Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 30.05.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Angeschlagenes Medienhaus

Ziemlich treue Freunde

Frankreichs Oligarchen Lagardère und Arnault paktieren gegen den nationalen Konkurrenten und umtriebigen Investor Bolloré
Von Hansgeorg Hermann
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Freut sich über privates Hilfsprogramm von Familienfreund Arnault: Konzernchef Arnaud Lagardère

In Frankreich beharken sich drei Oligarchen im Kampf um den Medienkonzern Groupe Lagardère. Dem finanziell angeschlagenen Konglomerat mit Frankreichs größtem Buchverlag, diversen TV-Beteiligungen, Zeitschriften (Paris Match) und Sportrechteverwertern des Erben Arnaud Lagardère kommt der momentan reichste Kapitalist des Landes, Bernard Arnault, zur Hilfe. Gegner im Streit um Besitzanteile und Medienmacht ist Vincent Bolloré, Chef des TV-Imperiums Vivendi. Unterstützt vom US-Investmentfonds Amber und dessen Boss Joseph Oughourlian will der bretonische Unternehmer sich mit seinen Getreuen im Aufsichtsrat der Lagardère SCA (Kommanditgesellschaft auf Aktien) festsetzen, um dort auf lange Sicht die Kontrolle zu übernehmen. Zünglein an der Waage ist bislang die Quatar Investment Authority des Golfemirats Katar, die sich Anfang Mai auf Seite des Firmenbosses schlug. Knapp 29.000 Beschäftigte müssen dem Streit um Besitz und Profit weitgehend machtlos zusehen.

Unter Freunden

Arnault bemühte sich bisher nicht um Anteile an Lagardères Konzern. Statt dessen kaufte er sich Anfang Mai mit 80 bis 100 Millionen Euro – eine genaue Zahl wurde nicht übermittelt – in dessen Finanzholding Capital & Management ein. Der Geschäftsmann ist in den vergangenen 30 Jahren mit der sukzessiven Übernahme des Luxuskonzerns Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) sowie der nahezu vollständigen Kontrolle international bekannter Modehäuser wie Dior, Givenchy oder Kenzo zu Frankreichs wohl mächtigsten Oligarchen aufgestiegen. 2020 erklärte ihn das US-Magazin Forbes zum drittreichsten Privatmenschen weltweit (69 Milliarden Euro). Der Einstieg in die Finanzholding wirkte wie eine rettende Liquiditätsspritze für Lagardère, dessen Geschäft bei einer Schuldenlast von rund 164 Millionen Euro an der Börse nur noch mit 100 Millionen Euro bewertet wurde. Frankreichs Wirtschaftspresse rätselt seither, warum der LVHM-Boss, der bislang nicht als Philanthrop auffiel, ausgerechnet für Lagardère den Geldbeutel öffnete.

Um profitgefährdenden Spekulationen vorzubeugen, ließ Arnault in der vergangenen Woche ein Kommuniqué veröffentlichen, in dem er die »alte Verbundenheit« zwischen den beiden »echt französischen« Unternehmerfamilien lobt: »Meine Freundschaft zu Jean-Luc Lagardère hat unsere Familien zusammengeführt, ich habe größten Respekt für die Gruppe, die er aufgebaut hat«, so Arnault – eine Reverenz an Lagardères Vater, den 2003 verstorbenen »emblematischen Gründer«, wie ihn in der vergangenen Woche die Pariser Tageszeitung Libération nannte. In der Tat sind sich die beiden Sippen in der Vergangenheit nicht nur wegen ihrer Verachtung des ruppigen Kontrahenten Bolloré nähergekommen. Arnault und dessen Sohn Antoine wirkten verschiedentlich als Treuhänder der verschuldeten Mediengruppe und präsentieren sich in der Öffentlichkeit gerne als Hüter des französischen, ja weltweiten Kulturerbes.

Mit den Editions Hachette gehört Lagardère eine auch unter kulturellen Gesichtspunkten beachtliche Verlagsgruppe. Der 59jährige Geschäftsmann verdiente in der Vergangenheit das meiste Geld allerdings vielmehr mit Modeläden und der Relay-Kette in internationalen Flughäfen. Das erwies sich als schlechtes Geschäft in Zeiten von Covidpandemie und geschlossenen Boutiquen, als Pluspunkt allerdings für einen Parfüm- und Modefürsten wie Arnault, dessen Handel mit Luxusware bestens mit der Ladenkette des »Familienfreundes« harmoniert. Arnault, der es sich erlauben kann, über die Coronakrise hinaus in die Zukunft zu investieren, habe »Zeit«, ließ in der vergangenen Woche ein namentlich nicht genannter Insider die Wirtschaftszeitung Les Echos wissen: »Wenn es für Arnaud Lagardère zur Katastrophe kommen sollte, ist er da.«

Ein Oligarchenstreit

Auch Lagardère blieb nicht untätig. Im März holte der verschuldete Arnault-Spezi den ehemaligen Präsidenten der Republik, Nicolas Sarkozy, und den früheren Generaldirektor der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF, Guillaume Pepy, in den Firmenaufsichtsrat. Das wirkte wie ein Ventil, das den Druck seiner Hausbank Crédit Agricole auf Rückerstattung geliehenen Geldes wohl erheblich verminderte. Dem Schuldenberg setzte er damit einen »crédit sociale« entgegen, einen mit »großen Namen« und politischen Einfluss verbundenen gesellschaftlichen Kredit, wie ihn im 19. Jahrhundert der Staatstheoretiker Alexis de Tocqueville beschrieb. Im Oligarchenstreit wirkt der Coup wie ein Konter gegen die mit Milliarden ausgestatteten Geldmenschen Bolloré und dessen Partner Marc Ladreit de Lacharrière.

Bolloré und Fondschef Oughourlian warten derweil ab, wie sich die Lageeinschätzung der Katarer entwickeln könnte. Amber hält derzeit 18 Prozent der Anteile bei Lagardère, Bolloré mit seinem Konzern Vivendi 16,48 Prozent. Das Aktienpaket des Investmentvehikels des Golfstaates ist nach Angaben von Les Echos inzwischen auf 20 Prozent der Anteile gewachsen.

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