Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 10 / Feuilleton
Film

Ein Unfall der Wahrheit

Zum 75. Geburtstag: Der Film »Welt am Draht« von Rainer Werner Fassbinder
Von Peer Schmitt
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»Widerständig gegenüber der eigenen Paranoia« – Rainer Werner Fassbinder (31.5.1945–10.6.1982)

Das Jahr 1973 war »ein blödes Jahr«. In seiner Chronologie »Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder« (1992) bemerkt der gelegentliche Partner in Crime des Meisters, Peter Berling: »Das Jahr hatte Rainer Werner Fassbinder nur Ärger gebracht. Den meisten musste er sich selbst ankreiden.« So hatte der WDR die Serie »Acht Stunden sind kein Tag« nach der ersten Staffel abgesetzt. Gewerkschaften, Kirchen, Politik und Presse: Alle hatten sich gegen den Filmemacher verschworen.

Immerhin jedoch hatte der Sender – zu jener Zeit noch sehr aufgeschlossen gegenüber allerhand Wahnsinn – als »Trostbonbon« (Berling) sein Science-Fiction-Paranoia-Projekt »Welt am Draht« finanziert und sogar ausgestrahlt. Der zweiteilige, knapp dreieinhalbstündige Film, eine Adaption des Science-Fiction-Romans »Simulacron-3« von Daniel F. Galouye, verschwand daraufhin zwar erst mal ein paar Jahre weitgehend im Giftschrank, wurde schließlich aber 2010 rekonstruiert und als DVD veröffentlicht.

»Welt am Draht« ist ein gewaltiger, schlampiger Glücksfall. Ein Unfall der Wahrheit, ein bedeutendes Dokument der heillosen Frühsiebziger-Paranoia, die heute, da die Begrifflichkeiten der Verschwörungsfolklore aus dem popkulturellen Museum heraus wieder in die scheinbar seriöse allgemeine Öffentlichkeit gelangt sind, wohl aktueller ist denn je.

1973 war ja nicht nur ein blödes Jahr, sondern ein verdammt giftiges: Ölkrise und Inflation, Ruin der Automobilindustrie in Detroit, Militärputsch in Chile (der das dortige Experiment eines kybernetischen Sozialismus beendete) und natürlich Watergate.

Das neue Hollywood reagierte und schaltete auf Paranoia: »The Conversation« (Francis Ford Coppola, 1974), »The Parallax View« (deutsch »Zeug der Verschwörung«, Alan J. Pakula, 1974), »Three Days of the Condor« (Sydney Pollack, 1975), der Watergate-Film »All the President’s Men« (1976, ebenfalls von Pakula), »Network« (Sidney Lumet, 1976). Ausnahmsweise aber waren die Bundesdeutschen einmal früher dran.

1973 produzierte der WDR die beiden großen Verschwörungsfilme der alten BRD (zugleich auch Filme über den Großraum Köln/Bonn, ihr mittlerweile untergegangenes Zentrum an der Peripherie). Zum einen importierte man Samuel Fuller für den Tatort »Tote Taube in der Beethovenstraße«. Und dann eben »Welt am Draht«. Der Film, mit dem die aus Armut, Hektik und Dilettantismus geborene theatralische »Camp«-Ästhetik der frühen Fassbinder-Filme ihre Form vollendete: schwule Subkultur, verkauft als dick aufgetragener Futurismus.

Beispielhaft dafür das dekadente Partydekor ziemlich zu Beginn des ersten Teils. Klaus Löwitsch betritt als neuernannter Direktor eines ominösen Instituts für Kybernetik und Zukunftsforschung (IKZ) die Szenerie. Sein Vorgänger ist ungeklärt ums Leben gekommen. Er delirierte zuletzt von einem großen Geheimnis. Im Partyraum befindet sich ein Swimmingpool mit großer Schaukel, auf der attraktive Muskelmänner spielen. Vor einer hallenbadblauen Wand steht Barbara Valentin in einem hellblauen Plastikabendkleid im natürlich hellblauen Licht vor einer ausgetutschten Sektflasche und verlangt nach neuem Champagner. Der Kellner im Smoking, der ihn zu bringen hat, ist Rainer Langhans. Nebenbei verschwindet der Sicherheitschef des IKZ (Ivan Desny) ins große Nichts. Begleitmusik ist »Tristan und Isolde«.
»Welt am Draht« leidet keineswegs an Kleinmut und Untertreibung.

