Schoah, sondern eine Erweiterung und Vertiefung der Aufarbeitung der deutschen Geschichte. Deshalb schlage ich vor, die koloniale und genozidale Vergangenheit nicht als nationale, sondern als transnationale Geschichte zu erzählen.

In dem Stück »Istanbul« spielt u. a. Kutlu Yurtseven mit, der dort mit anderen (Laien-)Schauspielern Erfahrungen mit den NSU-Anschlägen verarbeitet. Wie erleben Sie die jüngere Entwicklung in Deutschland – Stichwort: AfD, Hanau und die Verwicklung des Inlandsgeheimdienstes in die Neonaziszene?

In den 90ern erlebte ich hier, dass viele Menschen Begriffe wie »Nation«, »Fahne«, »Vaterland« oder »völkisch« nicht in den Mund nehmen wollten. Damit konnte ich mich identifizieren. Zugleich gab es Pogrome und Anschläge wie die von ­Rostock, Mölln oder Solingen, und ich konnte erkennen, dass eine Erinnerungspolitik, die uns vor dem Vernichtungsgeist der Nazizeit und seiner Wiederauferstehung in den Köpfen und Fäusten von Neonazis schützen soll, in einem Teil der Gesellschaft nie ankam. Dieser Teil Deutschlands will die Horrorgeschichte des deutschen Faschismus zurückhaben. Diese Leute agieren menschenfeindlich, beleidigen sechs Millionen Holocaust­opfer als »Vogelschiss« und töten Menschen, die ihnen nicht passen. Trotz aller Aufarbeitung wird es immer wieder Menschen geben, die sich als Propheten der Vernichtung betrachten, wie wir es zuletzt in Hanau erlebt haben. Rassistischen Gewalttätern ist es gelungen, das Gefühl zu vermitteln, dass wir in diesem Land nicht sicher sind.

Dadurch, dass der Staat bei der Verfolgung der Täter »versagt« hat, ist dieses Gefühl leider nicht abgeklungen. Wobei: Das Wort »Versagen« ist während des NSU-Prozesses zu einem banalen Begriff verkommen. Die Sicherheitsbehörden haben nicht bloß versagt. Wenn man die Protokolle des NSU-Prozesses oder die der parlamentarischen Untersuchungskommissionen liest, muss man sagen: Jene Sicherheitsbehörden, die uns eigentlich schützen sollten, haben es teilweise verdient, als Dulder und Mittäter betrachtet zu werden. Man braucht kein Experte zu sein, um zu wissen, dass der NSU kein Einzelphänomen war und ist. Es ist mehr denn je an der Zeit, die zivilen Teile der Gesellschaft zu unterstützen, die die Erinnerung und die Würde der Opfer verteidigen, gegenüber den rassistischen Gewalttätern, gegen Geschichtsrevisionisten und verbale Brandstifter.

Dogan Akhanli, 1957 in der Türkei geboren, hat zahlreiche Romane und ein Theaterstück verfasst. 1991 kam er als politischer Flüchtling nach Deutschland und lebte seitdem die meiste Zeit in Köln. Zuletzt erschien auf Deutsch: »Madonnas letzter Traum« (2019). Weitere Werke: »Die Richter des Jüngsten Gerichts« (dt. 2007), »Fasil« (türk. 2010), »Die Tage ohne Vater« (dt. 2016). In der Türkei mehrfach inhaftiert, wurde er 2017 in Spanien aufgrund eines türkischen Haftbefehls festgenommen und schrieb darüber das Buch »Verhaftung in Granada«, das 2020 am Schauspiel Köln auf die Bühne kam. Ebenfalls 2020 wirkte er an Volker Löschs Inszenierung der Beethoven-Oper »Fidelio« mit. 2013 erhielt er den Pfarrer-Georg-Fritze-Preis in Köln, 2018 den Europäischen Toleranzpreis in Österreich, 2019 wurde er mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

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