Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 11 / Feuilleton
Wimmelbücher

»Alle teilen sich die große Welt«

Zum Kindertag: Über die Vorzüge von Wimmelbüchern. Ein Gespräch mit Cornelia Rémi
Von Robert Best
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Hilft die Multiperspektivität von Wimmelbildern Kindern, Empathie zu entwickeln?

Wimmelbücher erzählen durch Bilder. Große, detailreiche Bilder. Auf jeder Doppelseite wuselt soviel Leben wie in einem schwedischen Park Mitte Mai. Mit Springbrunnen, Eisständen, Hunden, die Bällen hinterherhecheln, und Kindern, die sich nass spritzen, beispielsweise (und das füllt dann nur die linke untere Ecke). Durch ihre sprunghafte, nichtlineare Erzählweise rücken Wimmelbücher Kinder an ihre älteren Lesepartner heran, lassen deren narrativen Vorsprung schrumpfen.

Die Bücher handeln von Themen wie »Wald«, »Winter«, »Dorf« oder »Stadt«. Gang und gäbe ist dabei die Idealisierung von Sujets und Schauplätzen. Neben beschaulichen, regional bestückten Marktplätzen stehen etwa Zwiebelkirchtürme. Flaneure sind unterwegs, Flaschensammler eher nicht. Viele Tableaus sind bei aller Buntheit von fragwürdiger Einheitlichkeit. So sind fast alle nicht »biodeutsch« aussehenden Erwachsenen in Rotraut Susanne Berners berühmtem »Frühlings-Wimmelbuch« Touristinnen und Müllmänner.

Bekanntester Wimmelbuchautor ist sicherlich Ali Mitgutsch (84). Seine Idyllen trügen ein wenig. Kleine Abgründigkeiten gehen in scheinbar urwüchsigen Ordnungen auf. Auf dem Umschlag von Mitgutschs Buch »Bei uns im Dorf« von 1970 zieht ein Junge einer Kuh am Schwanz und wird von einem Mann, Typ Oberlehrer, am Ohr gezogen. Das Aufschlüsseln der Kausalketten wird den Betrachtern überlassen. Kindern und Erwachsenen eröffnen solche Bilder die Möglichkeit, über Hackordnungen, das Nach-unten-Treten und alltägliche Gemeinheiten zu sprechen, ohne dass es eine Moral beziehungsweise überhaupt Anfang und Ende gäbe von einer Geschicht’.

Wimmelbücher sind noch nicht sehr lange Forschungsgegenstand der Literaturwissenschaft. Die Germanistin Cornelia Rémi von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat sich als eine der ersten mit ihnen beschäftigt.

Frau Rémi, was ist so besonders an Wimmelbüchern?

Die Fülle relativ gleichgroßer und gleichrangiger Figuren. Wimmelbilder haben meistens kein klares Zentrum, das unsere Aufmerksamkeit automatisch auf sich zöge, sondern schubsen und stupsen unsere Blicke mit schier endloser visueller Energie hin und her.

Was löst es bei den Betrachtenden aus, wenn das klare Zentrum fehlt?

Beim Umherwandern von einer Figur oder Figurengruppe zur nächsten beginnt man früher oder später, über die Gedanken und Gefühle der Figuren zu spekulieren. Außerdem könnte man danach fragen, welchen Ausschnitt des großen Panoramas, das wir auf einer Doppelseite überblicken, die Figur von ihrem Standort aus überhaupt wahrnehmen kann. Dadurch entsteht ein Eindruck von Multiperspektivität: Die Gesellschaft besteht aus Individuen, von denen jedes die Welt von seinem ganz eigenen Standpunkt aus wahrnimmt. Alle teilen sich die große Welt, alle nehmen sie unterschiedlich wahr. Für mich ist dieser Gedanke eine wichtige Voraussetzung, um soziale Empathie zu entwickeln.

Wie ist das in erzählenden Wimmelbüchern, in denen die Bilder nicht einzeln für sich stehen, sondern eine zusammenhängende Geschichte bilden, etwa bei Rotraut Susanne Berner oder Thé Tjong-Khing?

Hier lässt sich diese Perspektivenfülle noch deutlicher beobachten. Wenn zwei Figuren mit verschiedenen Vorgeschichten in einer Szene zusammentreffen, werden sie diese Szene verschieden wahrnehmen. Wenn man die Vorgeschichten zurückverfolgt, kann man das Verhalten der Figuren in dieser Szene besser verstehen. Es wird deutlich, dass die Menschen und ihr Handeln zusammenhängen, dass keiner vollkommen für sich agiert, sondern in soziale Zusammenhänge eingebunden ist. Das ist auch schon bei Mitgutschs Einzelbildern daran zu erkennen, dass er häufig Konflikt- und Streitszenen darstellt und damit ebenfalls das Zusammen- und Aufeinandertreffen verschiedener Personen und ihrer Blickwinkel in seine Bücher einbezieht.

Konflikte, besonders solche zwischen Erwachsenen, kommen in Wimmelbüchern für meinen Geschmack eher zu kurz. Außerdem empfinde ich die Figuren trotz demonstrativer Diversität oft als normiert und klischeehaft.

Doro Göbel und Peter Knorr entwerfen in ihren Wimmelbüchern das Bild einer sehr vielfältigen Gesellschaft, in der Menschen mit ganz unterschiedlichen Identitäten zusammenfinden. Besonders schön sieht man das an den Familien in ihren Büchern: Da gibt es nicht nur klassische Kernfamilien, sondern verschiedenste Familienmodelle, gleichgeschlechtliche Lebenspartner ebenso wie solche mit unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Hintergründen. Auch sind die Figuren nicht auf klassische Geschlechterrollen beschränkt. Verglichen mit der Welt in Ali Mitgutschs Wimmelbildern, erscheint dieser Kosmos deshalb motivisch deutlich bunter und vielfältiger, während bei Mitgutsch hellhäutige Figuren noch klar dominieren und diese Figuren überwiegend traditionellen Rollenmustern entsprechen. Das entspricht der Normalität der Entstehungszeit dieser Bücher – von heute her betrachtet, irritiert das ein wenig, konfrontiert Kinder dadurch aber vielleicht auch mit einer seltsam anderen Welt, die sich mit der geänderten Normalität heute vergleichen ließe.

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