Später besäuft sich Löwitsch mit Valentin (dann im roten Kleid) in einer Schwulenbar mit Wendeltreppe. Gegen Ende des zweiten Teils kommt der dann bereits ziemlich durchgedrehte und von der Polizei verfolgte Löwitsch in einem Cabaret unter und bestellt bei einem Kellner mit weißgeschminktem Clownsgesicht »Wildschweinrücken und Gewürztraminer« (»Gute Wahl!«). Auf der Bühne läuft derweil eine lächerliche Nazisoldaten-Revue, die in der Füsilierung von Lili Marleen kulminiert.

Tatsächlich ist »Welt am Draht« ein Ausstattungsfilm. Fassbinders lebenslanges Faktotum Kurt Raab (der mit polierter Glatze einen der Verschwörer im IKZ spielt) besorgte den Stil: »Ich griff also voll in die Taschen des reichen WDR und stellte dem Rainer als erstes und Hauptmotiv ein prächtiges, kostbares Areal hin, in dem ich aus Spiegeln und Glas ein irreales Labyrinth einrichtete, das ich mit den teuersten futuristischen Möbeln, die in ganz München aufgetrieben werden mussten, vollstopfte.« (»Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder«, 1982).

Das irreale Labyrinth der Möbelgeschäfte wird zum »Computerraum« des IKZ; ein Spiegelsaal, in dem eine Durchschnittswelt simuliert wird, um Generalverdacht zu erregen.

Dietmar Dath hat in seiner »Niegeschichte« der Science-Fiction (2019) die Romanvorlage dem Subgenre »Wahn als Durchblick« zugeordnet. Paranoia ist der Zustand des Wissenden, der sich als Agent/Instrument großer Strippenzieher begreifen muss.

»Wie naiv und ahnungslos die Scheinwesen draußen herumliefen. Für uns war der Jüngste Tag (Doomsday) angebrochen, aber nur ich wusste es«, heißt es im Roman. Dessen Durchblicker, der sich, noch während er eine Simulation programmiert, als Programm in einer Simulation zumindest wähnt, ist dabei nicht ohne historisches Bewusstsein seines Symptoms: »Ich war ja schließlich nicht die erste Person, die sich mit dem Gedanken herumschlug, dass nichts wirklich ist. Man brauchte nur an die Solipsisten, die Berkeleyaner, die Transzendentalisten zu denken.«
Allerdings stammt der Roman noch aus den mittleren 60ern. Der Referenzpunkt der Verdachtsmomente ist, der Mode der Zeit entsprechend, die Werbeindustrie. In Fassbinders Version forscht das IKZ heimlich für die Stahlindustrie. Aber darauf kommt es natürlich nicht an. Was zählt, ist die Simulation in der Simulation, die Innenarchitekten und Werbefritzen ausgeheckt haben.

Der Amok laufende Alkoholismus von Klaus Löwitsch (selten ist er in dem Film ohne Bierpulle zu sehen) und das zu Übertreibung und lachhafter Obszönität neigende Stilgefühl Fassbinders aber wollten da nicht mitmachen. Ihre wütende Alles-ist-scheißegal-Disposition ist widerständig noch gegenüber der eigenen Paranoia. In einer der besten Sequenzen des Films verfolgt die Kamera von Michael Ballhaus in der Totalen durch ein Bauzaungitter hindurch den dunkel gekleideten Löwitsch, der wiederum von einem Baumaterial tragenden Greifer eines Krans verfolgt wird. Schweres Unheil schwebt gleichsam über ihm. Schnitt in eine halbnahe Einstellung: Löwitsch fragt eine Passantin in Beerdigungsaufmachung nach Feuer für seine Fluppe. Es entwickelt sich ein kurzer banaler, unterschwellig albern obszöner Dialog. Plötzlich springt Löwitsch aus dem Bild. Die Frau liegt nun zerquetscht unter dem Baumaterial. In ihrer aufgeklappten Handtasche sieht man ein Pornomagazin. Löwitsch hebt das Feuerzeug auf, von dem die Passantin kurz vorher behauptet hat, es nicht zu besitzen, und zündet sich damit seelenruhig seine Zigarette an. Unberührt schreitet er aus dem Bildausschnitt. Die Kamera bleibt auf dem Schutthaufen. Spätestens dann weiß man, dass nichts in dem Film, weder Wahn noch Wirklichkeit noch Konterfei, ihn etwas angehen muss.

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